Wilde Spekulationen

Kokain-Vorwürfe im Kiew-Zug mit Merz, Macron und Starmer? Frankreich nimmt Stellung

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Desinformation ist nicht zu unterschätzen. Das erlebten Macron, Starmer und Merz bei ihrer Kiew-Reise. Nun wehrt sich Frankreich gegen schwere Vorwürfe.

Update vom 13. Mai, 9.55 Uhr: Frankreich hat die Gerüchte um angeblichen Kokain-Konsum auf einer gemeinsamen Reise von Bundeskanzler Friedrich Merz, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Keir Starmer bereits entschieden zurückgewiesen. Auch Bilder des Treffens beweisen, dass es sich bei dem angeblichen Kokain-Beutel lediglich um ein Taschentuch von Macron handelte.

Im Netz hält sich das Gerücht dennoch hartnäckig. Größen in der Verschwörungsszene, wie etwa der US-Host Alex Jones, verbreiten mittlerweile sogar manipulierte Bilder, die den angeblichen Kokain-Konsum zeigen sollen.

Im Netz halten sich hartnäckige Gerüchte um angeblichen Kokain-Konsum von Merz, Macron und Starmer.

Update, 12. Mai, 19.49 Uhr: Nachdem Frankreich die absurden Behauptungen entlarvt hatte, Emmanuel Macron habe auf dem Weg nach Kiew Drogen konsumiert, äußerte sich nun der Kreml. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa schrieb auf ihrem Telegram-Kanal: „Im Allgemeinen stellt sich eine berechtigte und seit langem bestehende Frage: Was ist diese europäische Einheit? Den Aufnahmen aus dem Zug nach zu urteilen, liegt sie in der faktischen Legalisierung von Drogen und der absoluten Straflosigkeit politischer Regime und allgemein in ihrer Unmoral und Mangelhaftigkeit.“

Die Politikerin wiederholte die russische Propaganda und fügte hinzu, dass man noch eine Reaktion aus Berlin abwarten müsse. Scheinbar sarkastisch erklärte sie weiter, „dass jeder deutsche Bundeskanzler, der etwas auf sich hält, einen Zuckerlöffel in der Tasche hat. Natürlich im Interesse der europäischen Einheit.“ Wohl in Anspielung, die Bundeskanzler Deutschlands konsumierten Drogen.

Erstmeldung: Kiew – Am Freitag machten sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premierminister Keith Starmer in einem Sonderzug namens „Bravery Express“ nach Kiew auf, um der Ukraine Unterstützung und Solidarität bei ihrer Verteidigung gegen Russland zuzusichern. Wenig später kursiert online ein Video, aus dem kurzerhand Vorwürfe des Drogenmissbrauchs gesponnen werden. Während Anschuldigungen vor allem aus Russland kommen, stellt sich die Frage: Wie legitim sind die Vorwürfe, Macron, Merz und Starmer hätten im Zug nach Kiew gemeinsam Drogen konsumiert?

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Macrons, Merz’ und Starmers Kiew-Reise sorgt für schwere Anschuldigungen

In den sozialen Medien, wie etwa dem Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter) kursieren aktuell Videos der Zusammenkunft von Frankreichs Präsident Macron, Neu-Bundeskanzler Merz und dem britischen Premier Starmer während ihrer Zugreise nach Kiew. Ein Mitschnitt des Szenarios zeigt, wie die drei Regierungschefs dabei sind, sich an einen Holztisch mit drei Stühlen zu setzen. Auf dem Tisch: zwei Mappen und weitere Dokumente, zwei Gläser Wasser und ein weißer, zugegebenermaßen unschwer erkennbarer Gegenstand an jenem Tischende, an dem Macron Platz nimmt.

Nachdem sich die drei Regierungschefs nach einigem Händeschütteln zur Begrüßung an den Tisch setzen, machen sie sich für die Aufnahmen der anwesenden Presse bereit. Wäre da nicht jener weiße – und wegen verhältnismäßig schlechter Video-Qualität unscharfe – Gegenstand auf dem Tisch verblieben, der das Gesamtbild zugegebenermaßen etwas stört. Das scheint auch Frankreichs Staatschef ein Dorn im Auge, sodass er das weiße Knäuel kurzerhand und ohne viel Aufsehen in seiner rechten Hand verschwinden lässt. 

