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Unter Ricarda Lang als Grünen-Chefin flog die Partei aus zwei Landtagen im Osten, es folgte der Rücktritt. Doch Deutschland bräuchte mehr Politikerinnen wie sie.
Frankfurt am Main – Es sind die Männer der Grünen Partei wie Robert Habeck, die für ihre Kommunikation gelobt werden. Er präge einen neuen Kommunikationsstil in der Politik. Das Problem: Zwar werden Habecks Auftritte in den Medien geliebt, an der Wahlurne aber abgestraft. So lag es sicher nicht alleine an der Parteivorsitzenden Ricarda Lang und Omid Nouripour, weshalb die Grünen bei den letzten drei Landtagswahlen aus zwei Parlamenten geflogen sind.
Dennoch wird gerade mit Ricarda Lang eine Politikerin abtreten, von denen man sich mehr in Deutschland wünschen müsste. Dabei geht es nicht um konkrete politische Inhalte, sondern um einen Stil des Politikers bzw. der Politikerin: Es braucht nicht nur diese Menschen, die für ihren professionellen und makellosen Kommunikationsstil gelobt werden, sondern auch jene, die den Phänomenen der Zeit mit professioneller Unsachlichkeit begegnen und dem Hass gekonnt den Unernst entgegensetzen können.
Grünen-Chefin Ricarda Lang wurde wegen ihres Aussehens in sozialen Medien herabgewürdigt
Ricarda Lang musste als Vorsitzende der Grünen ein dickes Fell beweisen: In den heutigen Zeiten Politik in dieser Partei zu betreiben, ruft viel Widerspruch hervor. Nicht zuletzt wegen des zweifelhaften Versuches, gemeinsam mit der FDP zusammen zu regieren.
Dazu kommt aber auch noch ein Heer von Männern in den sozialen Medien, die Lang ihre gesamte Amtszeit als Parteivorsitzende wegen ihres Aussehens herabwürdigten. Eine Ebene der Kommunikation, auf der kein Argument mehr zählt und kein Mensch mehr an einer ernsthaften Diskussion um den politischen Inhalt interessiert sind.
Die Spitzenpolitikerin der Grünen kultivierte für sich also die professionelle Unsachlichkeit, um der Unsachlichkeit im politischen Diskurs zu begegnen. Während ihr viel Spott entgegenschlug, weil von Ricarda Lang auf einer Wahlparty ein Foto geschossen wurde, auf dem sie in der einen Hand ein Telefon hält, auf das sie schaut, während sie mit der anderen Hand gleichzeitig eine Bierflasche ansetzt, machte sich die Politikerin selbst zum Meme und postete auf X (ehemals Twitter): „Wenn ich ‚Grillen muss erlaubt bleiben‘-Plakate sehe.“
Ricarda Lang-Post nach Rücktritt geht viral: „An allem sind die Grünen schuld“
Anders kann man den frauenverachtenden Facebook- und Zeitungskommentatoren auch nicht mehr begegnen. Deshalb teilte Lang nach ihrem Rücktritt wohl auch einen Cartoon des Satiremagazins Titanic, auf dem „Zehntausende lustige Facebook-Kommentatoren arbeitslos“ zu lesen und ein weinender Mann vor einem Computer zu sehen ist, der von einem anderen getröstet wird. Langs Caption dazu: „An allem sind die Grünen schuld“. Ein Post, der abermals viral geht.
Nun tritt Lang als Spitzenpolitikerin ab. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Art des Umgangs mit Hass – und insbesondere Frauenhass – ein Vorbild für die Zukunft politischen Kommunikation ist. Die professionelle Unsachlichkeit als Modus der Kommunikation gegen den Hass. Denn wenn ein Politiker oder eine Politikerin unabhängig von jedem Argument kritisiert wird, muss man dem Gegenüber auch nicht mehr ernsthaft antworten. (Moritz Post)
