Abtreibung als Kassenleistung?

Abtreibung im Koalitionsvertrag: Droht bei Union und SPD der nächste Streit?

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Ein Satz von Brosius-Gersdorf offenbart einen möglichen Konflikt zwischen Union und SPD. Über eine Passage des Koalitionsvertrags herrscht offenbar Uneinigkeit.

Berlin – Während im Konflikt um die abgesetzte Richterwahl noch immer keine Lösung in Sicht ist, könnte sich für Union und SPD mit der Debatte über das Abtreibungsrecht nun ein nächster Schauplatz auftun. Als die SPD-Kandidatin und Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf sich in der ZDF-Talksendung Markus Lanz äußerte, sorgte ein Satz für Aufsehen: „Im Koalitionsvertrag steht genau das, was ich vorgeschlagen habe.“

Nach Richterwahl-Eklat: Droht Union und SPD beim Abtreibungs-Recht der nächste Konflikt?

Dabei war es doch genau diese Haltung, die viele Unions-Abgeordnete dazu bewogen hat, nicht für die SPD-Kandidatin stimmen zu wollen? Brosius-Gersdorf bezieht sich mit Ihrer Aussage auf das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel, die Kostenübernahme für Schwangerschaftsabbrüche durch die gesetzliche Krankenversicherung zu erweitern. In Sachen Interpretation dieses Vorhabens scheint es bei Union und SPD jedoch noch Klärungsbedarf zu geben.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Kostenübernahme für Abtreibungen: SPD und Union mit unterschiedlichen Definitionen der Einigung

Die SPD-Abgeordnete Carmen Wegge erklärte Anfang dieser Woche im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, die Koalition habe sich bezogen auf Abtreibungen im Rahmen des Koalitionsvertrags auf zwei Punkte verständigt – „die ich auch wichtig finde“. Zum einen solle die Versorgungslage von ungewollt Schwangeren verbessert werden. „Und zum anderen, dass der Schwangerschaftsabbruch eine Kassenleistung werden soll“, so die Sprecherin der SPD-Linken im Bundestag.

Innerhalb der Union wird das Vorhaben offenbar anders interpretiert. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Susanne Hierl: „Eine grundsätzliche Eingliederung von Schwangerschaftsabbrüchen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkasse ist für mich nicht vorstellbar.“

Kostenübernahme bei Schwangerschaftsabbrüchen: Was bei Abtreibungen aktuell gilt

Derzeit gilt Folgendes: Übernommen werden die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch von der Krankenkasse, wenn medizinische oder kriminologische Gründe vorliegen. Schwangerschaften innerhalb der ersten zwölf Wochen dürfen in Deutschland dennoch abgetrieben werden – auch ohne medizinische oder kriminologische Indikation. Abtreibungen ohne Indikation sind in Deutschland zwar rechtswidrig, aber straffrei.

Nach Eklat um Richter-Wahl: Droht beim Thema Abtreibung nun der nächste Streit in der Koalition? (Symbolbild)

Die Krankenkasse zahlt in Deutschland jedoch nur rechtmäßige Abbrüche. Eine Ausnahme bei der Kostenübernahme gilt in Fällen wirtschaftlicher Bedürftigkeit – hier übernimmt jedoch das jeweilige Bundesland; nicht die Krankenkasse. Die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion erklärte gegenüber dem Tagesspiegel, sie interpretiere die Einigung im Koalitionsvertrag dahingegeben, dass hierbei die Einkommensgrenze bei der Möglichkeit zur Kostenübernahme von Schwangerschaftsabbrüchen angehoben werde.

Brosius-Gersdorf bei Lanz: Abtreibungs-Pläne können zum neuen Koalitionsstreit führen

Über das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel der schwarz-roten Regierung, die Kostenübernahme zu erweitern, sagte Brosius-Gersdorf am Dienstag: „Das kann sich nur auf die Frühphase der Schwangerschaft beziehen.“ Laut Bundesverfassungsgericht „darf es eine Leistungspflicht bei Schwangerschaftsabbrüchen nur dann geben, wenn er rechtmäßig ist“, zitiert Brosius-Gersdorf das Gericht. „Also geht auch der Koalitionsvertrag davon aus, dass ein Schwangerschaftsabbruch in der Frühphase rechtmäßig ist“, so ihre Schlussfolgerung.

