Mehr Arbeit statt weniger?

Kommunen warnen: Bei Grundsicherung droht „Bürokratie-Monster“

Die Bürgergeld-Reform durch Friedrich Merz steht bevor. Allerdings warnen Kommunalpolitiker vor mehr Bürokratie – nicht weniger. Die Kritik im Detail.

Berlin – „Das Bürgergeld ist Geschichte!“ Das sagte CSU-Chef Markus Söder Anfang Oktober. Kurz zuvor hatten sich die Regierung von Friedrich Merz (CDU) darauf geeinigt, das Bürgergeld abzuschaffen und stattdessen eine „Grundsicherung“ einzuführen. Verantwortlich für die Umsetzung ist Bärbel Bas (SPD). Wie die Bild nun berichtet, sehen die Kommunen diese Reform kritisch – sie befürchten mehr Bürokratie statt weniger. Die befragten Kommunalpolitiker bemängeln unter anderem, dass die neue Regelung viel mehr Raum für Klagen lasse.

Friedrich Merz plant die Grundsicherung statt Bürgergel

Grund dafür sei der angepasste Koalitionsplan. Siegurd Heinze (parteilos), Vorsitzender des Landkreistags Brandenburg und Landrat im Oberspreewald-Lausitz-Kreis, erklärte der Bild: „Wir haben schon jetzt Kooperationsvereinbarungen, wenn Bürgergeld-Empfänger Sanktionen erhalten sollen.“ Wenn dies künftig für alle gelten solle, drohe ein „Bürokratie-Monster“.

Grundsicherung statt Bürgergeld: Mehr Schlupflöcher statt mehr Sanktionen?

Kooperationsvereinbarungen sind gemeinsame Pläne des Jobcenters mit den Leitungsempfängern über gegenseitige Rechte und Pflichten. Diese Kooperationsvereinbarungen muss laut der Bundesagentur für Arbeit aktuell jeder Bürgergeldempfänger unterschreiben. Ulli Schäfer (CDU), Landrat von Greiz in Thüringen, bemängelt in der Bild: „Wenn der Bürgergeld-Empfänger (…) einfach ,Nö‘ sagt, kommt es zu keinem Vertrag. Die Leute, die sich im Bürgergeld eingerichtet haben, haben also weiterhin viele Möglichkeiten, auf Zeit zu spielen.“

Kommunalpolitiker befürchtet bei Grundsicherung statt Bürgergeld mehr Klagen und Verfahrensstau

Das Problem sind laut Bild auch die sogenannten „Verwaltungsakte“ (VA), die durch den Kooperationsplan entstehen. Verwaltungsakte sind zum Beispiel Bescheide des Jobcenters über die Höhe der Grundsicherung, über Sanktionen und andere Maßnahmen auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs. Gegen diese Verwaltungsakte kann man Widerspruch einlegen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Das war auch beim bisherigen Bürgergeld schon möglich, mehrere Städte und Landkreise rechnen aber laut Bild jetzt mit mehr Klagen und dadurch mit höheren Kosten und zusätzlicher Verwaltungsarbeit. Siegurd Heinze aus Brandenburg sagte der Bild dazu: „Wenn auch noch Gerichte einbezogen werden, die ohnehin kaum aus der Verfahrensflut herauskommen, führt das zu noch mehr Verfahrensverzögerungen und Frust.“

Bürgergeld abgeschafft: Grundsicherung sorgt für mehr Sanktionen

Heinze forderte außerdem: „Bei einer so geplanten Bürgergeld-Reform kommt nichts rum – außer mehr sinnlosem Aufwand. Wenn jemand Termine und Arbeitsangebote nicht annimmt, dann muss es schmerzhafte Sanktionen, also Leistungskürzungen, geben.“ Bei der neuen Grundsicherung sind härtere Leistungskürzungen als beim Bürgergeld geplant. Wie die Tagesschau berichtet, bekommt man zwei Chancen, zu Terminen beim Jobcenter zu erscheinen. Wer dann den zweiten Termin nicht wahrnimmt, dem soll die Grundsicherung um 30 Prozent gekürzt werden.

Wer zum dritten Termin nicht erscheint, soll gar kein Geld mehr erhalten. Diese Regelung im Entwurf zur Grundsicherung könnte allerdings der Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts entgegenstehen. Das hatte beschlossen, dass sich aus dem Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum auch eine Verpflichtung des Staates ergibt, die Voraussetzungen für ein eigenverantwortliches Leben zu schaffen. Laut Karlsruhe ist eine Leistungskürzung um 100 Prozent dazu nicht geeignet.

Beugen Gespräche bei Bürgergeld und Grundsicherung Sozialmissbrauch vor?

Dennis Rehbein (CDU), frisch gewählter Bürgermeister von Hagen, bewertete die neue Grundsicherung bei der Bild anders. „Ich bin sehr froh, dass es jetzt eine Gesprächspflicht für den Leistungsempfänger beim Jobcenter geben wird. Man kann nur effektiv gegen Sozialmissbrauch vorgehen, wenn das Jobcenter mit allen einmal gesprochen hat, die Leistungen beziehen oder beziehen möchten.“ Rehbein bezieht sich dabei wahrscheinlich auf die Pläne, in Zukunft Menschen, die schon länger Bürgergeld beziehen, häufiger einzuladen und enger zu betreuen.

Zwar könne es mehr Klagen geben, aber: „Es ist nicht so, dass es vorher im Sozialbereich keine Klagen gegeben hätte. Die Gefahr einer Klagewelle sehe ich in dieser Dramatik nicht.“ Zur Umsetzung sagte Rehbein: „Wenn wir ein rechtsverbindliches Dokument zwischen Leistungsempfänger und Jobcenter haben wollen, müssen beide Seiten auch exakt wissen, was sie da genau in welcher Sprache unterschreiben.“

Merz will durch Grundsicherung Geld sparen und Arbeitsanreize schaffen

Friedrich Merz will mit der neuen Grundsicherung Geld sparen und Menschen schneller in Arbeit bringen. Dafür wird auch in diesem Jahr eine sogenannte „Nullrunde“ gedreht. Das bedeutet, dass der Bürgergeldsatz nicht an die Inflation angepasst wird, also nicht steigt. Merz hatte angekündigt, insgesamt fünf Milliarden Euro sparen zu wollen. Inzwischen haben ihm Experten widersprochen und auch er sprach bei Caren Miosga in der ARD dann nur noch von etwa 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro pro 100.000 Menschen, die man wieder in Arbeit bringen könne. Die neue Grundsicherung soll zum 1. Januar 2026 in Kraft treten. (Quellen: Bundesagentur für Arbeit, SPD, CDU/CSU, ARD, Tagesschau, Bild) (cdz)

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