Schlafmangel, Krisen und dann noch der Hass im Internet. Viele Abgeordnete können und wollen das nicht mehr mitmachen.
Frankfurt – Das mag jetzt ein wenig überraschend klingen, aber Politikerinnen und Politiker sind die demütigsten Menschen der Welt. Niemals würde es ihnen einfallen, sich zu beklagen. Schon gar nicht öffentlich. Das Mandat, die Arbeit für das Land und seine Leute sind eine Ehre, eine Verpflichtung und ein pures Vergnügen. Das bekommt man von allen Abgeordneten erklärt, die man nach ihrer Arbeitszufriedenheit fragt. Klar ist es anstrengend, klar gibt es viel Hass und Verunglimpfung, aber das kriegt man schon hin. Wer jammert und vielleicht sogar schwach wirkt, hat schon verloren.
Kühnert längst nicht der einzige – Politikbetrieb macht viele krank
Klar ist: Der Politikbetrieb macht viele krank. Der Abschiedsbrief von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert am Montag war längst nicht der einzige, den Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Monaten an ihre Parteimitglieder und die Öffentlichkeit richteten. Manche müssen erst einmal genesen wie Kevin Kühnert, der erklärte, dass er derzeit nicht die Kraft habe, um über sich hinaus zu wachsen. Andere wollen sich das alles nicht mehr antun und einfach mal etwas Neues machen.
Grünen-Abgeordnete Deligöz will etwas Neues anfangen – immer mehr ziehen sich aus der Politik zurück
So wie Ekin Deligöz. Die Grünen-Abgeordnete und Staatssekretärin im Familienministerium will nach der Legislaturperiode etwas Neues machen. Was, weiß sie noch nicht. Nur das: „Ich muss jetzt etwas Neues anfangen, sonst ist es zu spät“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Die 53-Jährige ist studierte Verwaltungswissenschaftlerin und könnte sich vorstellen, beim Thema Bürokratieabbau in Deutschland mitzuarbeiten. Sehr sexy klingt das nicht für eine eigene Zukunftsvision. Deligöz lacht und sagt, sie sei nicht politikmüde. Es sei jetzt aber eine individuelle Lebensentscheidung, über die sie lange nachgedacht habe. Dass bei ihr vor einiger Zeit eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde, sei ebenfalls nicht der Grund für den Rückzug aus der Politik. „Es sind alles kleine Puzzleteile, die sich dann zu einer Entscheidung zusammensetzen“, so Deligöz.
Die Grünen-Politikerin klingt am Telefon nachdenklich. „Es ist mir sehr wichtig, diese Entscheidung eigenständig zu treffen“, sagt sie. „Ich springe jetzt ins Kalte und weiß noch gar nicht, ob das Wasser ist oder Sand.“
Das hat auch etwas mit ihrer Migrationsbiografie zu tun. Wer die habe, müsse sich seine Chancen immer erarbeiten, so Deligöz. „Ich habe großen Respekt vor dem was auf mich zukommt.“ Fast 28 Jahre wird sie im Bundestag gewesen sein, wenn sie nächstes Jahr aufhört. Sie habe von Anfang an mit Anfeindungen zu tun gehabt, von rechter Seite und auch von Seiten türkischer Nationalisten oder religiöser Eiferer. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass sie keinesfalls vor ihren Gegnern zurückweiche. Aber irgendwann ist es eben auch mal gut.
Rückzug der Gesundheit zuliebe
Matthias Platzeck: Der SPD-Politiker war von 2002 bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg und 2005/06 Bundesvorsitzender seiner Partei. Populär wurde der heute 71-Jährige durch sein Engagement als Landesumweltminister während des Oderhochwassers 1997 („Deichgraf“). Im April 2006 gab Platzeck bekannt, dass er zwei Hörstürze und einen Kollaps erlitten habe und deswegen den SPD-Vorsitz abgebe. Im Juni 2013 erlitt er einen Schlaganfall. Vier Wochen später zog er sich von allen politischen Ämtern zurück.
Peter Tauber: Der 50-jährige Christdemokrat gehörte zwölf Jahre lang dem Bundestag an und war 2013/14 Generalsekretär seiner Partei. Im letzten Kabinett von Angela Merkel war Tauber Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Im Herbst 2020 kündigte er an, zur Bundestagswahl im folgenden Jahr nicht mehr anzutreten. Im Frühjahr 2021 erkrankte Tauber an einer Darmentzündung. Im April 2021 legte er seinen Posten nieder, im Mai sein Mandat.
Sahra Wagenknecht: Die Vorsitzende des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) zog sich im Frühjahr 2019 aus gesundheitlichen Gründen aus der Führung ihrer Bewegung „Aufstehen“ zurück. Ende 2019 gab sie den Fraktionsvorsitz der Linkspartei - der sie damals angehörte - ab. Als Grund nannte sie öffentlich einen Burnout. Nach einer einjährigen Pause kandidierte sie Anfang 2021 wieder für die Linke für den Bundestag.
Michael Roth: Der langjährige SPD-Staatssekretär im Außenministerium und heutige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses sprach 2023 öffentlich über einen Burnout. Er kündigte Anfang dieses Jahres an, sich wegen „Entfremdung“ von Politikbetrieb und Partei im kommenden Jahr zurückzuziehen. coe
Schlafmangel und Stress: Abgeordnete stehen verstärkt unter Druck – „So schlimm war es nie“
Die sächsische Grünen-Politikerin Paula Piechotta ist 2021 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden und hat noch den nüchternen Blick der Ärztin auf ihre Abgeordnetenkolleg:innen. Sie hat festgestellt, dass der Stress jeden verändert. Zunächst mal körperlich. Der Schlafmangel, der zumindest in den Sitzungswochen unvermeidlich sei, führe bei den meisten zu Gewichtszunahmen. Andere nehmen vom Stress ab. Man konnte das bei der Außenministerin deutlich sehen.
In der Politik gibt es einen ziemlich zynischen Durchhaltespruch: „Wer die Hitze nicht aushält, darf nicht in die Küche gehen“, heißt er. Die Bedeutung ist klar: Wer nicht durchhält, hat es eben nicht drauf. Piechotta meint dazu: „Auch altgediente SPD-Abgeordnete, die seit 20 Jahren im Bundestag sitzen, sagen mir: So schlimm war es noch nie.“
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Grünen-Politikerin beklagt ständige Beobachtung – auch die AfD ist ein Grund
Das liegt an der ständigen Beobachtung in den Sozialen Medien, der Schnelligkeit des Betriebs, den vielfältigen Krisen und nicht zuletzt auch an der AfD. „Als Frau kann man wegen der ständigen Zwischenrufe der AfD im Plenum kaum noch reden“, sagt die Grünen-Abgeordnete. „Man braucht da schon eine besondere Art von Hornhaut, um das durchzustehen.“ Und die hat eben nicht jeder.
Matthias Platzeck etwa hatte sie nicht. Als er SPD-Vorsitzender wurde, war er ständig krank. Erst nach dem Rücktritt wurde das wieder besser. Von der Alt-Kanzlerin Angela Merkel hieß es, sie brauche extrem wenig Schlaf. Und Olaf Scholz politisches Durchhaltevermögen ist ja schon fast legendär. „Konstitution entsteht auch durch Abstumpfung“, sagt die Ärztin Piechotta. Sie kennt Kolleg:innen, die nachts oft weinen, weil sie bestimmte Probleme nicht gelöst bekommen haben. „Wenn Du so bist, ist es extrem schwer, hier durchzuhalten.“
In Deutschland wird Politik bis auf weiteres eher nicht von den Nachdenklichen und Sensiblen gemacht.