VonLeonie Zimmermannschließen
Der Internationale Frauentag dient dem Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Ein Tag reicht angesichts der aktuellen Lage allerdings dafür nicht aus. Ein Kommentar.
Berlin – Ein kleines Gedankenexperiment: Zwei Kollegen arbeiten 66 Tage in einer Firma, sie gehen exakt der gleichen Tätigkeit nach. Während einer der beiden wie gewohnt dafür bezahlt wird, geht der andere leer aus. Klingt unfair? Ist es auch. Aber für viele Frauen eben auch bittere Realität. Denn Frauen verdienen im Durchschnitt 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Und das ist nur einer von zahlreichen Gründen, warum wir unbedingt über Frauenrechte sprechen müssen – und zwar nicht nur am Internationalen Frauentag.
| Feiertag: | Internationaler Frauentag |
| Datum: | 8. März 2022 |
| Seit wann? | 1911 |
Denn seien wir mal ehrlich: Die strukturelle Benachteiligung findet ja auch an allen anderen 364 Tagen im Jahr statt. Damit ist nicht einmal die ausgeprägte Frauenfeindlichkeit gemeint, oder gar sexuelle Übergriffe. Die gibt es natürlich leider auch in unserer Gesellschaft. Aber es sind vielmehr subtile Äußerungen oder das reine Nicht-Stattfinden von Repräsentanz und Teilhabe, die verhindern, dass wir uns einer Parität auch nur annähern können.
Sexismus im Alltag: Korrespondent bezeichnet Bundesaußenministerin Annalena Baerbock als „junge Dame“
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel, um das Ganze deutlicher zu machen: Als Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Bündnis90/ Die Grünen) kürzlich das Kriegsgebiet in der Ukraine besucht hat, kommentierte Christoph Marschall, diplomatischer Korrespondent vom „Tagesspiegel“, im ZDF das Ganze wie folgt: „Man sieht ja deutlich, dass diese junge Dame, die unsere Außenministerin ist, sich nicht besonders wohl fühlt oder es nicht ihre Welt ist.“ Es passiert schnell, dass man über solche Äußerungen hinwegliest – eben, weil sie so häufig vorkommen. Aber es ist kaum denkbar, dass ein Journalist einen männlichen Politiker mittleren Alters „jungen Mann“ genannt hätte, oder?
Annalena Baerbock ist aber bei weitem nicht die einzige Politikerin, die sich mit solchen Aussagen auseinandersetzen muss. Weibliche Bundestagsabgeordnete berichten immer wieder von Belästigung und der Reduzierung auf ihr Aussehen – vor allem im Netz gibt es immer wieder sexuelle Übergriffe. Die Strafverfolgung gestaltet sich in solchen Fällen oft schwierig: Soziale Netzwerke wie Facebook sperren sich nicht selten gegen die Herausgabe von Nutzer-Daten. Den Frauen bleibt dann nur ignorieren und weitermachen. Kein Wunder eigentlich, dass im Bundestag aktuell nur 31 Prozent Frauen sitzen.
Zum Weltfrauentag: Zeitnahe Parität in der Politik und der Medienberichterstattung? Fehlanzeige!
Aber nicht nur in der Politik ist Parität noch in weiter Ferne – auch in der Medienberichterstattung spielen Frauen oft nur die zweite Geige. Ein paar Zahlen dazu: Im Jahr 2021 waren laut einer Analyse des „Global Institute for Women’s Leadership“ nur 20 Prozent der medial zitierten Experten weiblich, in der politischen Berichterstattung ging es nur in 16 Prozent der Fälle ausschließlich um Frauen. Und: Nur sechs Prozent der Nachrichten behandelten das Thema Gleichstellung.
Noch einmal: Sechs Prozent. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass Frauen etwa die Hälfte unserer Gesellschaft ausmachen und die meisten von ihnen sich mehr Gleichberechtigung im Alltag wünschen, schlichtweg zu wenig. Vor allem, weil der Weltfrauentag bereits seit 1911 begangen wird. Seit mehr als 100 Jahren setzen sich also Frauen für mehr Gleichberechtigung ein. Und ja, seitdem gab es viele Erfolge zu feiern: Frauen dürfen zum Beispiel wählen und sich scheiden lassen.
