Haiti

Tausende Häftlinge befreit: Gangs wollen in Haiti die Regierung stürzen

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Demonstrierende fordern am 1. März in der Hauptstadt Port-au-Prince den Rücktritt des Premierministers.
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Während Haitis Premier Ariel Henry im Kampf gegen Banden für einen internationalen Polizeieinsatz wirbt, befreien Kriminelle in der Hauptstadt Port-au-Prince tausende Häftlinge.

Haitis Gangs, die den Großteil der Hauptstadt und Teile des Inselstaates beherrschen, wollen die Regierung von Premierminister Ariel Henry stürzen. Der Regierungschef befindet sich derzeit in Kenia, um dort für einen internationalen Polizeieinsatz zu werben. Die kenianische Regierung will 1000 Polizeibeamte zu diesem Zweck nach Haiti entsenden, ein entsprechendes Abkommen ist nach dpa-Informationen bereits unterzeichnet.

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Die Banden um den berüchtigten Boss Jimmy Chérizier alias Barbecue versuchen unterdessen seit Freitag, in Haiti maximales Chaos zu stiften und die Rückkehr von Henry zu verhindern. Sie töteten gezielt Polizeioffiziere, brachten viele Reviere unter ihre Kontrolle und drohten, auch den Präsidentenpalast einzunehmen.

Banden profitieren in Haiti von Machtvakuum

Etwa 200 kriminelle Banden ringen in dem Staat, der sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, um Routen und Reviere und bekämpfen sich gegenseitig. Sie handeln vor allem mit Drogen und Waffen, erpressen Schutzgelder und kontrollieren faktisch die Wirtschaft des kleinen Staates. Am Samstag stürmten Gangmitglieder das völlig überfüllte Hauptgefängnis sowie eine weitere Haftanstalt in der Hauptstadt Port-au-Prince und befreiten nahezu 4000 Gefangene. Das seien 97 Prozent der Häftlinge, teilte das „Anwaltskollektiv zur Verteidigung der Menschenrechte“ (CADDHO) am Sonntag mit. Laut Medienberichten wurden mindestens fünfzehn der Geflohenen gleich nach ihrem Ausbruch getötet. In der Haftanstalt saßen mehrere Bandenführer ein sowie die 18 kolumbianischen Ex-Militärs und Söldner, die der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 beschuldigt werden. Sie blieben aber offenbar aus Angst, nach der Flucht selbst getötet zu werden, freiwillig im Gefängnis.

Am Sonntagabend verhängte der haitianische Finanzminister Patrick Boisvert, der Henry in seiner Abwesenheit vertritt, eine nächtliche Ausgangssperre und einen dreitägigen Ausnahmezustand. Dies soll Polizei und Armee, die den Gangs an Feuerkraft und Anzahl unterlegen sind, helfen, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Die schon immer schwierige Sicherheitslage in Haiti hat sich nach der noch immer ungeklärten Ermordung von Moïse nochmals dramatisch verschärft. Die jüngste koordinierte Welle der Gewalt steht Beobachter:innen zufolge in direktem Zusammenhang mit Henrys Reise nach Kenia und der Tatsache, dass er vor wenigen Tagen bei einem Treffen der Karibischen Gemeinschaft Caricom Wahlen bis August 2025 versprochen hatte. Die Banden profitieren von dem Machtvakuum nach Moïses Ermordung und haben das Land seither faktisch übernommen. Sie kontrollieren 80 Prozent von Port-au-Prince. „Wir alle, die bewaffneten Gruppen in den Provinzstädten und die in der Hauptstadt, sind vereint“, ließ Banden-Boss Barbecue am Sonntag wissen.

Der getötete Präsident wurde nicht ersetzt, seit 2016 haben in Haiti keine Wahlen mehr stattgefunden. Henry regiert ohne Mandat und sollte am 7. Februar zurücktreten, was er verweigerte. Derzeit gleicht Haiti dem afrikanischen Somalia, das nach 1991 in einen blutigen Konflikt zerfiel, in dem Clans, Warlords, Banden und Privatmilizen vor allem in der Hauptstadt Mogadischu um einzelne Straßenzüge kämpften.

António Guterres wirbt für internationale Mission in Haiti

Im Januar veröffentlichten die Vereinten Nationen Zahlen, wonach im vergangenen Jahr mehr als 8400 Menschen Opfer der Bandengewalt wurden – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2022. UN-Generalsekretär António Guterres hatte am Freitag bei dem Gipfeltreffen der „Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten“ (Celac) dringend zu mehr Unterstützung für eine internationale Mission aufgerufen, die Haiti im Kampf gegen die Bandengewalt helfen soll. Allerdings will sich nach vielen gescheiterten Missionen kaum noch ein Land in Haiti engagieren.

Dabei ist der Karibikstaat seit mehr als 200 Jahren ein Land im chronischen Chaos. Politische Instabilität, Umstürze und US-Interventionen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Haitis. Demokratische Stabilität gab es hier nie. In den 38 Jahren, nach der Flucht von Diktator Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier 1986 ins Exil hat Haiti 21 Präsidenten verschlissen. Kaum einer erreichte das Ende seines Mandats, manche regierten nur Tage. Jovenel Moïse immerhin amtierte viereinhalb Jahre, bevor er bei einem filmreifen Attentat am 7. Juli 2021 nachts in seinem Haus von kolumbianischen Söldnern exekutiert wurde.

Haiti, einst blühendste Kolonie der Welt, ist heute ein Armenhaus. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 1610 US-Dollar und damit fünfmal niedriger als in der benachbarten Dominikanischen Republik (8100 Dollar). mit dpa

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