Vorwurf des Kokain-Konsums verbreitet sich in den sozialen Medien rasch – auch durch Propagandisten

Auf Instagram, X und weiteren Social-Media-Plattformen verbreitete sich das Video der drei Regierungschefs daraufhin wie ein Lauffeuer. Der Vorwurf: Bei dem schwer identifizierbaren weißen Ding handele es sich um ein gut gefülltes Päckchen Kokain, das Macron, Merz und Starmer zusammen konsumiert hätten. Bundeskanzler Merz soll demnach seinerseits angeblich einen Löffel zum Kokain-Konsum versteckt haben.

Nun jedoch wurden die Gerüchte des vermeintlichen Kokain-Konsums auf dem Weg nach Kiew entschieden von französischer Seite zurückgewiesen. „Dies ist ein Taschentuch. Um sich zu schnäuzen“, hieß es in einem Beitrag, der am Sonntag von den Social-Media-Verantwortlichen des Élysée-Palastes auf dem Kurznachrichtendienst X geteilt wurde und inzwischen von mehreren nationalen wie internationalen Medien aufgenommen wurde, darunter etwa The Daily Guardian und n-tv.

Teil des X-Beitrags ist auch eine Nahaufnahme, auf dem der weiße Gegenstand auf dem Tisch zweifelsohne als Taschentuch erkennbar wird. „Wenn die europäische Einheit unangenehm wird, geht die Desinformation so weit, ein einfaches Taschentuch als Droge auszugeben. Diese Falschinformation wird von den inneren und äußeren Feinden Frankreichs verbreitet“, hieß es im Beitrag des Élysée-Palastes weiter. Und: „Wir müssen uns vor Manipulation in Acht nehmen.“ 

Frankreich tritt Kokain-Vorwurf nun entschieden entgegen – und entlarvt ihn als Desinformation

Deutlich wurde nun auch, dass es sich bei Merz’ angeblichem Löffel schlichtweg um ein Stäbchen aus Holz zum Umrühren seines Heißgetränks handelte. Vor der Klarstellung durch den Élysée-Palast versuchten Propagandisten sowohl von russischer als auch US-amerikanischer Seite, den Drogenmissbrauchs-Vorwurf gegen Macron, Merz und Starmer rasch zu befeuern. Kirill Dmitrijew, Fondmanager und Putins Dealmaker betreffend Friedensgesprächen mit den USA im Ukraine-Krieg, äußerte sich kurz nach Erscheinen des Videos mit einem Beitrag auf X, in dem er schrieb: „Handelt es sich bei diesem Filmmaterial um künstliche Intelligenz oder um reale Aufnahmen? Wenn ja, handelt es sich um Zucker oder etwas ganz anderes? Wenn es sich um etwas anderes handelt, erklärt dies viele der jüngsten Ideen und Vorschläge.“

Alex Jones, Verschwörungstheoretiker und Gründer des Onlineportals Infowars, der dem radikal-rechten Spektrum in den USA angehört und als Unterstützer Trumps gilt, verbreitete das Video auf dem Kurznachrichtendienst X, gefolgt von den Worten: „Macron, Starmer und Merz sind nach ihrer Rückkehr aus Kiew auf einem Video zu sehen. Eine Tüte mit weißem Pulver auf dem Tisch. Macron steckt ihn schnell ein, Merz versteckt den Löffel. Keine Erklärung. Selenskyj, bekannter Kokain-Enthusiast, hatte sie gerade empfangen. Alle drei ‚Anführer‘ wirken völlig außer sich.“

Behauptungen, die sich als haltlos entlarven: Denn einerseits zeigt das Video die drei Regierungschefs auf dem Weg nach Kiew und nicht bei der Rückkehr aus der Stadt. Dass Selenskyj Kokain konsumiere, ist eine vom Kreml in die Welt gesetzte Behauptung, für die keinerlei handfeste Beweise existieren. Und was es mit dem vermeintlichen Päckchen Kokain auf sich hat, ist inzwischen auch bekannt. (fh)

Rubriklistenbild: © LUDOVIC MARIN/AFP

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