VonLeonie Zimmermannschließen
Die jüngsten Vorschläge im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel zeigen: Wir müssen unsere Arbeitseinstellung überdenken. Ein Kommentar.
Berlin – In der vergangenen Woche gab es für Arbeitnehmer in Deutschland einiges zu verkraften. Angefangen damit, dass Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, sich für eine 42-Stunden-Woche starkmacht, um das Rentensystem zu retten. Und – als wäre das nicht schon genug – schlägt Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) auf Twitter vor, dass wir mehr Überstunden machen sollten, um die Folgen des Ukraine-Krieges und den zunehmenden Fachkräftemangel abzufedern.
Beide haben zwar ordentlich Gegenwind für ihre „innovativen“ Ideen bekommen, aber eben auch Zuspruch. Und während in anderen Ländern die Vier-Tage-Woche getestet wird und der Fokus immer mehr auf die Gesundheit der Arbeitnehmer rückt, diskutieren wir darüber, wie wir das Profil unserer Leistungsgesellschaft schärfen können. Und das ist eine fatale Entwicklung, die zeigt: Einige von uns haben nichts aus den letzten Jahren gelernt.
| Land: | Deutschland |
| Arbeitnehmer: | rund 45 Millionen |
| Offene Stellen: | 1,7 Millionen |
Weg vom Leistungsdruck: Zunahme von psychischen Krankheiten und mentaler Erschöpfung
Schon jetzt erleben wir eine Zunahme an psychischen Krankheiten und die mentale Erschöpfung einer ganzen Gesellschaft. Die Menschen dürsten nach zwei Krisenjahren danach, sich endlich mal wieder lebendig zu fühlen. Sie strömen in die Clubs, auf Festivals und zu den schönsten Reisezielen, um die „verlorene Zeit“ der letzten Jahre nachzuholen.
Die Coronavirus-Pandemie hat uns überrumpelt und uns auf schmerzhafte Art und Weise gezeigt, was wirklich wichtig ist. Die Menschen, die uns am Herzen liegen zum Beispiel – und die schönen Momente, die wir mit ihnen erleben. Vor allem aber haben wir gelernt, dass es mehr im Leben geben muss ... als Arbeit. Insbesondere die junge Generation strebt heute nach Selbstverwirklichung und einer gesunden Work-Life-Balance. Eine weltweite Umfrage der Personalvermittlung Randstad zeigt, dass die Mehrzahl der jungen Menschen eher ihren Job kündigen würde, als unglücklich weiterzuarbeiten.
Christian Lindner (FDP) will Überstunden – 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind jetzt schon gestresst
Und, sind wir mal ehrlich: Überstunden oder eine festgelegte 42-Stunden-Woche versprechen weder eine gute Work-Life-Balance, noch die Erfüllung im Job. Die meisten jungen Menschen wünschen sich stattdessen immer öfter flexible Teilzeitmodelle – eben, um auch etwas von ihrem Leben abseits des Büroalltags zu haben. Vor allem konservative Arbeitgeber nennen das dann gerne Egoismus. Dabei konnten Studien zeigen, dass wir uns nicht einmal die acht Stunden am Tag, die wir üblicherweise arbeiten, konzentrieren können. Nach etwas mehr als zwei Stunden sinkt die Konzentration – und der Stress steigt. Und laut einer repräsentativen Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup fühlen sich schon jetzt 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer täglich gestresst.
Die Arbeitswelt in Deutschland ist also bereits jetzt schon alles andere als entspannt. Im Gegenteil: Der Leistungsdruck in den meisten Branchen ist enorm hoch, die Anforderungen an die Mitarbeiter teilweise utopisch – übrigens auch ein Grund, warum es an Fachkräften mangelt. Und auch Christian Lindners Überstunden dürften bei vielen Arbeitnehmern nur ein müdes Schmunzeln ausgelöst haben. Denn die gehören in vielen Bereichen zum guten Ton. Im Jahr 2021 haben die Arbeitnehmer in Deutschland zusammen stolze 1,7 Milliarden Überstunden gesammelt. Auf die rund 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland heruntergerechnet, sind das immerhin 38 Überstunden pro Person im Jahr.
Überstunden en masse: Gesellschaft arbeitet sich kollektiv in den Burnout
Spinnen wir das Ganze doch einmal weiter: Das sind 38 Stunden – also fast eine volle Arbeitswoche zusätzlich, die man im Büro, in der Werkstatt oder auf Station verbracht hat, statt sich einfach mal zu entspannen. Klar, das Leben ist kein Wunschkonzert. Und Deutschland ist ein demokratisches Land, bei dem jeder Bürger Rechte und Pflichten hat.
