Situation in Deutschland

Krieg gegen Israel: Die Gleichgültigkeit und die Ignoranz sind beschämend

Juden und Jüdinnen in Deutschland brauchen nach der Attacke auf Israel echte Solidarität. Ein Gastbeitrag von Benjamin Graumann, Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main.

Frankfurt am Main - Seit Samstag ist in Israel nichts mehr, wie es vorher war, und der 07.10.2023 wird für alle Zeit als schwarze, düstere Katastrophe in die Geschichte eingehen. Seit dem Holocaust wurden an einem einzigen Tag nicht mehr so viele Juden ermordet wie am Samstag in Israel.

Die Bilder und Videos, die uns aus Israel erreichen, müssen jeden anständigen Menschen zutiefst verstören und anwidern, sie erinnern an Pogrome der Vergangenheit. Die Terroristen der Hamas haben gezielt Jagd auf Zivilisten gemacht. Ganze Familien wurden in ihren eigenen Häusern erbarmungslos massakriert, Kinder und Babys wurden exekutiert. Eine große Party verwandelten die palästinensischen Mörder in ein abscheuliches Blutbad.

Über 1200 Tote, Tausende Verletzte und ein traumatisiertes Israel

Die Brutalität und der Hass übersteigen unsere schlimmsten Alpträume. Die unerträgliche Bilanz: Mehr als 1200 Tote, Tausende Verletzte und ein ganzes Land, das für alle Zeiten traumatisiert ist. Dazu zahlreiche entführte Frauen, Kinder und Männer, die vor laufender Kamera misshandelt, gefoltert und ermordet werden. Leichen, die geschändet werden, und jubelnde Massen, die Terroristen für ihre Verbrechen feiern.

Die Politiker in Deutschland und Europa haben Israel sehr schnell ihre Solidarität versichert und großmütig und großzügig erklärt, Israel habe das „Recht auf Selbstverteidigung“. Diese unsägliche Floskel existiert einzig und allein in Bezug auf Israel. Der jüdische Staat hat aber nicht nur das Recht auf Selbstverteidigung, er hat die verdammte Pflicht, seine Bürger:innen zu schützen und alles zu tun, damit sich so ein brutaler Überfall niemals wiederholt.

Allein die Hamas ist für den Krieg verantwortlich

Dieser Krieg wurde Israel aufgezwungen und gerade die verantwortlichen Politiker in Deutschland sollten nicht vergessen, dass es für all das, was nun folgt, nur einen Verantwortlichen gibt: die Hamas, die nunmehr das Leid über die eigene Bevölkerung bringt.

Die ausgesprochene Solidarität der westlichen Regierungen hatte in der Vergangenheit in Bezug auf Israel immer nur ein sehr begrenztes Haltbarkeitsdatum, und so ist auch jetzt wieder zu erwarten, dass in einigen Tagen die üblichen Textbausteine aus der Schublade geholt werden, in denen dann vom Leid auf allen Seiten, gegenseitigen Angriffen, Gewaltspiralen, Verhältnismäßigkeit und Mäßigung gesprochen wird. Die Fraktionsvorsitzende der Linken zeigt bereits jetzt, dass die Solidarität mit Israel bereits beendet ist, bevor sie angefangen hat, und hat Israel (!) allen Ernstes zur Einhaltung des Völkerrechts ermahnt.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Juden in Deutschland und Europa müssen nun zittern

Echte und wahre Solidarität gilt aber über den Tag hinaus, an dem Israel seine Opfer zählt. Es scheint fast so, als gebe es Solidarität nur mit toten Juden, die aber dann unverzüglich endet, wenn Israel es wagt, sich zu wehren und Sicherheit herzustellen. Glaubwürdig ist die ausgesprochene Unterstützung mit Israel aber nur dann, wenn es nicht nur bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt.

Die jubelnden Menschen in Berlin-Neukölln und der offen zur Schau gestellte Antisemitismus bei Demonstrationen bleiben bisher allerdings ungestraft. Stattdessen werden jüdische Einrichtungen nun vermehrt geschützt und die meisten Bürger und Bürgerinnen nehmen dies schulterzuckend zur Kenntnis, ohne zu erkennen, wie paradox diese Situation ist. Niemand muss angesichts der Gräueltaten der Hamas Angst davor haben, dass palästinensische Einrichtungen in Deutschland nun Racheakten von Juden ausgesetzt sind. Stattdessen ist es genau umgekehrt. Juden in Deutschland und ganz Europa müssen nun Angst haben, dass die barbarischen Verbrechen der Hamas dazu führen, dass wir hier noch mehr Antisemitismus erleben.

