Urnengang als britische Farce

Kommunalwahl in England: Farages Nationalpopulisten auf dem Vormarsch

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Bei den Kommunalwahlen in England steht der Nationalpopulist Nigel Farage vor einem Triumph – und die regierende Labour-Partei befürchtet, abgestraft zu werden.

Ganz egal, wie die englischen Kommunalwahlen an diesem Donnerstag ausgehen – ein Sieger steht schon fest. So sehr bestimmt Nigel Farage die Sehnsüchte, Ängste und Gedanken der Londoner Politik-Elite, dass es der Anführer der nationalpopulistischen Reform-Party sogar auf das britische Cover des überaus seriösen Wirtschaftsmagazins The Economist geschafft hat. Die erneute Prominenz des 61-jährigen früheren Brexit-Vorkämpfers, argumentiert Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes, habe „schwerwiegende Auswirkungen für Großbritannien und seine Rolle in Europa“.

Tatsächlich beklagt die in London vertretene europäische Diplomatie schon seit Monaten das Zögern der Labour-Regierung unter Premier Keir Starmer vor einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der EU. Weil das potenzielle Reform-Gefolge Migration regelmäßig an erster Stelle wichtiger Politikfelder platziert, plant Starmers Innenministerium harte Vorkehrungen gegen Wirtschaftsflüchtlinge. Der Grund fürs Zögern und die neue Gesetzesinitiative? Die anhaltend guten Umfragewerte für Reform, bei gleichzeitigem Absturz der erst im vergangenen Juli mit riesiger Mehrheit gewählten Sozialdemokraten.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp

Reform UK im Aufwind: Farages Partei überholt etablierte Kräfte – Trotz Skandalen und Putin-Sympathie

Seit Jahresbeginn liegt Reform UK gleichauf mit den traditionell dominanten Kräften. Ende vergangener Woche ergab der Durchschnitt der Umfragen sogar eine leichte Führung (25,2 Prozent) vor Labour (23,6) und den Torys (21,8). Das entspricht einem Zugewinn gegenüber dem Unterhaus-Ergebnis vom vergangenen Juli um mehr als zehn Prozent. Auch die kleineren oppositionellen Liberaldemokraten (LD, 14 Prozent) und Grüne (9,1) verzeichnen Zuwächse.

Farage kann, so scheint es, tun und lassen, wie er will. Dass er sich öffentlich zu seiner Bewunderung für Wladimir Putin bekannte – auf der weiterhin klar die Ukraine unterstützenden Insel eigentlich eine unpopuläre Position –, scheint ebenso wenig zu stören wie heftige interne Querelen, welche die ursprünglich fünfköpfige Unterhausfraktion kürzlich um 20 Prozent schrumpfen ließ.

Vieles deutet darauf hin, dass sich in der Nacht zum Freitag die erste Reform-Mandatsträgerin zum männlichen Quartett gesellt: Sarah Pochin profitiert bei der Nachwahl im nordenglischen Runcorn nicht nur von der allgemeinen Abneigung gegen Labour. Vor allem wurde der Urnengang dort nur deshalb notwendig, weil der Amtsinhaber einen ihn mit Beschwerden bedrängenden Bürger nachts niederschlug und mit Fußtritten traktierte.

Labour verachtet, Tories am Abgrund: Britische Wähler strafen die etablierten Parteien ab

Anderswo tritt Labour im Wahlkampf zwar deutlich freundlicher auf, vom Wahlvolk kommt nur Ablehnung, teilweise sogar Verachtung. Unvergessen bleibt eine der unpopulärsten Regierungsaktionen: die Streichung des Heizkostenzuschusses von 300 Pfund (ca. 352 Euro) für alle Rentner:innen unabhängig vom Einkommen. Dass die Renten aufs Jahr gerechnet um deutlich mehr als diesen Betrag angehoben wurden, außerdem bedürftige Alte zusätzliche Hilfe erhalten, dringt ebenso wenig ins Bewusstsein wie die deutliche Reduzierung der – immer noch viel zu langen – Wartezeiten im Gesundheitsdienst NHS.

