Und für die Ukraine könnten Streitereien beim Feind einen Vorteil bedeuten, denn Russlands Armee droht inmitten eines Machtkampfs im Chaos zu versinken. Eine große Rolle spielt dabei offenbar die Wagner-Gruppe. Ein russischer Oberstleutnant wirft den Söldnern um Jewgeni Prigoschin vor, „Anarchismus“ an der Front anzufachen.
Spannungen zwischen Wagner-Gruppe und der russischen Armee von Tag eins
Die Reibereien zwischen russischen Streitkräften und der Wagner-Gruppe, die eigentlich zusammen die ukrainische Armee bekämpfen sollen, spitzen sich zu. Zuletzt soll es beim Kampf um Bachmut sogar zu militärischen Auseinandersetzungen gekommen sein. Laut Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnertruppe Wagner, hätten russische Soldaten auf Mitglieder der Wagner-Gruppe geschossen.
Umgehend habe man „Vergeltungsmaßnahmen ergriffen“ und den Befehlshaber der 72. Brigade der russischen Armee, Roman Venevitin, festgenommen und verhört. In einem von Prigoschin veröffentlichen Video gestand Venevitin, wegen „persönlicher Feindseligkeiten“ und betrunken den Angriff auf einen Wagner-Konvoi befohlen zu haben und entschuldigte sich.
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Mittlerweile ist Venevitin wieder frei. In einem neuen Video, das mehreren Medien vorliegt, hat er sich direkt zu den Vorfällen bei Bachmut und zur Wagner-Gruppe geäußert. „Die Spannungen zwischen Wagner und meiner Brigade und mir begann am allerersten Tag unserer Verlegung in die Richtung Bachmut“, zitiert The Guardian Venevitin. Der Oberstleutnant verteidigte dabei die russische Armee und den Kreml.
Wagner-Gruppe soll Panzer gestohlen haben
„Der Anarchismus, den die Wagner-Gruppe an der Front aufzieht, ist das Ergebnis eines Spiels der politischen Eliten, die versuchen, unseren Präsidenten zu schwächen, anstatt ihn zu verteidigen“, sagte er. „Nicht nur dadurch, dass sie unsere Kämpfer durch ihr dreistes Verhalten provozierten und in Konflikte verwickelten, sondern auch durch ihre konkreten Handlungen.“ Venevitin berichtete, dass seine Soldaten systematisch entführt und misshandelt worden seien, manchmal sexuell. Er habe laut Guardian einen Ausdruck benutzt, der für Vergewaltigung von Gefangenen im Gefängnis steht.
Jewgeni Prigoschin in einer Videomitteilung aus Bachmut Ende Mai 2023. Ein Oberstleutnant der russischen Armee wirft dem Wagner-Chef die Misshandlung eigener Soldaten vor. (Archivfoto)
Zudem habe die Wagner-Gruppe zwei T-80-Panzer, vier Maschinengewehre, einen Lkw sowie ein gepanzertes Kampffahrzeug von der russischen Armee gestohlen. Prigoschin, so wirft Venevitin ihm vor, wolle die „bewaffneten Streitkräfte der Russischen Föderation aktiv diskreditieren“ und die Wagner-Gruppe als „einzige effektive Kraft in diesem Konflikt“ darstellen. Laut mehreren Beobachtern soll Venevitin in dem Video nicht frei gesprochen, sondern eine vorbereitete Stellungnahme vorgelesen haben. Es sei unklar, ob er gezwungen wurde, die Wagner-Gruppe zu denunzieren. Das Video seines Verhörs durch Wagner sei nur unter Druck entstanden, sagte er.
Prigoschin hat die neuen Vorwürfe vonseiten der Armee bereits zurückgewiesen. Sie seien „völliger Unsinn“. Laut dem Wagner-Chef hätten seine Truppen Venevitin festgehalten, verhört und an die Behörden übergeben. Ob ein Verfahren gegen Venevitin läuft, haben Ermittler laut Guardian nicht bestätigt.
Prigoschin gegen Russlands Armee und den Kreml
Nicht nur gegen die militärische und politische Führung Russlands, auch gegen die 72. motorisierte Schützenbrigade der russischen Armee scheint Prigoschin einen persönlichen Rachefeldzug zu führen. Er behauptet, die Einheit habe ihre Stellung am Stadtrand von Bachmut aufgegeben und die Wagner-Truppen der Gefahr eines ukrainischen Angriffs ausgesetzt.
Laut eines britischen Geheimdienstberichts stehe die Brigade sinnbildlich für Russlands Schwächen im Ukraine-Krieg. Dem Verband werden schlechte Moral und Ineffektivität nachgesagt. Dass die 72. Brigade gerade im Gebiet der schwer umkämpften Stadt Bachmut eingesetzt werde, zeige, dass es den russischen Streitkräften an zuverlässigen Einheiten fehle.