Rusland startet neue Offensive

„Massaker“ im Ukraine-Krieg: Putins Armee scheitert mit großem Panzer-Angriff

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Es mag ein „Massaker“ gewesen sein, ein Fiasko allemal: Russland verliert die nächste Schlacht, bleibt aber dem Sieg im Krieg näher als die Ukraine.

Awdijwka – Die Redaktion von t-online hätte jetzt Gelegenheit für eine Schlagzeile, die sie schon zwei Mal wortgetreu gewählt hatte – mit einem Abstand von fünf Monaten: „Russische Panzerkolonne fährt ins Verderben“. Zuletzt war den Verteidigern im Ukraine-Krieg ein solcher Coup im Januar gelungen. Jetzt berichtet beispielsweise Newsweek von einem erneuten Schlag gegen Wladimir Putins Panzertruppen: Nach Angaben Kiews hätten ukrainische Streitkräfte einen russischen Vorstoß im Süden des Landes gestoppt und 18 Panzerfahrzeuge Moskaus zerstört, während die Truppen des Kreml an der Ostfront an Boden gewinnen. Darüberhinaus sollen russische Streitkräfte während eines Angriffs in der südlichen Region Saporischschja drei Panzer verloren haben, teilte das westliche Einsatzkommando der Ukraine jetzt mit.

Russisches Déjà-vu: Im ukrainischen Wuhledar hatte Wladimir Putin seine erste große Panzerschlacht verloren – zahllose Wracks säumten die Felder (Foto). Jetzt hat Russland nahe Awdijiwka wieder eine Menge Panzer eingebüßt.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland stilisiert den russischen Vorstoß fast zu einer kleinen Panzerschlacht: „Mit einer so großen Menge an Panzern haben die Russen im über zweijährigen Krieg gegen die Ukraine schon lange nicht mehr angegriffen: Doch der Angriff von 48 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen nahe der ukrainischen Stadt Awdijiwka bricht zusammen – ein Drittel der Fahrzeuge geht verloren.“ Was nach einem Husarenstück klingt und dem offenbar größten operativen Erfolg der ukrainischen Verteidiger in der jüngsten Zeit, formuliert Forbes martialischer: als „Massaker“. 36 Panzer und 12 BMP-Panzerfahrzeuge des 6. Panzerregiments der russischen Armee – Teil der 90. Panzerdivision – griffen laut Forbes-Angaben entlang einer Straße an, die vom russisch besetzten Tonen‘ke zum freien Dorf Uman‘ske, zwei Meilen westlich, führte.

Russland hat Taktik geändert: Rückkehr zum panzergestützten Angriff

Forbes-Autor David Ax will an der Schlacht auch gleich zwei Trends ablesen – zwei gegensätzliche sogar. Zum einen Russlands Rückkehr zum motorisierten Angriff und zum anderen die Fähigkeit der Ukrainer, massierte Angriffe in Schutt und Asche aufgehen zu lassen: „In den Wochen vor diesem Angriff setzten russische Regimenter und Brigaden – denen es offenbar an Fahrzeugen mangelte, nachdem sie Mitte Februar Hunderte von ihnen bei der Eroberung von Awdijiwka verloren hatten – überwiegend Infanterie ohne motorisierte Kräfte zum Angriff westlich der Stadt ein.“ Das habe sich jetzt geändert, schreibt Ax aufgrund einer nüchternen Meldung des Ukrainischen Zentrum für Verteidigungsstrategien: „In Richtung Awdijiwka hat der Feind den Einsatz gepanzerter Fahrzeuge, darunter auch Panzer, wieder eingeführt.“

Gleichzeitig haben die Ukrainer offenbar aus ihrer Not eine Tugend gemacht: Obwohl die ukrainischen Brigaden mit unzureichenden Vorräten an wichtiger Munition fast stärker zu kämpfen haben als gegen die russischen Invasoren, sind sie offenbar weiterhin zu einer zähen und effektiven Verteidigung in der Lage – oft aufgrund einer Kombination aus Minen, Artillerie, Panzerabwehrraketen und mit Sprengstoff bestückten Drohnen, wie Ax schreibt. Den Russen ist tatsächlich über die bisherige Dauer des Krieges misslungen, den Kampf kontinuierlich in die Tiefe zu tragen, erklärt Brigadegeneral Björn Schulz im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt.

Vorteil der Ukraine: Sie haben ihre Augen und Ohren überall

„Deswegen ist es jetzt dazu gekommen, dass immer mehr dieses unmittelbare Gefecht stattfindet – artilleristisches Vorbereiten des Angriffs auf relativ kurzer Entfernung, immer das Vorbereiten des Angriffs und dann das Vorrücken über relativ kleine Raumgewinne – für unser Empfinden ja fast lähmend langsam“, wie der Kommandeur der Panzertruppenschule der Bundeswehr erläutert. Obwohl Schulz sagt, den Krieg in der eigenen Heimat austragen zu müssen, sei grauenhaft, seien die ukrainischen Verteidiger dadurch um so besser vernetzt; sie hätten überall ihre Augen und Ohren und wüssten immer relativ gut Bescheid, wo die Russen gerade stehen oder marschieren.

