Chaos in Russland

Gescheiterter Putsch: Experten erwarten „erheblichen Schaden“ für Putin und Ukraine-Krieg

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    Felix Busjaeger
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Der Putsch in Russland blieb aus. Prigoschin und die Wagner-Gruppe fielen nicht in Moskau ein. Für Putin ist das kein Erfolg – der Kremlchef wurde gedemütigt.

Update vom 25. Juli, 11.18 Uhr: Der Putschversuch der Söldner-Gruppe Wagner in Russland ist gescheitert, ihr Anführer Prigoschin wohl nach Belarus geflohen. Das Institute for the Study of War (ISW) vermutet allerdings, dass der Aufmarsch der Söldner „eine nachhaltige Wirkung haben werde“. Die Aktion habe einen Großteil der russischen Streitkräfte „lächerlich gemacht“ – und verdeutliche, welch weitreichende Ergebnisse vom Staat getrennte, private Armeen erzielen können.

Ebenfalls schwierig: Niemand stellte sich der Wagner-Armee etwa in der Millionenstadt Rostow am Don wirklich in den Weg. Viel mehr wurden die Truppen teils herzlich begrüßt und auch unter Applaus verabschiedet. Das ließe laut den Experten des ISW immerhin auf eine gewisse Akzeptanz von Prigoschins Vorgehen deuten.

Den Putsch der Wagner-Söldner hat der Kreml abgewendet, er könnte für Wladimir Putin dennoch erheblichen Schaden nach sich ziehen.

Nach Wagner-Aufstand in Russland: „Erheblicher Schaden“ für Putin und seine Anhänger

Ebenfalls werfe die überraschende Aktion ein schlechtes Licht auf die russischen Geheimdienste im Inland. Trotz bereits langer rhetorischer Verschärfung der Beziehungen, sei es dem FSB nicht gelungen, dieses Risiko einzudämmen. Auch deshalb kommt das ISW zu dem Schluss, dass „die Rebellion und auch die Lösung der Ereignisse vom 23. und 24. Juni der Regierung Putins und den russischen Kriegsanstrengungen in der Ukraine wahrscheinlich erheblichen Schaden zufügen.“

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

„Schwere Demütigung für Putin“: Darum ist der gescheiterte Putsch kein Erfolg für den Kreml

Erstmeldung: Moskau – Ein ereignisreicher Tag neigt sich dem Ende entgegen, der viele Expertinnen und Experten mit vielen Fragezeichen zurücklässt: Der Machtkampf in Russland hatte mit dem vermeintlichen Aufmarsch der Wagner-Gruppe gen Moskau einen dramatischen Höhepunkt erreicht – der erst kurz vor Moskau ein jähes Ende fand. Per Messenger-Nachricht forderte Jewgeni Prigoschin seine Wagner-Söldner auf, in ihre Kasernen zurückzukehren. Der bewaffnete Aufstand scheint erstmal abgewendet. Doch die Lage bleibt noch unübersichtlich.

Prigoschin bricht Putsch ab: Wagner-Söldner kehren in Kasernen zurück

Der mögliche Putsch gegen Putin ist damit vorerst abgewendet, doch am Ende ist dies kein Triumph für den Kreml oder Wladimir Putin, sondern vielmehr die größtmögliche Demütigung. Zu den Gründen, wieso Prigoschin den Aufmarsch auf Moskau noch rechtzeitig beendete, mutmaßte Politikwissenschaftler Carlo Masala in den Tagesthemen, dass der Söldner-Chef möglicherweise mit einer größeren Unterstützung des russischen Militärs gerechnet haben könnte. Dennoch: Auch ohne Moskau einzunehmen, hat Prigoschin nämlich sein Ziel erreicht. In Moskau war es derweil sogar schon zu ersten Evakuierungen wegen des Wagner-Putsches gekommen.

Wie in seiner Rede vom 23. Juni angekündigt, wollte Prigoschin gegen die russische Militärführung vorgehen. Der 62-Jährige beschuldigte Verteidigungsminister Sergej Schoigu, den Befehl zu einem Angriff auf ein Militärlager der Wagner-Truppe gegeben zu haben. Die Einheit hat in Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine an der Seite regulärer russischer Truppen gekämpft und eine wichtige Rolle bei der Eroberung der Stadt Bachmut im Gebiet Donezk gespielt. Allerdings gab es seit Monaten Streit um Kompetenzen und um Munitionsnachschub. Nach dem angeblichen Angriff auf das Wagner-Lager, den das Verteidigungsministerium in Moskau prompt dementierte, kündigte Prigoschin einen „Marsch der Gerechtigkeit“ an, um die Verantwortlichen zu bestrafen.

