„Koalition der Willigen“: Militärs in London beratem über Ukraine-Friedenstruppe
VonMax Nebel
schließen
Starmer drängt, Europa zögert: London und Paris sind bereit, Truppen für die Ukraine zu entsenden. Aber auch die Briten haben nur 30 Panzer einsatzbereit.
London – Am Donnerstag (20. März), versammelten sich hochrangige Militärvertreter aus über 20 Ländern im britischen Militärhauptquartier Northwood, im Westen Londons, um über die Aufstellung einer internationalen Friedenstruppe im Ukraine-Krieg zu beraten. Das Treffen der von Großbritannien und Frankreich initiierten „Koalition der Willigen“ fand unter strenger Geheimhaltung statt.
Koalition der Willigen: Beratung in London über Aufstellung einer Ukraine-Friedenstruppe
Das Ziel der Koalition sei es, eine „glaubwürdige Kraft“ zu schaffen, die der Ukraine einen „dauerhaften Frieden“ ermögliche, erklärte Luke Pollard, Staatssekretär im britischen Verteidigungsministerium, gegenüber der BBC. „Putin wird nicht aufhören, wenn er in der Ukraine gewinnt. […] Das ist nicht in unserem Interesse“, betonte Pollard und deutete an, dass die Mission auch Bodentruppen erfordern könnte. Gleichzeitig warnte er davor, andere Nato-Flanken durch den Ukraine-Einsatz zu schwächen.
Experten schätzen, dass mindestens 30.000 Soldaten nötig wären, um die fast 2.000 Kilometer lange Frontlinie zu sichern – bei Rotation sogar bis zu 100.000. Doch die Liste der Willigen ist kurz: Während Großbritannien und Frankreich als Initiatoren gelten, halten sich Deutschland, Italien und auch Polen bislang eher zurück. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte den Plan laut The Telegraph gar „riskant, komplex und ineffektiv“.
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses
Westliche Friedenstruppen in der Ukraine: Putins Drohungen und Trumps Alleingänge
Kreml-Chef Wladimir Putin hat die Stationierung westlicher Truppen in der Ukraine bereits als inakzeptabel bezeichnet. „Moskau wird keine Nato-Soldaten dulden, egal unter welchem Vorwand“, hieß es in einer Mitteilung des Kremls. Putins jüngste Angriffe auf ein Krankenhaus in Sumy und Energieanlagen in Slowjansk – trotz einer angeblichen Zusage, ukrainische Infrastruktur zu schonen – unterstreichen derweil die Brüchigkeit der vermeintlichen russischen Zugeständnisse nach Putins Telefonat mit US-Präsident Donald Trump.
Während Trump direkt mit Putin verhandelt, marginalisiert er seine europäischen Partner. Trump schlug derweil in einem Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor, US-Firmen könnten ukrainische Kraftwerke „zum Schutz“ kaufen – konkrete Sicherheitszusagen für die Friedenstruppe blieben jedoch aus. „Europa sitzt am Katzentisch, während Washington und Moskau die Regeln diktieren“, kritisierte der ehemalige britische Verteidigungsminister Ben Wallace gegenüber Politico.
Der britische Premierminister Keir Starmer spricht beim Besuch einer Militärbasis in London, wo er mit Planern zusammentrifft, die die nächsten Schritte der Koalition der Willigen planen.
Europas militärische Schwächen: Nur fünf statt 40 Milliarden Euro Militärhilfen
Die Pläne offenbaren Europas Defizite: Das britische Militär etwa verfügt laut The Telegraph derzeit nur über 30 einsatzbereite Panzer von 120 – ein Symbol für jahrzehntelange Kürzungen. Verteidigungsminister John Healey räumte ebenfalls gegenüber Politico ein, die Streitkräfte seien nicht „kriegsbereit“. Auch die EU plant laut Handelsblatt offenbar zunächst nur fünf Milliarden Euro für kurzfristige Militärhilfen beziehungsweise Munition – statt der ursprünglich vorgesehenen 40 Milliarden. Auf größere Mittezusagen konnten sich 27 EU-Regierungschefs am Donnerstag bei einem Gipfel in Brüssel vorerst nicht einigen.
Hinzu kommt die ungeklärte Rolle der USA: Ohne amerikanische Luftunterstützung und Aufklärung, so die Warnung von Marina Miron vom King‘s College London, werde jede Friedenstruppe zu einer „Sitting Duck“, einem leichten Ziel, für russische Drohnen. „Ohne US-Rückendeckung sind europäische Truppen verwundbar. Russland könnte sie gezielt angreifen, um die Koalition zu demütigen“, erklärte Miron gegenüber Politico.
„Koalition der Willigen“ bleibt ein riskantes Unterfangen
Kritiker wie Ed Arnold vom Thinktank RUSI bemängeln, dass die Lehren aus dem Irakkrieg missachtet würden. Der Chilcot-Report, der klare Ziele und Exit-Strategien fordert, scheine vergessen: „Was ist das Ziel – Frieden sichern oder Putin stoppen?“, fragt Arnold in einem Politico-Bericht. Auch die Frage des Mandats bleibt ungeklärt: Dürfen Soldaten der Friedenstruppe auf russische Angreifer schießen? Starmer wich einer Antwort bisher aus.
Laut Kyiv Post/AFP rechnet London indes damit, dass mehr als 30 Nationen sich an der neuen Koalition beteiligen würden – allerdings nicht alle mit Kampftruppen. Ein Sprecher Starmers betonte, auch logistische Unterstützung wie Ingenieursdienste, die Nutzung von Flugplätzen oder Unterkünfte für Einsatzkräfte seien möglich. „Jedes Angebot zählt“, so der Tenor aus London.
Während Starmer also die „Vision einer durch Verteidigung gestärkten Gemeinschaft“ beschwört, so die Daily Mail, bleibt die „Koalition der Willigen“ ein riskantes Unterfangen. Putins Aggression, Trumps Isolationismus und Europas Schwächen lassen die Mission in den Augen einigen Betrachtern wie ein Himmelfahrtskommando erscheinen. Ob sie jemals Realität wird, hängt davon ab, ob die Willigen nicht nur reden, sondern handeln – und dabei Einigkeit zeigen. UK-Außenminister David Lammy jedenfalls sieht einen Schlüsselmoment gekommen: „Entweder Europa steht geschlossen – oder es zerbricht an Putins Spiel.“