Eskalation in Israel

Reportage aus Israel: Dreimal in der Nacht heulen Sirenen

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Wo ist der Bunker? Wo gibt es ABC-Masken? Seit Freitag leben die Israelis im Kriegsmodus. Eine Reportage von Maria Sterkl.

Mitten in der Stadt hört man jetzt Kleinvögel zwitschern. Verschwunden ist der Autolärm, kein Motorrad lässt die Muskeln spielen. Das könnte schön und idyllisch sein, wäre es nicht Krieg. Es ist Morgen in Haifa, der drittgrößten Stadt Israels, an der Mittelmeerküste. Vor wenigen Stunden haben hier die Sirenen geheult. Im Luftschutzraum im Keller des Wohnhauses im Stadtteil Hadar ließen sich die Bewohner:innen in die Klappstühle fallen, die nach dem Krieg gegen die Hisbollah keiner weggeräumt hat. Auch ein paar Sixpacks mit Trinkwasser sind noch übrig. Eine ältere Nachbarin hat ein Radio mitgebracht, sie will auch im Schutzraum nicht die neuesten Nachrichten verpassen. Damit ist sie den Smartphone-Besitzer:innen gegenüber im Vorteil: Im Keller gibt es keinen Netzempfang. „Ein gutes Zeichen“, meint Nachbar Chaim. „Das heißt, die Wände sind dick genug.“

Dass Chaim heute die Vorschriften einhält und wie alle anderen in den Luftschutzkeller geht, ist neu. Der Pensionist bleibt ansonsten gerne in seiner Wohnung im obersten Stock des Hauses, und verfolgt das Schauspiel am Himmel über dem Mittelmeer. Der Schutzschild Iron Dome, der die iranischen Angriffe abwehren soll, zeichnet leuchtende Spuren in die Nacht. Chaim kriegt dann leuchtende Augen wie ein Kind. Er ist bald siebzig Jahre alt, so ein bisschen Krieg mit Teheran kann ihn nicht erschrecken.

Israels Luftabwehrsystem Iron Dome feuert, um Raketen über Tel Aviv abzufangen.

Reisende und Einheimische: In Israel flüchtet man nun regelmäßig in Luftschutzanlagen

Dass Chaim heute trotzdem brav im Luftschutzkeller sitzt, liegt an Sandra. Die Touristin aus den USA übernachtet in dem Gästezimmer, das Chaim vermietet. Es liegt im Dachgeschoss und ist dem Raketenbeschuss am nächsten. Chaim hat sie in den Luftschutzkeller begleitet. Es ist Sandras erste Nacht in Haifa.

Die erste von wie vielen, das weiß sie nicht: Der Flughafen Tel Aviv bleibt wegen der Angriffe aus dem Iran bis auf weiteres gesperrt. Sollte Sandra Angst vor den Raketen haben, so kann sie es gut verbergen. Sie lächelt höflich, scherzt mit den Nachbarn, winkt dem Baby zu. Das Baby hat keinen Grund für gute Laune: Der Raketenalarm hat es aus dem Schlaf gerissen. Zum ersten von drei Malen in dieser Nacht.

Nach Angriffen auf Iran und Gegenschlägen: „Es kracht nonstop“ in Tel Aviv

Mindestens zehn Minuten lang muss man im Luftschutzraum bleiben, für den Fall, dass die vom Iron Dome abgeschossenen Raketen in Teilen herabfallen. Irans Raketen sind so schwer, dass oft selbst ein Splitter reichen würde, um eine Wand zu durchdringen.

Hier in Haifa bleibt es abgesehen vom Alarm relativ ruhig. Doch nach dem Besuch im Luftschutzraum fällt es erst einmal schwer, wieder einzuschlafen. In Chats mit Freunden in Tel Aviv und Umgebung erfahren wir, wie gut wir es diesmal getroffen haben. „Das ist Stoff für Kriegsfilme“, schreibt P. aus Givatayim, einem Vorort von Tel Aviv. „Seit dreißig Minuten kracht es hier nonstop.“ Der Laden, in dem seine Freundin arbeitet, sei getroffen worden. Später erfahren wir, dass die iranischen Luftangriffe im Raum Tel Aviv und dem Zentrum Israels viele Verletzte und auch Tote gefordert haben.

