- VonBettina Menzelschließen
Niemand in Russland übt öffentlich so harsche Kritik an der Militärführung wie Wagner-Chef Prigoschin. Das Verteidigungsministerium will das Problem nun in den Griff bringen.
Moskau – Der Machtkampf zwischen dem Chef der Wagner-Truppe, Jewgeni Prigoschin, dem russischen Verteidigungsministerium und der Armeeführung spitze sich zuletzt immer weiter zu. Das Ministerium versucht nun offenbar, direkte Kontrolle über die Söldnertruppe zu erlangen und den Wagner-Chef so im Zaum zu halten. Doch Prigoschin will sich nicht an die Leine legen lassen.
Wagner-Gruppe soll Verträge mit Ministerium unterzeichnen – Prigoschin widerspricht
Am Samstag wies das russische Verteidigungsministerium alle Freiwilligenkommandos an, bis Ende Juni Verträge mit dem Ministerium zu unterschreiben, wie die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtete. Die recht vage gehaltene Formulierung des Vize-Verteidigungsministers Nikolai Pankow zielte offenbar auf die paramilitärische Söldnertruppe Wagner ab, mit der es zuletzt immer wieder Konflikte gab. Beim Kampf um Bachmut soll es sogar zu einem Schusswechsel zwischen Wagner-Söldnern und russischen Soldaten gekommen sein.
Prigoschin stemmt sich gegen die neue Maßnahme des Verteidigungsministeriums. „Wagner wird keine Verträge mit Schoigu unterzeichnen“, erklärte der Wagner-Chef im Hinblick auf Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Seine Privatarmee sei in das Gesamtsystem integriert und vollständig den Interessen Russlands untergeordnet, aber ihre hocheffiziente Kommandostruktur würde durch die Unterstellung unter den Verteidigungsminister Schaden nehmen. „Schoigu ist nicht in der Lage, militärische Formationen richtig zu führen“, so Prigoschin.
Wagner-Chef unter Druck? Auch Spannungen mit Tschetscheniens Machthaber Kadyrow
Prigoschin hatte Moskau zuletzt auch für den Versuch kritisiert, einen Keil zwischen die Truppen des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow und die Wagner-Armee treiben zu wollen. Dies sei ein „gefährliches Spiel“, so der Wagner-Chef. Mit Kadyrow sei er sich einig darin, dass Russland für einen Sieg gegen die Ukraine eine Generalmobilmachung und Kriegsrecht brauche, betonte der Chef der Privatarmee die Gemeinsamkeiten. Ursprünglich hatten die beiden vereinbart, dass tschetschenische Truppen die Wagner-Kämpfer in Bachmut ersetzen sollten, dazu war es wegen aufkommender Spannungen zwischen Kadyrow und Prigoschin nicht gekommen.
Der auch als „Putins Bluthund“ bekannte Tschetschenenführer ging am Freitag in einer Erklärung auf Distanz zum Wagner-Chef. Kadyrow betonte demnach, dass es eine rhetorische Linie zwischen der Kritik am russischen Verteidigungsminister und Kritik an Putin gebe. Mit dieser Botschaft wollte der Tschetschenenführer wahrscheinlich seine Loyalität gegenüber Putin signalisieren und Prigoschin als Gegner der gesamten russischen Militärführung darstellen, schlussfolgerten die US-Kriegsforscher der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) in ihrer Analyse vom Samstag.
Prigoschin mit harscher Kritik an Militärführung: „Schande“, „Chaos“ und „wilde Fantasien“
Prigoschin hatte in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen, die russische Militärführung öffentlich zu kritisieren und warf der Armee etwa einen Mangel an Unterstützung und Munition vor. Der Chef der Privatarmee tat Äußerungen des russischen Militärs öffentlich als „wilde Fantasien“ ab, bezeichnete den Rückzug der russischen Truppen beim Dorf Berchiwka als „Schande“ und sprach von einer „chaotischen“ Kriegsführung.
Solch harsche Worte wie der Wagner-Chef wagt sonst niemand in Russland. Beobachter hatten zuletzt infrage gestellt, wie lange sich der Kreml dieses Gebaren gefallen lassen kann, ohne Konsequenzen zu ziehen. Oppositionelle, die in der Vergangenheit ähnliche Kritik geübt hatten, leben mittlerweile entweder im ausländischen Exil, befinden sich in Haft oder Straflagern – oder sind tot. (bme mit dpa und Reuters)