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Der Osteuropa-Experte Åslund sieht mit der Sprengung des Staudamms Kachowka in Cherson eine neue Phase im Ukraine-Krieg gekommen.
Kiew – Überflutete Dörfer, Mangel an Trinkwasser und Motoröl im Fluss Dnipro: Die Sprengung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine ist eine Katastrophe für Bevölkerung und Umwelt. Bundeskanzler Olaf Scholz spricht von einer „neuen Dimension“ des Krieges. Nach vielen Rückschlägen wolle Russland jetzt mit gesteigerter Aggression gegen die Ukraine vorgehen und nehme vermehrt zivile Ziele ins Visier, sagte Scholz im WDR. Ähnlich sieht das der Ökonom und Osteuropa-Experte Anders Åslund aus Schweden.
Mit der Staudamm-Sprengung durch Russland sei der Krieg gegen die Ukraine in eine neue Phase eingetreten, schrieb Åslund auf Twitter. Ursprünglich habe der russische Präsident Wladimir Putin den Plan verfolgt, die Ukraine vollständig einzunehmen und deren Infrastruktur nicht zu zerstören. In einem anderen Tweet schrieb Åslund, Russland versuche jetzt ausschließlich, die Ukraine sowie ihre Bevölkerung zu vernichten und habe das ursprüngliche Ziel „aufgegeben“.
The Russian blowing up of the Nova Kakhovka dam means that its war on Ukraine has entered a new phase.
— Anders Åslund (@anders_aslund) June 6, 2023
Initially, Putin intended to seize the whole of Ukraine and did not want to destroy its infrastructure.
Åslund nach Staudamm-Sprengung: Westen kann mehr tun
Åslund erwartet offenbar eine Reaktion des Westens auf diese „neue Phase“. So schreibt er weiter: „Kann der Westen wirklich daneben stehen, ohne sich einzumischen? Es gibt so viel mehr, was der Westen tun kann.“ Bislang ist noch unklar, wer hinter der Sprengung steckt. Russland und die Ukraine weisen sich gegenseitig die Verantwortung für den Vorfall zu. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte den Westen außerdem zu einem noch härteren Vorgehen gegen Moskau auf.
Åslund warnte zudem, die Überschwemmungen würden die von Russland besetzten Dörfer am meisten treffen. Außerdem sei jetzt noch dazu kein Wasser für den Krim-Kanal verfügbar, was die Halbinsel nicht „unhaltbar“ mache. „Mit der Sprengung dieses Damms hat Putin die Krim aufgegeben“, so der Experte. Der russische Machthaber solle seine Truppen besser evakuieren, so der Schwede weiter.
Zahlreiche westliche Politiker sehen die Schuld bei Russland. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock sagte beispielsweise, es gebe nur einen Verantwortlichen, und zwar den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Mit dem Kachowka-Damm werde ein ziviler Staudamm in Nähe eines Kernkraftwerks als Kriegswaffe missbraucht und das Leben der Menschen in der Umgebung in höchste Gefahr gebracht, so Baerbock.
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Militärexperte: Russland ist blank
Der Militärexperte Christian Mölling sieht in der Aktion auch eine Schwäche Russlands. Mölling ist stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Im Interview mit der Tagesschau sagte er, Russland habe offenbar nicht mehr viele Handlungsoptionen. Moskau sei nicht mehr dazu in der Lage, „klassisch militärisch zu eskalieren“ und sei „militärisch ziemlich blank“.
Russland erklärte, die Ukraine stecke hinter der Sprengung und habe die Krim von der Wasserversorgung abschneiden wollen. Moskau hatte die Schwarzmeer-Halbinsel 2014 völkerrechtswidrig annektiert. Kiew wies die Anschuldigung zurück. Es sei offensichtlich, dass Russland damit versuche, die ukrainische Gegenoffensive auszubremsen und das Kriegsende hinauszuzögern.
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