Gespenstische Stille in Israel – bei den Menschen und in Chatgruppen herrscht Unischerheit

Am Tag danach ist es in Tel Aviv ruhig, in Haifa sowieso. „Wie an Jom Kippur“, sagt A., der quer durch die Stadt gefahren ist – er hat auf dem Weg nur zwei Autos gesehen. Die Stille ist fast gespenstisch.

Israels Luftabwehr fängt am Wochenende Raketen aus dem Iran ab.

So ruhig es draußen ist, so laut ist das Rauschen in den Chatgruppen. Im Nachbarschaftschat fragt jemand: Wo ist von der Tiberiasstraße 15 aus gesehen der nächste Schutzraum? Eine andere will Rat, was sicherer sei: zu Hause zu bleiben, ohne Schutzraum? Oder zum nächsten Bunker zu laufen, der mehr als eine Minute entfernt ist?

Eine Minute lang hat man Zeit, um bei einem Alarm den Schutzraum aufzusuchen. So sagt es die Smartphone-App des israelischen Heimatfrontkommandos. Und der Armeesprecher wiederholt es beständig: Unsere Luftabwehr ist ausgezeichnet, aber sie ist nicht hermetisch. Darum haltet euch an diese Richtlinien, sie retten Leben.

Bei iranischen Angriffen: Viele Häuser in Israel haben zentralen Schutzraum

Aber nicht alle können das. Der Zugang zum hohen Gut Überleben ist auch in Israel nicht gleich verteilt. Die einen haben einen Schutzraum in der Wohnung, oft ist hier das Kinderzimmer angelegt. Dann gibt es die, die im Haus auf jeder Etage einen verstärkten Raum haben, sie müssen nur ein paar Schritte aus der Wohnung machen. In vielen Wohnhäusern gibt es einen zentralen Schutzraum für alle Mieter:innen. Viele aber leben in Häusern, die seit den 1950er- oder 1960er-Jahren nie saniert wurden. Die Bewohner:innen müssen dann auf die Straße, zum nächsten Bunker – wenn es einen gibt.

Ein Bekannter, der nur zehn Fußminuten entfernt wohnt, ist ziemlich sauer. Nicht auf die Regierung, nicht auf die Mullahs. Sondern auf den Bürgermeister von Haifa. „Wir haben einen öffentlichen Schutzraum in der Nähe“, sagt er, „aber der ist verriegelt.“ Also musste er mit den Kindern im Vorzimmer kauern – dem einzigen Raum ohne Fenster.

Andere haben einen Schutzraum im Haus und fürchten sich trotzdem. „Weiß jemand, wo ich bei uns im Viertel ABC-Vollmasken bekomme?“, fragt U. im Nachbarschaftschat. Außerdem sucht er Abdeckbänder für die Fenster, Atropin-Spritzen zur Abwehr von Nervenkampfstoffen sowie Reinigungstabletten fürs Trinkwasser und Stromgeneratoren. „Hast du dich im Jahr geirrt?“, fragt eine Nachbarin, Lach-Emoji. Aber U. lacht nicht mit.

Eskalation zwischen Israel und Iran: Kein Ende des Kriegs in Sicht

Am Tag danach zerstört im 20 Kilometer entfernten Tamra eine Rakete ein mehrstöckiges Haus. Der Anwalt Raja Khatib ist nicht zu Hause, als das Projektil in seine Wohnung eindrang. Seine Frau, zwei Töchter und eine Verwandte werden getötet.

Im Fernsehen steht der Armeesprecher neben einer Iran-Landkarten-Grafik mit mehreren Städten – Teheran, Isfahan, Shiraz. Der Krieg ist auch ein wiederkehrender Geografieunterricht. Mehrere kleine blaue Flugzeuge werden auf der Karte eingeblendet, sie bewegen sich in einer Schleife über den Westen des Iran. Blaue Striche schießen aus den Flugzeugen. Hier greift die Luftwaffe an. Der Armeesprecher lobt die Verdienste der Piloten. Auf die Frage einer Journalistin, wann man damit rechnen könne, dass auch der zivile Flugverkehr wieder aufgenommen wird, damit die im Ausland gestrandeten Israelis nachhause zurückkehren können, will der Offizier nicht antworten: Diese Operation habe doch gerade erst begonnen. (Maria Sterkl)

Rubriklistenbild: © Tomer Neuberg/dpa

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