Andersherum wird den Russen zum Verhängnis geworden sein, dass den Ukrainern zumindest teil- oder zeitweise der Luftraum über den beweglichen Einheiten gehört. Mitte vergangenen Jahres hatte die Ukraine in der Region Saporischschja einige Leopard verloren durch einen Hinterhalt der Russen. Der Tagesspiegel hatte damals berichtet, die angreifende ukrainische Panzerkolonne sei ohne Luftabwehr und Artillerieunterstützung unterwegs gewesen und zitiert den ehemaligen aus Südtirol stammenden Soldaten und Militär-Blogger Thomas Theiner. „Die Offiziere, die diesen Angriff geplant und angeordnet haben, müssen entlassen werden“, wie er gefordert hat. Ein ähnliches Szenario mit den gleichen taktischen Fehlern wird sich jetzt auch auf russischer Seite abgespielt haben.

Putins Offensive: Die russischen Streitkräfte stürmen nicht voran, sie kriechen

Die russischen Streitkräfte stürmen nicht voran, sie kriechen – das aber unaufhörlich, schreibt der Stern. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet seit längerer Zeit eine russische Offensive, also eine weit greifende Operation, die zu den derzeitigen Kämpfen hinzu kommt. Auf der anderen Seite gab sich der Kreml selbstbewusst, 150.000 neue Soldaten sollen nach Angaben des Redaktionsnetzwerks Deutschland eingezogen werden, neue Offensiven werden in Kürze erwartet. Die Offensive am Osterwochenende könnte als Auftakt dazu angesehen werden.

Nachdem Russland seine ursprüngliche Offensive vor zwei Jahren früh hat als gescheitert aufgeben müssen und die Gegenoffensive der Ukraine eingegraben überstanden hat, rückt Russland an verschiedenen Frontabschnitten wieder vor – das von der Ukraine befreite Robotyne steht beispielsweise wieder in dessen Fokus. Die Zeit der Positionsgefechte scheint vorüber zu sein, Russland will mit Macht Boden gutmachen – offenbar hatte die Eroberung Awdijiwkas den erhofften Prestigegewinn verfehlt, wie der Deutschlandfunk vermutet: In russischen Medien wurde danach die Einnahme von Awdijiwka als strategisch wichtiger Sieg gefeiert – zu Unrecht möglicherweise. „Daran zweifeln unabhängige russische Experten, wie Ruslan Lewijew; er ist militärischer Beobachter des ,Conflict Intelligence Team‘, einer in Russland entstandenen Recherche-Gruppe“, wie der Deutschlandfunk schreibt. Der Frontverlauf zeige, dass es für die russische Armee kaum leichter geworden sei, die viel wichtigeren Städte unter ukrainischer Kontrolle im Donezbecken – Kramatorsk und Slowjansk – einzunehmen, meint Lewijew.

Selenskyjs Erfolge: „Nur einzelne Farbtupfer, das Gesamtbild ist düster“

Russlands Ex-Präsident Dimitri Medwedew habe zum Jahrestag erneut die südukrainische Hafenstadt Odessa und Kiew als Kriegsziele ausgegeben. Die übrigen Frontabschnitte im Südosten und Süden der Ukraine bleiben ebenfalls hart umkämpf. Der ukrainische Brückenkopf bei Kynky am südlichen Ufer des Dnepr-Flusses stehe ebenfalls unter russischem Druck. Abgesehen von knappem Material müsste die Ukraine nach eigenen Angaben eine halbe Million Soldaten zusätzlich an die Fronten werfen; den Verteidigern gehen die Kräfte aus, auch Russland kann nicht so einfach Personal rekrutieren – der Deutschlandfunk berichtet von wachsendem Widerstand in der russischen Bevölkerung. Der Krieg schleppt sich fort, tagein, tagaus.

Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009.
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009. © Imago
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. © Aleksey Nikolskyi/Imago

Stern-Autor Gernot Kramper sieht den Ukraine-Krieg insofern im Ganzen verfahren – mit ständig wechselnden Nach- und Vorteilen für je eine der beiden Seiten, ohne erkennbaren strategischen roten Faden: Immer wieder gelingen der Ukraine spektakuläre Erfolge. In einer Woche wurden Schiffe der Schwarzmeer-Flotte attackiert, dann stürzte ein russischer Kampfjet ab, nachdem er vermutlich von der eigenen Luftabwehr getroffen wurde, jetzt das Fiasko des russischen Panzerkeils. „Doch es sind nur einzelne Farbtupfer, das Gesamtbild ist düster.“ Die ukrainischen Truppen werden weiterhin permanent von angreifenden russischen Verbänden unter Druck gesetzt. Der Generalstab in Kiew schrieb dazu auf seiner Facebook-Seite: „Die operative Lage in der Ost- und Südukraine bleibt schwierig.“

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