Frankfurter-Rundschau-Interview

Taiwan-Vertreter über Konflikt mit China: „Was Europa derzeit mit Russland erlebt, das erleben wir seit Jahren“

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Im Interview spricht Taiwans De-facto-Botschafter über die Bedrohung durch Peking – und die überraschende Absage einer China-Reise des deutschen Außenministers.

Von seinem Bürofenster aus hat er einen beneidenswerten Blick auf den Deutschen Dom und den Berliner Gendarmenmarkt. Mit Deutschland verbindet Klement Gu viel, er hat hier studiert und viele Jahre lang auf diversen Posten in der taiwanischen Vertretung in Berlin gearbeitet. Seit drei Wochen ist er nun Repräsentant seines Landes in Deutschland. Botschafter darf er sich nicht nennen, weil Taiwan und Deutschland keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten. Ein Problem sei das aber nicht, sagt Gu im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Herr Repräsentant Gu, am Montag wollte der deutsche Außenminister zum Antrittsbesuch nach China reisen. Nun wurde der Besuch offenbar abgesagt. Überrascht Sie das?
Nein, das überrascht mich nicht. Herr Wadephul hat ja vor Kurzem in einer Rede das militärische Auftreten Chinas in der Taiwanstraße deutlich kritisiert und als Gefahr für die gesamte internationale Ordnung bezeichnet. Das war richtig! Aber es reicht nicht, so eine Botschaft nur einmal zu setzen, man muss sie regelmäßig wiederholen. Es wäre wichtig gewesen, wenn Herr Wadephul jetzt in China deutlich gemacht hätte, dass das Gewaltverbot, das ja einer der Grundsätze der Vereinten Nationen ist, auch für die Taiwanstraße gilt, oder erneut die Bedeutung des freien Warenverkehrs durch die Taiwanstraße betont hätte.
Militärübung im taiwanischen Hsinchu (Archivbild): Angesichts der Bedrohung durch China rüstet Taiwan weiter auf.

„Wir erleben jeden Tag Provokationen. Jeden Tag schickt China Kriegsschiffe und Kampfjets in die Nähe von Taiwan“

Wie konkret ist die Gefahr, die Ihrem Land derzeit durch China droht?
Wir erleben jeden Tag chinesische Provokationen. Jeden Tag schickt China Kriegsschiffe und Kampfjets in die Nähe von Taiwan – alleine im vergangenen Jahr haben wir mehr als 3000 chinesische Jets in unserer Luftraumüberwachungszone (ADIZ) gezählt. Hinzu kommen ständige Cyberangriffe, bis zu 2,4 Millionen Attacken – am Tag! Das, was Europa derzeit mit Russland erlebt – ständige Provokationen, etwa durch das Eindringen russischer Drohnen oder Jets in den Luftraum von Nato-Ländern –, das erleben wir in Taiwan seit Jahren.
Vor allem aus den USA kommen Warnungen, dass China schon in zwei Jahren Taiwan militärisch angreifen könnte.
2027 wird die chinesische Volksbefreiungsarmee 100 Jahre alt, außerdem wird sich Staats- und Parteichef Xi Jinping für eine vierte Amtszeit bestätigen lassen. Es ist also ein äußerst symbolträchtiges Jahr. Ich glaube aber, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass China schon bald einen großangelegten Angriff auf Taiwan starten wird.

Zur Person

Klement Gu ist seit Oktober taiwanischer Repräsentant in Deutschland. Zuvor hat er die Interessen seines Landes in Schweden und der Schweiz vertreten. Gu hat unter anderem in Bonn und Berlin studiert und arbeitet seit 1991 für den Auswärtigen Dienst Taiwans. 1994 kam er erstmals an die taiwanische Vertretung in Berlin.

Was macht Sie da so sicher?
Die militärischen Fähigkeiten der USA übersteigen die Fähigkeiten der Chinesen deutlich. Und die USA haben sich ja mehrfach dazu bekannt, Taiwan im Konfliktfall zu unterstützen. Wir sehen zudem einen Machtkampf innerhalb der chinesischen Führung. Und: Die chinesische Wirtschaft ist auf Halbleiter, wie sie etwa das taiwanische Unternehmen TSMC herstellt, angewiesen. Sollte China angreifen, würden diese Produktionskapazitäten zerstört. Die Führung in Peking weiß, dass ein Angriff nicht in ihrem Interesse wäre.
Denkt Xi Jinping wirklich so rational?
Das wissen wir natürlich nicht. Und deswegen müssen wir auf alle Szenarien vorbereitet sein. Unser Präsident, Lai Ching-te, hat vor Kurzem den Plan für ein Luftverteidigungssystem namens „T-Dome“ vorgestellt, mit dem chinesische Raketen oder Drohnen abgefangen werden sollen. Außerdem haben wir die Dauer der Wehrpflicht von vier Monaten auf ein Jahr erhöht.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa
Teile der US-Regierung fordern, dass Taiwan zehn Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Rüstung steckt.
Momentan geben wir etwas mehr als drei Prozent für Verteidigung aus. Bis 2030 sollen es fünf Prozent sein. Zehn Prozent sind derzeit nicht realistisch, dann müssten wir in anderen Bereichen kürzen, etwa bei Bildung, Gesundheit und Sozialem. Und das wäre nicht gut. 

