Krise beim starken Mann: EU weint der Scholz-Ampel keine Träne nach
VonPaula Völkner
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Zum Beginn des EU-Gipfels war Scholz nicht da. Der Grund: Der Ampel-Bruch. In seiner Abwesenheit wird die Koalition kritisiert. EU-Vertreter verlangen rasche Neuwahlen.
Budapest – In Deutschland sind die Reaktionen auf das Aus der Ampel-Koalition gemischt ausgefallen. Abgesehen von viel verbrannter Erde, die einige Vertreter der Ampel-Parteien hinterlassen haben, reichen die Reaktionen von Enttäuschung, Erleichterung und Verständnis bis hin zu scheinbarer Schadenfreude. Aber nicht nur in Deutschland hat der Bruch der Koalition für Aufsehen gesorgt – auch beim europäischen Gipfeltreffen in Budapest reagierten EU-Partner auf die Lage in Berlin.
EU-Gipfel bei Orbán nach Ampel-Aus: Scholz verpasst Auftakt – EU-Vertreter wollen schnelle Neuwahlen
Zu Gast bei Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán versammelten sich am Donnerstag (7. November) rund 45 Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa. Bei dem Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft ging es unter anderem um sicherheitspolitische Herausforderungen für Europa – auch vor dem Hintergrund des Wahlsiegs von Donald Trump bei der US-Wahl. Der Sitz des deutschen Bundeskanzlers, Olaf Scholz, blieb zunächst leer – diesen Teil der Beratung musste Scholz aufgrund der Koalitionskrise in Berlin ausfallen lassen.
Ende der Ampel: EU-Chefs kritisieren Scholz-Regierung – „unentschlossen in EU-Fragen aufgetreten“
Bei dem Treffen in der ungarischen Hauptstadt habe niemand der Ampel-Koalition nachgetrauert, heißt es in einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP. Neben dem Wunsch nach möglichst schnellen Neuwahlen äußerten einige Diplomaten Kritik an der Ampel. Das Bündnis aus FDP, SPD und Grünen sei „völlig unentschlossen in EU-Fragen aufgetreten“, kritisierte der Vertreter eines EU-Staates. „Wir hatten ein schwaches Deutschland, sogar mit einer stabilen Regierung. Je schneller dies endet, desto besser“, so das deutliche Fazit des Vertreters.
Für das deutsche Abstimmungsverhalten soll es in Brüssel bereits einen Begriff geben. Der etwas abfällige Ausdruck „German Vote“ meint die deutsche Enthaltung in EU-Fragen wegen Unstimmigkeiten innerhalb der Ampel – beispielsweise bei der Asylreform oder dem Lieferkettenkettengesetz.
Scholz‘ Abwesenheit schienen einige andere Vertreter hingegen auch genutzt zu haben, um ihrem Ärger über den deutschen Kanzler Luft zu machen. Scholz habe nie großes Interesse an der EU gezeigt, kritisierte ein Diplomat laut AFP. „Ein neuer Kanzler könnte dies ändern.“ Im direkten Vergleich mit seiner Vorgängerin, Angela Merkel, habe Scholz nicht bestehen können.
Neuwahlen in Deutschland: Scholz äußert sich bei EU-Gipfel zum Ampel-Aus
Der Kanzler, der später in Budapest eintraf, erklärte sich am Rande des Treffens am Freitag gegenüber der Presse. Auf die Frage, wie die EU-Partner auf den Bruch der Ampel reagiert haben, zeichnete Scholz ein weniger kritisches Bild: „Viele haben mir auf die Schulter geklopft, sehr viele.“ Weiter erklärte der Kanzler mit einem Schmunzeln: „Viele sind mit Erfahrungen als Koalitionsregierungen auch versehen.“ Auf seine Entscheidung, die Ampel-Koalition zu beenden, sei für Scholz von den EU-Partnern, „viel kollegiale Solidarität zu spüren gewesen“.
Viele der Staats- und Regierungschefs hoffen auf schnelle Neuwahlen. So auch der finnische Regierungschef, Petteri Orpo, der es für „sehr wichtig“ erachte, dass Deutschland schnell wieder eine handlungsfähige Regierung hat. Ohne eine starke Bundesregierung könne die EU wichtige Entscheidungen etwa in Finanzfragen nicht treffen, betonte Orpo.
Finanzstreit bis zum Bruch: Opposition und EU-Vertreter fordern schnelle Neuwahlen nach Ampel-Aus
Finanzfragen waren es, die die Ampel am Mittwochabend zum Kollaps gebracht haben. So folgten auf tagelange letzte Krisengespräche über die Lücke im Haushalt und die deutsche Wirtschaftskrise, die Entlassung des FDP-Finanzministers Christian Lindner und Scholz‘ Ankündigung, im Januar die Vertrauensfrage stellen zu wollen. Für die deutsche Opposition kann das nicht schnell genug gehen. Oppositionschef Friedrich Merz (CDU) forderte er deshalb „schnellstmöglich Neuwahlen“. Auch Scholz hat nun erklärt, gesprächsbereit über den Zeitpunkt der Vertrauensfrage und der darauf folgenden Neuwahlen zu sein.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
„Europa ist nicht stark ohne ein starkes Deutschland“, sagte EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola bei dem Treffen in Budapest. Die Forderung der europäischen Gemeinschaft scheint klar: Deutschland braucht angesichts der Herausforderungen – vor denen nicht nur Europa steht – eine handlungsfähige Regierung. (pav)