Während die Menschen im umkämpften Gaza-Streifen auf mehr Hilfe hoffen, soll in Jerusalem während des Fastenmonats ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften Ausschreitungen verhindern.
„Im Ramadan soll niemand hungrig schlafen gehen“, erklärt Raja, ein Palästinenser aus Jerusalem, der für seine Familie nahe dem Damaskustor Datteln, Nüsse und Tamarindensaft einkauft. „Auch die, die wenig Geld haben, sollen genug bekommen.“ Daher lädt seine Familie fast jeden Abend jemand zum Fastenbrechen ein. Was aber, wenn alle hungern, wie in Gaza? „Es ist schwer für uns, die Menschen in Gaza leiden zu sehen und nichts tun zu können, um zu helfen“, sagt Raja. „Alles hängt ja von Israel ab.“
Das mussten auch einige engagierte Israelis feststellen, als sie am Donnerstag Richtung Gazagrenze aufbrachen, ihre Autos bepackt mit Konserven, Reis, Windeln und Medikamenten. Die jüdisch-arabische Organisation Standing Together wollte selbst etwas gegen den Hunger in Gaza tun und startete einen Hilfskonvoi zum Grenzübergang Kerem Schalom. Dort wurde sie von der Armee gestoppt.
Die Geheimdienste sehen die Sache anders als Ben-Gvir
Eine besondere Zeit ist der Ramadan auch für Israels Sicherheitskräfte, sie sind in höchster Alarmbereitschaft. Die Terrorgruppen nutzen den heiligen Monat, um sich als Hüter der religiösen Stätten aufzuspielen – allen voran der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem. Jedes Jahr im Ramadan kommen Hunderttausende Palästinenser:innen nach Jerusalem. Es sind nicht nur israelische Araber:innen, sondern auch Muslime aus dem Westjordanland und – normalerweise – aus Gaza. Für den Besuch der Al-Aksa im Fastenmonat erhielten sie von der israelischen Armee eine spezielle Grenzübertrittserlaubnis.
In diesem Jahr bleibt die Grenze in Gaza geschlossen. Um ein Haar wären auch die Palästinenser:innen im Westjordanland vom Gebet in der Al-Aksa abgeschnitten worden: Israels Minister für Nationale Sicherheit, der rechte Scharfmacher Itamar Ben Gvir, hatte sich dafür ausgesprochen.
Ben Gvir wollte sogar junge Israelis muslimischen Glaubens daran hindern, nach Jerusalem zu fahren – aus Sicherheitsgründen, wie er sagte. Die Geheimdienste sahen das anders. Sie hielten solch strenge Zugangsbeschränkungen im Ramadan für eine tickende Bombe: Der Konflikt drohe dann auch auf die arabischen Städte in Israel überzugreifen, befürchteten sie.
Angespannte Lage im Westjordanland
Nun sind Tausende Polizist:innen in Jerusalem stationiert. Alle wissen: Es reicht ein Funke, um einen Brand zu entfachen. Ein steinewerfender Palästinenser auf dem Tempelberg, der einen Polizeieinsatz dort auslöst, der dann von der Hamas als „Krieg gegen unsere heilige Al-Aksa“ verkauft wird – und schon marschieren wutentbrannte Massen auf den Straßen Hebrons und Dschenins. Israels Militär zeigte im Westjordanland schon in den vergangenen Monaten wenig Zurückhaltung, die Waffen sitzen lockerer als zuvor, immer wieder sterben dabei auch Kinder. Das treibt den Terrorgruppen willige Kämpfer in die Arme.
In Gaza sterben indes immer mehr Menschen an Unterernährung. Die EU hat Israel wiederholt aufgerufen, weitere Grenzübergänge zu öffnen, um Lieferungen zu den Bedürftigen im Norden Gazas bringen zu können – bisher vergeblich. US-Präsident Joe Biden sprach sich am Sonntag erneut für eine Feuerpause aus, nachdem sein Plan, bis Ramadan-Beginn einen neuen Geisel-Deal zu erreichen, gescheitert ist.
USA und Europa beschreiten indes andere Wege, um die humanitäre Hilfe aufzustocken: Von Zypern aus werden per Schiff Hilfslieferungen zum israelischen Hafen Ashdod und von dort aus nach Gaza gebracht. Die USA sind bereit, viel Geld in den Bau eines schwimmenden Hafens im Süden Gazas zu stecken, damit dort Hilfsschiffe anlegen können. Die Errichtung des 500 Meter langen Piers wird laut unbestätigten US-Angaben aber rund zwei Monate dauern, der Seekorridor via Zypern steht indes schon jetzt bereit. Ein Schiff der spanischen Hilfsorganisation Open Arms soll zunächst rund 200 Tonnen Lebensmittel von Zypern aus transportieren und in den nächsten Tagen eintreffen, wie die BBC meldete.
„Niemand hat nach einem Hafen gefragt“
Wie die Transporte andocken und in Gaza verteilt werden sollen, ist noch unklar. Laut Kritiker:innen ist das Programm wenig durchdacht: Schon bei den Landtransporten führen Chaos, Bandenkriminalität und die wachsende Verzweiflung der Hungernden dazu, dass Hilfslieferungen oft gestürmt werden, bevor sie am Ziel sind. „Wenn die Kämpfe andauern, wenn die Menschen verzweifelt sind, wenn Gesetzlosigkeit zunimmt, dann wird es für uns immer schwerer, Hilfslieferungen zu empfangen und sicher zu verteilen“, gibt die UN-Wiederaufbaukoordinatorin für Gaza, Sigrid Kaag, zu bedenken. Die Menschen in Nord-Gaza gehen meist leer aus, Hunger und Medikamentenmangel sind hier besonders ausgeprägt.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
„Niemand hat nach einem Hafen gefragt“, sagt auch Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter für Ernährungssicherheit. Ein Seekorridor und Paketabwürfe seien in Konflikten „die allerletzte Wahl“, da sie wenig effizient sind. „Normalerweise macht man das, wenn man humanitäre Hilfe in feindliches Territorium bringt“, so Fakhri. Im Fall Gazas sei das Gebiet aber unter israelischer Kontrolle, es liege an der Besatzungsmacht, die Schranken für mehr Hilfe am Landweg zu öffnen. (mit dpa)