Große Solidarität mit Israel, doch wo bleiben die Konsequenzen?

In vielen Social-Media Kommentaren ist immer wieder zu lesen, wir Juden sollten uns doch die Freiheit von Antisemitismus dadurch erkaufen, uns von Israel zu distanzieren. Das ist aber ein Preis, den wir ganz bestimmt nicht zahlen werden! Warum müssen wir Juden uns die Freiheit von Judenhass überhaupt erst verdienen? Auf so einen grauenhaften, infamen Tausch werden wir uns niemals einlassen.

Es ist fraglos ein starkes Zeichen, dass Politiker:innen nun Solidarität versprechen, und es hat hohen symbolischen Wert, wenn das Brandenburger Tor in den Farben Israels leuchtet. Wo bleiben aber die Konsequenzen? Wie kann es sein, dass im UN-Menschenrechtsrat eine Gedenkminute für Palästinenser abgehalten wird, bei der die israelischen Opfer nicht einmal erwähnt werden, und die deutsche Vertreterin sich von dieser Propaganda einspannen lässt? Wie kann es sein, dass die EU stolz bekräftigt, dass Zahlungen an palästinensische Organisationen weiter fließen? Wieso werden nicht sämtliche Demos von Terror-Unterstützern umgehend verboten?

Mehr als 2000 Menschen demonstrieren auf Aufruf der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin vor dem Brandenburger Tor für Solidarität mit Israel.

Beim Krieg in Israel zeigt sich das Versagen der deutschen Politik

Und wo ist eigentlich der deutsche Wirtschaftsminister, der zu verantworten hat, dass Deutschland immer noch der stärkste Handelspartner des Iran in der EU ist? Auch unsere Kulturstaatsministerin, die sich in der Vergangenheit dem Terror-Regime im Iran an den Hals geschmissen hat, ist immer noch im Amt. Gerade jetzt zeigt sich auch das Versagen der deutschen Politik der letzten Jahre, die darin gipfelte, dass Olaf Scholz schwieg, als der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde den Holocaust im Kanzleramt relativierte.

Neben den fürchterlichen Bildern des Kriegs in Israel beschäftigt uns aber noch etwas anderes: das eiskalte, ohrenbetäubende Schweigen so vieler Menschen in Deutschland. Wo ist die Zivilgesellschaft? Wo bleibt der kollektive Aufschrei, wo sind die Lichterketten, wo sind die Kirchen, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsverbände? Wo ist Fridays for Future, wo sind die Influencer, die Künstler, die Sportler und Vereine, die Schulen, die Universitäten und die Intellektuellen? Wo sind die Musiker, die sich mit den 260 jungen Israelis solidarisieren, die heimtückisch auf einem Musik-Festival ermordet wurden?

Der Angriff auf Israel: Ein Angriff auf uns alle

Diese Gleichgültigkeit und Ignoranz sind beschämend. Dabei ist der Angriff auf Israel ein Angriff auf uns alle und unsere gemeinsamen Werte von Menschenwürde, Menschlichkeit und Toleranz. Wer heute schweigt, stellt sich auf die falsche Seite der Geschichte. Wer heute schweigt, wird morgen selber betroffen sein. Wir brauchen viel mehr Engagement aus der Mitte der Gesellschaft, viel mehr Mut, Unterstützung und viel mehr Entschlossenheit.

In wenigen Wochen erinnern wir an die Reichspogromnacht vor 85 Jahren. Der 9. November 1938 ist uns ein immerwährendes und mahnendes Beispiel dafür, welche dramatischen Folgen Untätigkeit, Schweigen und Wegducken haben können.

Angesichts der dramatischen Entwicklungen in Israel ist das Abschneiden der AfD in Bayern und in Hessen in den Hintergrund gerückt, aber auch diese Entwicklung ist hochgefährlich und zutiefst beunruhigend. Es sind schwierige Zeiten für Juden in Deutschland, wir befinden uns an einem echten Scheideweg. Wir brauchen laute Unterstützung anstatt kaltem Schweigen. Jetzt mehr denn je!

Benjamin Graumann ist Mitglied im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Olaf Schuelke

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