Wilde Theorien

Hatten es Wagner-Söldner während des Putschversuchs auf Atomsprengköpfe abgesehen?

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Nach dem versuchten Putsch der Wagner-Gruppe um ihren Anführer Jewgeni Prigoschin sind die Motive noch immer unklar. Wilde Theorien gibt es viele.

Moskau - Der versuchte Aufstand währte nur kurz: Am Freitag überquerte die von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin angeführte Söldnertruppe die russische Grenze, nahm Rostow am Don und eine weitere russische Stadt ein, ehe sie in Richtung Moskau vorrückten. Doch dann, gegen Samstagabend, die plötzliche Kehrtwende: Prigoschin wies seine Kämpfer an, sich zurückzuziehen. Sein Aufenthaltsort ist seitdem unbekannt, spekuliert wurde, er habe sich nach Belarus begeben, nachdem er einen Deal mit dem dortigen Präsidenten Alexander Lukaschenko eingegangen war.

Der gescheiterte Staatsstreich verpuffte so plötzlich, wie er begonnen hatte - und warf unzählige Fragen auf. Die Ziele und Motive Prigoschins scheinen weiter unbekannt, Spekulation und teils krude Verschwörungen machten schnell die Runde. Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek hat einige der Theorien auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, darunter, dass Prigoschin es auf nukleare Sprengkörper abgesehen hatte.

Wagner-Putsch von CIA organisiert? Keine Beweise für krude Internet-Theorie

Kämpfer der Wagner-Gruppe sitzen auf einem Panzer in Rostow am Don.

Eine Verschwörungstheorie, die schnell auf Twitter aufkam, war, dass der Aufstand Prigoschins als Ablenkung von den Ermittlungen in den USA gegen Hunter Biden, den Sohn von US-Präsident Joe Biden, gedacht sei. Die Meuterei sei von der CIA inszeniert und organisiert, als Beleg nutzten einige Accounts Medienberichte, wonach westliche Geheimdienste schon einige Tage im Voraus von Prigoschins Plänen wussten. Einer der ersten Beiträge zu dieser Theorie stammt vom Twitter-Account „US Divil Defense News“, einem bekannten Fake-News-Account. Beweise für diese Theorie gibt es keine.

Eine weitere, nicht minder erschreckende Behauptung deutet darauf hin, dass Prigoschins Ziel womöglich gar nicht Moskau gewesen sei, sondern ein Atomlager in der Nähe von Woronesch, einer Stadt in Zentralrussland, die Wagner kurzzeitig eingenommen haben soll. Die Legion Freiheit Russlands, eines der Freiwilligenkorps, die vor einigen Wochen in die russische Region Belgorod eingedrungen waren, behauptete später, Informationen zu haben, wonach die russische Luftwaffe Brücken in der Region zerstört habe.

Wollte Wagner Atomsprengkörper erobern? Lager Woronesch-45 im Fokus

Einer der Wagner-Söldner habe den Versuch unternommen, in das Militärlager „Woronesch-45“ einzudringen. Dort werden auch taktische Atomwaffen des russischen Verteidigungsministeriums gelagert. Eine ähnlich klingende These stellte kurz darauf Wladimir Osechkin auf, ein ehemaliger russischer Unternehmer, der im Exil lebt und nun als Menschenrechtsaktivist tätig ist. Osechkin berichtete zuvor bereits über eine Reihe von „durchgesickerten FSB-Briefen“ über die internen Abläufe im russischen Militär- und Sicherheitsapparat. Die Behauptungen wurden unter anderem von Igor Sushko, einem Pro-Ukraine-Aktivisten, geteilt.

Sushko schrieb auf Twitter nach Ende des Wagner-Putschversuchs: „Die Eroberung des Atomlagers Woronesch-45 in Russland durch Prigoschin könnte ein Teil des Schlüssels zum Schloss sein, der seine Entscheidung erklären kann, den spektakulär erfolgreichen Putsch plötzlich und auf bizarre Weise zu ‚beenden‘.“ Dabei zitierte er wohl Aussagen Osechkins.

Hatte es Prigoschin auf Atomwaffen abgesehen? „Praktisch unmöglich“

Und weiter: „Ich habe versucht herauszufinden, wie Prigoschin sein eigenes Überleben danach garantieren kann. Das könnte es sein. Moskau war vielleicht nie sein endgültiges Ziel. Woronesch-45 war es. Sobald er die Atombomben hatte, beendete er die Operationen, weil alle Ziele erreicht waren.“

Newsweek hat auch versucht, diese Theorie zu überprüfen. Vor allem Militärexperten hätten der Behauptung allerdings schnell widersprochen. Bereits das Bild, das Sushko in seinem Post nutze, war nicht eines des Militärlagers Woronesch-45. Analysten gehen außerdem davon aus, dass es „praktisch unmöglich ist“, auch nur einige der russischen Atomwaffen zu übernehmen, geschweige denn sie irgendwie einzusetzen oder zur Explosion zu bringen.

Auch Hans Kristensen, der Direktor des Nuclear Information Project der Federation of American Scientists, schrieb auf Twitter, dass es „keinerlei Beweise dafür gibt“, dass die „Wagner-Gruppe ein russisches Atomlager gekapert und die Atomsprengköpfe bekommen hat“.

Video: Nach geflopptem Coup: Prigoschin meldet sich mit Erklärungsversuch

Laut Informationen von Newsweek sollen die USA und andere westliche Staaten versucht haben, den Kreml zu erreichen, um Zusicherungen zu erhalten, dass sich Russlands Atomwaffenarsenal inmitten des Putsches in Sicherheit befände. Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte am Samstag dem TV-Sender CNN: „Es gibt keinen Grund, unsere konventionelle oder nukleare Streitkräftelage anzupassen. Wir haben seit langem etablierte Kommunikationskanäle mit Russland in Nuklearfragen.“

Derzeit bleibt es schwierig, die tatsächlichen Motive hinter Prigoschins Putschversuch zu ermitteln. Ob er zu irgendeinem Zeitpunkt Pläne hatte, Massenvernichtungswaffen zu erobern, bleibt also zumindest zweifelhaft. (fmü)

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