VonJoachim Willeschließen
Ein Thinktank kritisiert die Kraftwerksstrategie von Wirtschaftsminister Robert Habeck. Neue Erdgas-Anlagen seien unnötig.
Berlin – Erneuerbare Energien liefern mehr als die Hälfte des bundesweit verbrauchten Stroms. Um den Anteil auf 100 Prozent zu erhöhen, sind wegen der mit Wetter und Tageszeit schwankenden Erzeugung ergänzend flexible Kapazitäten erforderlich. Die Bundesregierung sieht dazu vor allem den Bau von Erdgas-Kraftwerken vor. Der Thinktank „Energy Watch Group“ (EWG) hält das für eine verfehlte Strategie. Es sei „die teuerste und klimaschädlichste Option“, warnt sie und wirbt für ein Alternativkonzept.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte die Kraftwerksstrategie nach langer Ampel-interner Debatte im Februar vorgestellt. Geplant ist der Bau von vier sehr großen Backup-Kraftwerken mit je 2,5 Gigawatt (GW) Leistung, die mit Erdgas betrieben und von etwa 2035 bis 2040 an auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden sollen. Außerdem soll ein „marktorientierter, technologie-neutraler Kapazitätsmechanismus“ geschaffen werden, um weitere flexible Kapazität zu beschaffen. Die Ausschreibung der Kraftwerke und die Ausgestaltung des Mechanismus‘ sollen bis Ende des Sommers erfolgt sein.
Mehr Flexibilität gefordert
Die EWG sieht kritisch, dass der Plan des Neubaus von 2,5-GW-Erdgaskraftwerken Vorteile vor allem für große Energieunternehmen, Kraftwerksbauer und Erdgasversorger bedeute. Es würden bisherige Strukturen zementiert, darunter ein Stromsystem mit großen, zentralen Kraftwerken, und später eine zentralisierte Nachfrage für Wasserstoff geschaffen. „Diese Verengung verteuert die flexible Kapazität und damit den Strompreis in Deutschland, verzögert den Ausbau der flexiblen Kapazität und damit Hochlauf und Nutzung von Wind- und Fotovoltaik-Strom“, urteilt der Thinktank. Die EWG besteht aus einer Gruppe von internationalen Energiewende-Fachleuten und Parlamentarier:innen. Ihr Präsident ist der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell, einer der „Väter“ des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der rot-grünen Bundesregierung von 2000.
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Die Ziele eines stabilen Erneuerbaren-Stromsystems lassen sich laut den Fachleuten „schneller, günstiger und ohne zusätzlichen CO2-Ausstoß erreichen“, und zwar ohne den Neubau von Erdgaskraftwerken. Im einzelnen schlägt die EWG vor, zum Beispiel heutige Erdgas-Kraftwerke, die zusammen 35 GW leisten, als flexible Kapazität zu nutzen und heutige Biogas-Kraftwerke (zwölf GW) künftig nicht mehr in der Grundlast laufen zu lassen, sondern auf flexible Kapazität umzurüsten. Außerdem sollten bestehende Stromspeicher (Pumpspeicher-Kraftwerke und Batterien) stärker genutzt und neue gebaut werden. Außerdem sei es sinnvoll, neue Kraftwerke zu bauen, die direkt grünen Wasserstoff nutzen, wenn dieser in ausreichenden Mengen verfügbar ist.
Die EWG fordert, den Kapazitätsmechanismus so zu gestalten, „dass möglichst wenig flexible Kapazität erforderlich ist und diese dann günstig und CO2-frei beschafft wird“. Es sei wichtig, zeitabhängige Strompreise einzuführen, damit Nachfrage in Zeiten hoher Wind- und Solar-Stromerzeugung verschoben wird, so wie es Habecks Strategie bereits vorsieht. Der Restbedarf an flexibler Kapazität müsse „technologieoffen – alle Speicher und Erneuerbare zulässig – und erzeugeroffen – nicht nur Große zulässig-“ beschafft werden. Der Thinktank argumentiert, mit dieser Alternativstrategie ließen sich Milliarden sparen, und es werde weder die Erdgasverbrennung noch die Vormacht großer Versorger zementiert. Zudem könne so der für 2030 geplante Kohleausstieg erreicht werden. (Joachim Wille)