Thomas-Prinzip sorgt für Ungleichheit zwischen Männern und Frauen im Alltag und im Berufsleben
Aber im Großen und Kleinen gibt es auch heute noch etliche Bereiche, in denen die noch immer herrschende Ungleichheit der Geschlechter deutlich wird. Das beginnt bereits im Alltag: Medikamente werden meistens auf Männer abgestimmt, weshalb Frauen oft mehr Nebenwirkungen haben. Menstruation ist noch immer ein Tabuthema, obwohl es ein natürlicher Vorgang im weiblichen Körper ist. Frauen, die keine Kinder kriegen wollen, werden schnell als egoistisch dargestellt – eine Abtreibung ist in Deutschland nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Die Liste könnte beliebig fortgeführt werden. Aber im Kern geht bei all diesen Dingen doch darum, dass Frauen sich in vielen Lebensbereichen den Männern anpassen müssen.
Jetzt könnte man sich natürlich die Frage nach dem Warum stellen. Die Antwort darauf dürfte allerdings für viele Männer – und sicher auch einige Frauen – ernüchternd sein. Denn es hat etwas mit Thomas zu tun. Denn ein Thomas, der im Vorstand eines Unternehmens sitzt, wird höchstwahrscheinlich auch einen Thomas zu seinem Nachfolger machen. Das besagt zumindest das sogenannte Thomas-Prinzip. Der Name ist natürlich beliebig austauschbar, das Phänomen aber leider sehr wahr. Das konnte man übrigens sehr gut beim CEO-Lunch zur Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr beobachten: Keine einzige Frau saß mit am Tisch.
Amnesty International schlägt Alarm: Die Situation von Frauen weltweit hat sich verschlechtert
Dass in Deutschland ungleiche Machtstrukturen zwischen Männern und Frauen herrschen, das ist offensichtlich. Nur leider bringt das nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Probleme mit sich. Denn der florierende Sexismus in vielen Bereichen ist nicht selten der Einstieg zu sexuellen Übergriffen und Gewalt an Frauen. Nicht zuletzt durch die Coronavirus-Pandemie ist auch die häusliche Gewalt noch einmal angestiegen. Laut Amnesty International hat sich die Situation von Frauen und Mädchen im letzten Jahr sogar verschlechtert.
Und spätestens hier sollten doch all unsere Alarmglocken läuten. Denn schauen wir einmal über den deutschen Tellerrand hinaus, wirkt die Lage noch einmal dramatischer. Was hierzulande gerne vergessen wird, ist zum Beispiel die Situation der Frauen in Afghanistan. Seit der Machtübernahme der Taliban werden sie nur noch als Menschen zweiter Klasse behandelt, werden teilweise verfolgt und haben viele Rechte verloren. Und auch in vielen anderen Ländern der Welt werden sie systematisch unterdrückt.
Europäische Union hat Gleichheit von Frauen und Männern als Grundrecht festgelegt
Was fehlt, ist wie jedes Jahr an diesem Tag der große Aufschrei. Natürlich leben wir gerade in einer Zeit, in der Krieg, Krankheit und Klimakrise die Agenda bestimmen. Und das hat auch alles seine Berechtigung. Aber es darf eben nicht dazu führen, dass wir vergessen, uns auch um die Themen zu kümmern, die uns jeden Tag wieder aufs Neue im Alltag begegnen. Und Frauenrechte gehören definitiv dazu. Denn sie betreffen mindestens die Mutter eines jeden Mannes, wenn nicht zusätzlich noch seine Schwester, Frau oder Tochter. Und jede einzelne von ihnen hat doch das Beste verdient, oder?
„Die Gleichheit von Frauen und Männern ist in allen Bereichen, einschließlich der Beschäftigung, der Arbeit und des Arbeitsentgelts sicherzustellen“, so steht es im Artikel 23 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union geschrieben. Wissenschaftler gehen aktuell davon aus, dass wir Parität erst in rund 100 Jahren erreichen, wenn überhaupt. Umso wichtiger ist es, jetzt am Ball zu bleiben. Damit vielleicht unsere Ur-Enkelin mal genauso viel Geld verdient wie unser Ur-Enkel. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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