Natürlich sollte also auch jeder seinen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten – keine Frage. Aber es bringt nunmal auch niemanden weiter, wenn wir uns als Bevölkerung kollektiv in den Burnout arbeiten. Nur, damit bürokratische Luftschlösser wie das altbewährte Rentensystem und unsere auf Leistungsdruck aufgebaute Wirtschaftskraft bleiben können, wie sie sind. Frei nach dem Motto: Das machen wir halt schon immer so.
Überstunden, Corona-Einschränkungen und sozialer Pflichtdienst: Die Bürden der jungen Generation
Die Ampelregierung hat sich mit dem Koalitionsversprechen etwas Großes vorgenommen: Einen Aufbruch, einen Neuanfang – und kein „Weiter so“. Dazu gehört auch, dass wir unsere Einstellung zur Arbeit grundlegend überdenken. Scheinlösungen, wie die Verordnung von Überstunden oder die Steigerung der Wochenarbeitszeit sind genauso gestrig, wie die Erhöhung des Rentenalters. Die Zeit, in der wir als Gesellschaft immer mehr Wirtschaftswachstum anstreben, sind mit der neuen Generation längst vorbei. Junge Menschen wollen etwas anderes, als bedingungslosen Erfolg und ein möglichst dickes Bankkonto. Sie wollen – überwiegend, nicht ausschließlich – mehr Wertschätzung und Selbstbestimmung, statt ihre wertvolle Zeit gegen Geld einzutauschen.
Was sie derzeit bekommen, sieht anders aus. Kaum sind die Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie überwunden, diskutieren Politiker und Experten, die eindeutig nicht der jüngsten Generation angehören, über einen möglichen sozialen Pflichtdienst für junge Menschen. Naja, und jetzt stellen wir den jungen Leuten in Aussicht, dass sie vielleicht noch mehr Zeit an der Arbeit verbringen werden, als ihre Eltern. Nicht zu vergessen, dass schon jetzt klar ist, dass die Rente später kaum zum Leben reichen wird – wenn es die Rente denn in ein paar Jahren überhaupt noch gibt. Im Zusammenspiel mit den Schuldenbergen, die wir gerade anhäufen, der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich und der Klimakrise ist das eine Menge Zündstoff für einen waschechten Generationenkonflikt.
Fachkräftemangel in Deutschland: 1,7 Millionen Stellen offen – unter anderem im Handwerk und in der Pflege
Dabei ist der Fachkräftemangel eine der überschaubareren Krisen unserer Zeit. Eben, weil es kein unlösbares Problem ist. Zumindest dann, wenn man den richtigen Menschen Gehör schenkt. Es gibt bereits zahlreiche Lösungsansätze, die mehr taugen, als die plumpe Erhöhung der Arbeitszeit von ohnehin überlasteten Mitarbeitern. Wie wäre es zum Beispiel damit, die Zuwanderung für Fachkräfte attraktiver und einfacher zu machen? Es gibt abertausende Menschen im Land, die gerne arbeiten würden und auch entsprechend qualifiziert sind, aber wegen der deutschen Bürokratie-Liebe noch keine Arbeitserlaubnis haben. Andere Stellschrauben sind Anreize und Anforderungen. Wer Menschen für die Pflege oder das Handwerk begeistern will, der muss das Image und die gesellschaftliche Wertschätzung für diese Branchen stärken. Und der darf nicht erwarten, dass ein Azubi oder Praktikant schon Berufserfahrung vorweist.
In Deutschland gibt es aktuell 1,7 Millionen offene Stellen – und es wird dauern, diese zu besetzen. Bei unseren europäischen Nachbarländern hat man bereits erkannt, dass die Zukunft der Arbeitswelt in einer besseren Work-Life-Balance liegen muss, um Mitarbeiter zu gewinnen. In Deutschland mahlen die Mühlen manchmal bekanntermaßen etwas langsamer. Aber es wird höchste Zeit, dass wir uns grundsätzlich fragen, in welche Richtung wir uns als Gesellschaft entwickeln wollen: Zu mehr finanziellem Wohlstand – oder zu mehr Lebensqualität.
Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Aber um diesen Graubereich zu erreichen, brauchen wir realistische Lösungsansätze, von denen alle Menschen gleichermaßen profitieren. Denn wer sind die Arbeitnehmer, die am Ende Überstunden leisten? Es sind die Mitarbeiter, die oftmals ohnehin schon zu wenig Geld und Wertschätzung bekommen. Menschen in Produktionsstätten, im Supermarkt und ja, auch die Menschen in der Pflege. Und die wollen noch immer keinen Applaus, sondern bessere Arbeitsbedingungen – und neue Kollegen, die wirklich Bock auf ihren Job haben.