Erhält Labour nun einen Denkzettel, wie die Demoskopie meint, so muss sich die konservative Partei auf einen brutalen Nasenstüber gefasst machen. Denn die jetzt zur Wahl stehenden Kommunalparlamente wurden zuletzt im Frühjahr 2021 bestimmt. Mitten in der phänomenal gut gelungenen Covid-Impfkampagne, angeführt von dem damals noch unbeschädigten Publikumsmagneten Boris Johnson, fuhren die Torys hervorragende Ergebnisse ein. Vier Jahre, viele Lockdown-Partys in Downing Street, die Chaos-Premierministerin Liz Truss und eine Krise der Lebenshaltungskosten später kämpft die älteste Partei der Welt ums Überleben.

Nigel Farage ist Anführer der britischen Reformpartei (Archivbild).

Wahlkampf mit Sprüchen und Spott: Zwischen Kirchendächern, Kandidatenchaos und Reform-Millionären

Oppositionsführerin Kemi Badenoch erschwert sich die Aufgabe durch lasche Unterhaus-Auftritte und lose Sprüche. Die Liberaldemokraten verspottete die 45-jährige Ex-Ministerin als „Leute, die nichts können als das Kirchendach reparieren“. Das kommt gerade bei der wohlhabenden, ländlichen Klientel, die sich um lokale Belange einschließlich der vielfach maroden Kirchendächer kümmert, ganz schlecht an. LD-Chef Edward Davey verbreitet das Zitat millionenfach in seiner Wahlwerbung. Schon steht seine Partei in traditionell konservativen Bezirken Südenglands wie den Grafschaften Buckingham, Cambridge und Oxford vor dem Sieg.

Anderswo liefern sich die Kandidaten von vier oder gar fünf Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen, beispielsweise in der Region um die westenglischen Städte Bristol und Bath. Für Reform kandidiert dort der Versicherungsmogul Arron Banks, wenn auch offenbar mit zwiespältigen Gefühlen. Der „Times“ vertraute der Geschäftsmann – seine Spende von acht Millionen Pfund trug 2016 zum Sieg im Brexit-Referendum bei – an, er hoffe eigentlich auf den „ehrenvollen zweiten Platz“, schließlich sei das Amt eigentlich gar kein richtiger Job: „Ohne jeden Witz jetzt – ich habe versucht herauszufinden, was man da machen soll. Aber das bleibt unklar.“

Politik am Limit: Lokale Helden füllen das Vakuum in Englands ausgezehrten Kommunen

Tatsächlich gibt es in der chaotischen Welt englischer Kommunalpolitik zahlreiche sich überschneidende Kompetenzen und wenig Erfahrung darin, über den Tellerrand einer Kommune oder Grafschaft hinauszuschauen. Zudem hat die (damals konservative) Zentralregierung seit 2010 den Unterhalt der Gemeinden stetig gekürzt. Weil diese aber nicht nur für Straßenbau und Müllabfuhr, sondern vor allem auch für die Pflege der zunehmenden Zahl alter Menschen zuständig sind, wächst allerorten die Finanznot.

Umso wichtiger sind deshalb starke, lokal verwurzelte Figuren, die sich den Lokalstolz für eigenständige Initiativen zu eigen machen. Großstädte wie London (Sadiq Khan) und Manchester (Andy Burnham) verfügen darüber, kleinere Städte oder Landkreise hingegen selten. In Hull an der ostenglischen Nordseeküste werden bei der dort erstmals veranstalteten Bürgermeister-Wahl dem Reform-Kandidaten Luke Campbell, 37, genau deshalb gute Chancen eingeräumt: ein lokaler Junge, bekannt geworden durch seinen Olympiasieg 2012 im Leichtgewichtsboxen, engagiert in der Unterstützung von Schulen in der Stadt.

Eine Gruppe von Bürgerinnen der Stadt, vom Marktforscher More in Common (MiC) befragt, zeigte sich enttäuscht von Labour, verärgert über die hohen Lebenshaltungskosten, besorgt über den anhaltenden Strom von Wirtschaftsflüchtlingen. Allerdings herrschte keine Begeisterung über Farage, berichtet MiC-Researcher Edward Hodgson: „Letztlich ging es um die persönliche Anziehungskraft des lokalen Kandidaten Campbell.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / Alex Brandon/AP/dpa | Alex Brandon

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