„Kranke, bösartige Lüge”: Beobachter entsetzt über Trumps Darstellung der tödlichen Schüsse in Minneapolis
VonFabian Hartmann
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Die tödlichen Schüsse eines ICE-Beamten auf eine 37-Jährige in Minneapolis sorgen für heftige Reaktionen. Die Trump-Regierung verbreitet ihr eigenes Narrativ.
Minneapolis/Washington, D.C. – Bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis wurde eine 37-jährige Frau am Mittwochnachmittag (7. Januar, US-Ortszeit) von einem Beamten der Einwanderungsbehörde in ihrem Auto durch Schüsse getötet. Das seit Monaten rigorose und umstrittene Vorgehen der ICE gerät damit weiter in die Kritik. Nach dem Vorfall kam es zu Protesten am Tatort im US-Bundesstaat Minnesota. Der dortige demokratische Gouverneur Tim Walz verurteilte das Walten der ICE und die Regierungsarbeit von US-Präsident Donald Trump insgesamt vehement. Derweil zog Trump mit seiner Darstellung des tödlichen Vorfalls weitere Kritik auf sich.
Die tödlichen Schüsse eines ICE-Beamten auf eine 37-Jährige in Minneapolis sorgen für heftige Reaktionen. Die Trump-Regierung verbreitet ihr eigenes Narrativ.
Heimatschutzministerin Kristi Noem verteidigt tödliche Schüsse von Minneapolis
Wie sich der tödliche Vorfall in Minneapolis konkret zutrug, ist aktuell Gegenstand von Ermittlungen. Auffällig ist jedoch, dass die Darstellung der US-Regierung sich weder mit Augenzeugenberichten noch mit Videoaufnahmen deckt, die inzwischen online kursieren. Angaben der Polizei zufolge befand sich die 37-Jährige Frau in ihrem Auto und blockierte eine Straße in Minneapolis, als sich ein ICE-Beamter dem Fahrzeug zu Fuß näherte.
US-Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach bei einer Pressekonferenz von einem „defensiven“ Schusswaffeneinsatz zum Schutz der Beamten und Unbeteiligter. Sie wolle zudem das Justizministerium bitten, den Einsatz von Fahrzeugen, um Maßnahmen im Zusammenhang mit Einwanderungsfragen zu behindern, als „inländischen Terrorismus“ zu verfolgen. Die Frau habe den ganzen Tag Beamte „verfolgt und behindert“ und versucht, „ihr Fahrzeug als Waffe einzusetzen“, argumentierte Noem.
Trump verteidigt ICE-Vorgehen in Minneapolis und beschuldigt getötete 37-Jährige
US-Präsident Trump griff die Darstellung der Einwanderungsbehörde auf und verteidigte den ICE-Schützen in seinem Vorgehen. In einem Beitrag auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social erklärte Trump, dass Videoaufnahmen auf Selbstverteidigung hindeuteten. Zugleich machte der Republikaner die vermeintliche „radikale linke Gewalt- und Hass-Bewegung“ für die Eskalation verantwortlich, die Sicherheitskräfte und ICE-Beamte täglich bedrohe und angreife.
Trump setzt auf Härte: ICE und Nationalgarde im Einsatz - Razzien, Proteste und Ausschreitungen
Trump schrieb weiter, die Frau habe mit ihrem Fahrzeug einen ICE-Beamten „gewaltsam und vorsätzlich“ angegriffen, indem sie versucht habe, ihn zu überfahren. Der Beamte habe in einer lebensbedrohlichen Situation reagiert – er befinde sich aktuell zur Behandlung in einem Krankenhaus. Es sei „schwer zu glauben“, dass der ICE-Beamte „noch am Leben ist“, schrieb Trump in seinem Truth-Social-Beitrag weiter.
Videoaufnahmen, die Augenzeugen und -zeuginnen am Ort des tödlichen Vorfalls machten, geben jedoch keine Hinweise darauf, dass die 37-Jährige den ICE-Beamten überfahren wollte. Im Gegensatz dazu zeigen sie, dass der Beamte kurz nach Abgabe der tödlichen Schüsse weiter auf der Straße geht, scheinbar ohne Anzeichen einer Verletzung. Auch die Stadt Minneapolis widersprach der republikanischen Darstellung des Vorfalls. Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey forderte die US-Regierung auf, die ICE aus der Stadt abzuziehen, wie mitunterCNNberichtete.
Tödliche ICE-Schüsse in Minnesota: „Beachtliche Fußnote zum Wesen von Propaganda“
Greg Sargent vom US-Politikmagazin The New Republic verurteilte die Darstellung des tödlichen Vorfalls in Minneapolis als „kranke, bösartige Lüge“ seitens Trumps, wie der Journalist auf X schrieb. Auch teilte Sargent auf dem Kurznachrichtendienst unterhalb seines Beitrags verschiedene Videoaufnahmen, die die Falschdarstellung des Vorfalls durch die US-Regierung belegen sollen.
This is a sick, malicious lie from Trump. He claims the dead woman "willfully, and viciously ran over the ICE Officer...based on the attached clip, it is hard to believe he is alive."
I've posted three screenshots from his clip. It demonstrates nothing close to what he claims. pic.twitter.com/5HpQscTRoP
Der Ökonom Filipe Campante von der Johns Hopkins University dagegen zeigte sich beeindruckt davon, wie wenig Aufwand der Präsident seiner Meinung nach betreiben muss, um ein lügenbehaftetes eigenes Narrativ glaubhaft zu machen: „Dass er sich für diesen Ansatz entscheidet, obwohl er genau weiß, dass es mehrere Videos gibt, ist eine beachtliche Fußnote zum Wesen von Propaganda in der modernen Informationswelt“, schrieb Campante auf Bluesky. „Zensur ist nicht mehr praktikabel, daher besteht der Ansatz darin, die eigenen Inhalte zu nutzen, um Fakten und Beweise zu übertönen“, betonte der US-Ökonom weiter. Auch New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani reagierte inzwischen und verurteilte das Walten der US-Einwanderungsbehörde scharf. (Quellen: CNN, X, Bluesky) (fh)