Was passiert mit Wagner und Prigoschin? Machtkampf zwischen Putin und Söldner ist nicht beendet

Masala sagte bezüglich der jüngsten Entwicklungen in Russland: Womöglich hätte Prigoschin den Angriff auf Moskau auch abgebrochen, weil die russische Führung mit härteren Schlägen gedroht hätte. Ein intensiverer Widerstand aus der Luft hätte den Wagner-Söldnern auf ihren Vormarsch schwerere Verluste zufügen können. Auch wenn nun zunächst der Putsch der Wagner-Söldner beendet werden konnte, bleibt allerdings ein fahler Beigeschmack: Der Machtkampf in Russland sei, laut Masala, nicht beendet. Vielmehr ist sich der Experte sicher, dass Putins Herrschaft massive Machtrisse davongetragen hat.

„Putin musste einen Kompromiss eingehen“, so der Experte. Für den Kremlchef sei dies eine große Demütigung und keinesfalls ein Sieg. Zudem stünde der Kompromiss auch im Widerspruch zu den harten Äußerungen, die Putin am Samstagmorgen getätigt hatte. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte seinen einstigen Vertrauten Prigoschin am Samstagmorgen als „Verräter“ bezeichnet. Die Behörden ermitteln bereits seit Freitagabend gegen den mit Staatsaufträgen reich gewordenen Oligarchen und drohten ihm mit einer Haftstrafe von 12 bis 20 Jahren.

Kein Putsch in Russland: Kreml stellt Strafverfahren gegen Prigoschin ein

Am Abend sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow, dass das Strafverfahren gegen den Chef der russischen Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, wegen des bewaffneten Aufstands gegen die Militärführung eingestellt wird. Prigoschin selbst werde nach Belarus gehen, teilte die staatliche Nachrichtenagentur Interfax mit. Auch die Kämpfer der Wagner-Truppe sollen angesichts ihrer Verdienste an der Front in der Ukraine nicht strafrechtlich verfolgt werden, wie Peskow weiter erklärte. Zuvor hatte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko Prigoschin nach eigenen Angaben dazu gebracht, seinen Aufstand aufzugeben. Es war zunächst nicht klar, ob Prigoschin neben der Straffreiheit noch weitere Zugeständnisse gemacht oder in Aussicht gestellt wurden, um den Vormarsch seiner Truppen auf Moskau zu stoppen.

Söldner-Chef Prigoschin äußerte sich nicht zu den jüngsten Entwicklungen. „Unsere Kolonnen drehen um und gehen in die entgegengesetzte Richtung in die Feldlager zurück“, sagte er in einer von seinem Pressedienst auf Telegram veröffentlichten Sprachnachricht – dies war seine bisher letzte öffentliche Äußerung. Bislang sei „nicht ein Tropfen Blut unserer Kämpfer“ vergossen worden, hieß es demnach weiter.

Wagner-Putsch in Russland: Putins Image ist beschädigt – kommende Wochen wohl für Ukraine-Krieg wichtig

Wie Masala angesichts der jüngsten Entwicklungen zum Wagner-Putsch sagte, würden nun noch viele offene Fragen bleiben, die das Kriegsgeschehen in der Ukraine in den kommenden Wochen maßgeblich beeinflussen könnten. Putins Image hätte durch den Vorfall massiv gelitten und es sei fraglich, wie der Kremlchef die Unterstützung der russischen Bevölkerung wiedererlangen wolle. Dennoch kann sich Putin weiter auf seine Verbündete verlassen.

In den vergangenen Wochen sei zudem die Sympathie für Prigoschin deutlich gestiegen. Dies lag nicht zuletzt daran, dass er sich im Ukraine-Krieg häufiger als einfacher Soldat präsentierte und die Entscheidungen der russischen Führung öffentlich kritisiert hatte. Inwieweit sich der Wagner-Chef durch seinen Putschversuch die Sympathie der Bevölkerung sichern konnte, ist noch ungewiss. Fehlende Widerstände bei seinem Vormarsch gegen Moskau sprechen allerdings Bände – und könnten für Putin auch in den kommenden Wochen zum Problem werden. (febu mit dpa)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Pavel Bednyakov

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