Gegenoffensive im Dnipro-Delta gestoppt: Gesprengter Staudamm setzt Spezialbrigade außer Gefecht
VonJens Kiffmeier
schließen
Nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms fluten Wassermassen die Region um Cherson. Für die Gegenoffensive der Ukraine ist das ein schwerer Rückschlag.
Cherson - Trotz zahlreicher Warnungen ist der Fall eingetreten: Eine Explosion am Kachowska-Staudamm hat am Dienstag (6. Juni) das monströse Bauwerk im Dnipro-Delta zum Einsturz gebracht. Jetzt sind ganze Landstriche überflutet und zum großen Teil unpassierbar geworden. Für die Ukraine ist das im Kampf gegen Russland ein harter Rückschlag. Denn die in der Region Cherson begonnene Gegenoffensive erscheint nun bereits wieder gestoppt zu sein. Für Fachleute steckt deswegen durchaus eine bewusste Strategie Russlands hinter dem Vorfall.
Kachowska-Staudamm gesprengt: Experte unterstellt Russland bewusstes Kalkül
Nach der Sprengung des Kachowska-Staudamms bei Cherson geht Militärexperte Markus Reisner von einem „teuflischen Kalkül“ aus, mit dem Russland die weiträumige Zerstörung und die hohe Zahl an Opfer billigend in Kauf genommen haben könnte. Durch die Überflutung sei eine Anlandung von Soldatinnen und Soldaten in dem umkämpfen Flussdelta jetzt nicht mehr möglich, sagte er zu ntv. Zuvor waren in der südlichen Region rund um Cherson immer wieder Aktivitäten gemeldet worden, die auf eine Gegenoffensive der Ukraine an diesem Frontabschnitt hingedeutet haben könnte.
Die Explosion am Kachowska-Staudamm hatte sich am frühen Dienstagmorgen ereignet. Den Angaben zufolge wurde das Bauwerk auf der Hälfte seiner Länge zerstört. Der 30 Meter hohe Damm, der 1956 am Fluss Dnjepr als Teil des Wasserkraftwerks Kachowka gebaut wurde, war vor der Expolision 3,2 Kilometer lang. Befürchtet wird nun, dass der Bruch des Staudamms in der umkämpften Region Cherson zu massiven Überschwemmungen führt. Nach Angaben der örtlichen Behörden leben etwa 16.000 Menschen in der „kritischen Zone“. Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal sprach von einer Überschwemmungsgefahr für bis zu 80 Ortschaften, die nun teilweise evakuiert und vom Stromnetz abgeklemmt worden sein sollen.
Viele Angaben lassen sich im Ukraine-Krieg nicht unabhängig überprüfen. Beide Kriegsparteien schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Während der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von „Terror“ durch Russland sprach, beschuldigte der Kreml umgekehrt die Regierung in Kiew der Sabotage.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Gegenoffensive der Ukraine durch Bruch im Staudamm durchkreuzt
Dennoch deutet vieles auf ein gezieltes Vorgehen Russlands hin, um eine Gegenoffensive der Ukraine in der Region zu erschweren. Es werde jetzt kaum noch möglich sein für die ukrainischen Truppen, über den Dnipro zu gelangen, bestätigte der Militärexperte der Bundeswehr-Universität München, Carlo Masala, im Gespräch mit dem TV-Sender der Welt. Grundsätzlich gehörten Gewässerüberquerungen und Anlandungen zu den schwierigsten Aufgaben in einer Operation. Angesichts der Wassermassen sei dies nun „fast ausgeschlossen“, da die Ukraine nicht über die notwendige Ausrüstung verfüge.
Zuletzt hatte es immer wieder Spekulationen gegeben, dass die Region um Cherson Teil der geplanten Gegenoffensive im Ukraine-Krieg sein könnte. Seit Monaten führen ukrainische Spezialeinheiten – darunter auch Soldatendes 73. Marinezentrums für Spezialoperationen – Angriffe auf russische Stellungen entlang des Dnipro durch.
Spezialeinheit für Gegenoffensive
Das 73. Marinezentrum für Spezialoperationen geht auf die „17. Marine-Spezialbrigade“ zurück, die ihren Ursprung in der Sowjetunion hatte. Ursprünglich als Einheit für die Ausbildung gegründet, ist sie heute bekannt für ihre amphibischen Angriffe und Aufklärungsmissionen im Ukraine-Krieg hinter den feindlichen Linien entlang des Dnipro-Flusses. Die ukrainische Spezialeinheit hat dabei eine ähnliche Organisationsstruktur wie ein Team der US Navy Seals. Das Hauptquartier liegt in der Verwaltungsregion Mykolaiv, die sich unmittelbar westlich der Verwaltungsregion Cherson befindet.
Nachdem die Einheit, die vergleichbar mit der US-Elitetruppe Navy Seals ist, im November einen Teil des westlichen Ufers in dem Flussdelta befreien konnte, wurden von dort aus immer wieder Operationen geplant. Im Januar beispielsweise sollen die Soldaten der Spezialeinheit das Ostufer angegriffen und dabei einen russischen Kommando- und Kontrollposten ausgeschaltet haben. Dabei hätten sie Drohnen und Kanonenboote eingesetzt, bevor sie nachts wieder verschwanden, berichtete kürzlich der Business Insider. Berichte über solche Angriffe mit Schnellbooten hatten sich zuletzt auffallend gehäuft.
Großoffensive im Ukraine-Krieg: Selensky-Regierung hält sich weiter bedeckt
Ob die Ukraine aber tatsächlich in der Region um Cherson eine Großoffensive geplant haben könnte, bleibt unklar. Nachdem die Ukraine vom Westen mit zahlreichen Waffensystemen hochgerüstet worden ist und das Sommerwetter theoretisch einen Vorstoß möglich macht, könnte die Gegenoffensive an bis zu fünf Frontabschnitten gleichzeitig beginnen. Einen offiziellen Zeitpunkt will das Verteidigungsministerium aber nicht nennen. Mehrere Regierungsbeamte teilten stattdessen ein Video in den sozialen Medien, das Stillschweigen zu möglichen Berichten über eine Großoffensive und militärische Strategie forderte. „Pläne lieben Stille“, heißt es in dem Film. Inwieweit wegen der Sprengung des Staudamms jetzt noch einmal umgeplant werden muss - darüber schweigt Kiew sich ebenso aus. (jkf)