Der internationale Haftbefehl könnte doch große Folgen für Wladimir Putin haben. Zu diesem Schluss kommt ein Experte von der Uni Oxford.
Moskau/Oxford - Der internationale Haftbefehl gegen Kreml-Chef Wladimir Putin sorgte für ein großes Medien-Echo. Doch welche Folgen hat er für Putin wirklich? Handelt es sich nur um einen symbolischen Akt? Ein Osteuropa-Experte von der britischen Elite-Uni Oxford hält harte Konsequenzen für den russischen Präsidenten durchaus für möglich.
Putin wegen Internationalem Haftbefehl unter Bedrängnis?
Die aktuellen Fakten: Der internationale Strafgerichtshof (ICC) hat am 17. März einen internationalen Haftbefehl gegen Putin erlassen. Der Vorwurf: Illegale Deportierung von Kindern aus der Ukraine nach Russland, während des Ukraine-Kriegs. Dadurch sind nun die 123 Mitgliedsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs rechtlich dazu verpflichtet, Putin zu verhaften, sobald er ihren Boden betritt. Neben der EU und den meisten afrikanischen Staaten sind davon etwa auch alle südamerikanischen Staaten (außer Kuba und Nicaragua) davon betroffen. Sogar von Schützling Armenien könnte auf Sicht Ungemach drohen.
Russland dagegen erkennt - genau wie China - den Haftbefehl und den ICC nicht an. Dementsprechend liefert man seine eigenen Staatsangehörigen auch nicht aus. Doch Putin könnte verhaftet werden und vor dem Gericht landen, falls er die Macht in Russland verlieren sollte oder falls Russlands Elite ihn verhaften würde, um ihn seiner Macht zu berauben. Zu dieser Einschätzung kommt Wlad Mychnenko, Experte für die postkommunistische Transformation der ehemaligen Sowjetunion an der Universität Oxford.
Putin durch Haftbefehl „extrem verwundbar“, meint Experte
„Angesichts Putins umfassender Verbindungen in ganz Europa und dessen, was er den Richtern möglicherweise über Korruption und zwielichtige Geschäfte zwischen Moskau und den großen westlichen Hauptstädten erzählen könnte, wird es viele Gründe geben, ihn vor Den Haag zum Schweigen zu bringen“.
Der internationale Haftbefehl habe Wladimir Putin „extrem verwundbar“ gemacht, meint Mychnenko. Falls Putin es riskieren würde ICC-Mitgliedsstaaten zu besuchen und dort „in Schwierigkeiten“ geraten sollte, könnte dies daran liegen, dass die Silowiki ihn verhaften ließen, um „ihn loszuwerden“. So könnte man etwa die Beziehungen zum Westen wieder verbessern. In diesem Fall könnte ein Ersatz-Präsident hervorgezaubert werden, der – zum Schein – sogar vorgeben könnte, den Verlust Putins zu rächen.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Für diese These führt er auch die aktuellen Aussagen des Putin-treuen Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew heran, die Mykhnenko „ziemlich außergewöhnlich“ nennt. Medwedew habe gepoltert, dass jeder Versuch, Putin zu verhaften, einer Kriegserklärung gegenüber Russland gleichkäme.
Will Russlands Elite Putin „loswerden“?
Nach Einschätzung des Oxford-Experten könnte Medwedew damit aber nicht nur versucht haben, Putin zu schützen, sondern auch sich selbst als möglichen starken und ultrapatriotischen Nachfolger darzustellen. „Er ist eingesprungen, um zu behaupten, ‚heiliger als der Papst‘ zu sein, mehr Z-Kriegstreiber zu sein als Putin selbst, als wollte er andeuten – was auch immer mit Putin passiert – ich könnte wieder die Nummer eins sein, Sie können mir vertrauen, der Ultrapatriot, ich werde es ihnen zeigen.“
Dem Experten nach setzt Medwedew seine - bislang erfolglose - Taktik fort, die Silowiki so zu umgarnen. Er könnte aber im Falle einer Absetzung Putins zu einer Option werden.