„Die USA unterstützen uns seit Jahrzehnten militärisch, unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt“

In wenigen Tagen trifft sich Donald Trump mit Xi Jinping. Manche Beobachter befürchten, dass Trump Taiwan fallenlassen könnte, um einen Handelsdeal mit China zu erreichen. Teilen Sie diese Sorge?
Die USA unterstützen uns seit Jahrzehnten militärisch, unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt. Der Taiwan Relations Act und die Sechs Zusicherungen …
… mit denen der US-Kongress die USA dazu verpflichtet, Taiwan mit Waffen zur Verteidigung zu beliefern …
… gelten weiterhin. Zudem haben die USA erst vor ein paar Wochen ein Kriegsschiff durch die Taiwanstraße geschickt. Das war eine deutliche Botschaft an China.
Auch die damalige deutsche Bundesregierung hat im vergangenen Jahr erstmals seit Jahrzehnten wieder Kriegsschiffe durch die Taiwanstraße geschickt. Erhoffen Sie sich ein solches Signal auch von der neuen Regierung?
Das wäre ein starkes Signal. Und es wäre auch im Interesse Deutschlands, hier wieder Präsenz zu zeigen. Sicherheit in der Taiwanstraße ist im ureigensten Interesse Deutschlands, schon allein aus wirtschaftlichen Gründen: Mehr als 40 Prozent des gesamten EU-Handelsvolumens passieren die Taiwanstraße, 15 Prozent der deutschen Exporte gehen in die Indopazifik-Region, 19 Prozent der deutschen Importe kommen von hier. Taiwan ist der fünftgrößte Handelspartner Deutschlands in Asien und Deutschland der größte Handelspartner Taiwans in Europa, das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern liegt bei über 20 Milliarden US-Dollar im Jahr. Aber auch ungeachtet dieser Zahlen ist Taiwan ein natürlicher Partner für Deutschland.
Wie meinen Sie das?
Taiwan ist eine Demokratie, wir teilen dieselben Werte und dieselben Interessen. In Asien gibt es sonst nicht viele Demokratien, mit denen Deutschland derart vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Taiwan achtet die Menschenrechte, bei uns herrscht ein Rechtsstaat.
Von China kann man das nicht behaupten – und trotzdem ist die Volksrepublik der größte Handelspartner Deutschlands.
China ist nun mal ein riesiges Land und ein riesiger Markt. Viele Dinge werden in China produziert. Hinzu kommt: Im Bereich der Seltenen Erden hat China ein Monopol, fast alle Länder der Welt sind von China abhängig. Das ist natürlich ein großes Problem. Deswegen ist es richtig, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein „De-Risking“ von China fordert, also ein Verringern von Abhängigkeiten. In Taiwan haben wir unsere wirtschaftliche Abhängigkeit von China in den vergangenen zehn Jahren deutlich reduziert. Viele Unternehmen investieren jetzt in Südostasien, statt in China.
Sie vertreten die Interessen Taiwans in Deutschland, dürfen sich aber nicht Botschafter nennen, weil beide Länder keine diplomatischen Beziehungen zueinander unterhalten. Macht das Ihre Arbeit schwieriger?
Ich war seit Mitte der Neunziger auf verschiedenen Posten in der Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland tätig. Die Zusammenarbeit ist in dieser Zeit immer besser geworden. Dass ich mich nicht Botschafter nenne, ändert daran nichts. Außerdem werde ich von vielen Freunden, die ich im Deutschen Bundestag habe, durchaus als Botschafter angesprochen. Dass wir keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, macht es schwierig, Kontakte zu Ministern – etwa zum Außen- oder Verteidigungsminister – aufzubauen. Seit 1949, der Ausrufung der Volksrepublik China, ist die internationale Lage für Taiwan schon schwierig. Dazu kommt der chinesische Einfluss kombiniert mit dem „Ein-China-Prinzip“ der Volksrepublik China, welches sich darauf bezieht, dass Taiwan ein Teil der Volksrepublik China sei. Das unterscheidet sich erheblich von der Ein-China-Politik, wie sie Deutschland und die EU vertreten, die dies nicht besagt.
Auf andere Ministerien trifft das nicht unbedingt zu. Vor zwei Jahren war die damalige Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger in Taiwan, als erste deutsche Ministerin seit 26 Jahren.
Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass sich das wiederholt. In den Neunzigern ist sogar der damalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt nach Taiwan geflogen. Die aktuelle Wirtschaftsministerin Katharina Reiche wäre also auch sehr willkommen in Taiwan. 

Rubriklistenbild: © Daniel Ceng Shou-Yi/Imago

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