Hier tun sich also juristische Fragen auf: Würden Schwangerschaftsabbrüche durch eine Erweiterung der Kostenübernahme rechtmäßig? Oder andersherum gefragt: Kann ein rechtswidriger Eingriff überhaupt eine Kassenleistung werden?

Planen Union und SPD Abtreibung als Kassenleistung? Juristin erklärt Voraussetzungen

Die Strafrechtlerin Theresa Schweiger erklärt gegenüber Ippen.Media unter Bezugnahme auf das von Brosius-Gersdorf angeführte Verfassungsgerichtsurteil: „Ein Schwangerschaftsabbruch, der durch das Gesetz – wie aktuell für den beratenen Abbruch innerhalb der ersten 12 Wochen – für rechtswidrig erklärt wird, kann aus verfassungsrechtlicher Sicht keine Kassenleistung werden.“ Daraus folge: „Sollen beratene Schwangerschaftsabbrüche Kassenleistungen werden, müsste man in der Tat den Schwangerschaftsabbruch rechtmäßig stellen.“

Das stehe wiederum im Widerspruch zum zuvor angeführten Urteil des Verfassungsgerichts, erklärt die Akademische Rätin a.Z. an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Eine weitere Möglichkeit sei, im Sozialgesetzbuch eine Ausnahme zu schaffen – auch dies stünde jedoch mit dem Urteil des Gerichts im Widerspruch.

Auf die Frage, ob ein rechtswidriger Eingriff überhaupt eine Kassenleistung werden kann, erklärt Schweiger: Ebenfalls im Widerspruch mit dem Urteil könnte sich der Gesetzgeber „grundsätzlich dazu entscheiden, unter bestimmten Voraussetzungen auch als rechtswidrig bewertete Eingriffe zu Kassenleistungen zu erklären“. Wie auch andere Juristinnen und Juristen hält die Strafrechtlerin es nicht für ausgeschlossen, dass das Gericht heute ohnehin zu einer anderen verfassungsrechtlichen Einschätzung und Bewertung kommen könnte, als es im Jahr 1993 der Fall war.

Im Koalitionsvertrag kündigen Union und SPD eine „Erweiterung der Kostenübernahme“ an. Die Formulierung, so die Juristin, „könnte tatsächlich so gelesen werden, dass es nur um eine Anpassung bei der Kostenübernahme von hilfsbedürftigen Frauen über eine Regulierung der Einkommensgrenzen geht“. Betrachte man „den gesamten Passus“ im Koalitionsvertrag „könnte man das Vorhaben auch so interpretieren, dass Schwangerschaftsabbrüche stets Kassenleistungen werden sollen“.

Reform des Abtreibungsrechts: Union und SPD bei Paragraf 218 uneins

Was eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts betritt, vertreten Union und SPD ohnehin unterschiedliche Haltungen. Die SPD wollte bereits in der vergangenen Legislaturperiode den Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch streichen. Das Vorhaben war Anfang des Jahres unter anderem an Widerstand der Union gescheitert. Die Ampel hatte damals eine Arbeitsgruppe zu Schwangerschaftsabbrüchen eingesetzt, die eine tiefgreifende Überarbeitung des geltenden Rechts vorschlug. Die Empfehlung: Abbrüche in der Frühphase einer Schwangerschaft sollten nicht mehr grundsätzlich strafbar sein.

Teil dieser Experten-Kommission war auch die SPD-Kandidatin für Karlsruhe, Frauke Brosius-Gersdorf. Vor der geplanten Wahl von zwei Kandidatinnen und einem Kandidaten für Karlsruhe am vergangenen Freitag hatte sich abgezeichnet, dass Brosius-Gersdorf in der Unionsfraktion keine Mehrheit bekommen würde. Grund sind unter anderem die liberalen Ansichten beim Thema Abtreibung. (pav)

Rubriklistenbild: © Florian Gaertner

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