Der „schlimmste Moment meines Lebens“

„Ist ja eine Frechheit“ – So begann Kurt Krömer seine Therapie

Der Komiker beschreibt auf 192 Seiten, wie er jahrelang heimlich mit Sucht und Krankheit lebte. Aber auch, was ihm sehr geholfen hat.

Triggerwarnung: Im folgenden Text geht es um psychische Erkrankungen und Sucht.

„Die Lieblingsfrage des Depressiven ist natürlich ‚Wie gehts dir?‘. Ich habe einfach immer gesagt, dass es mir gut geht. Aber genauso wurde ich auch erzogen. Man darf eben nicht klagen. Selbst wenn man mit einem Kopfschuss herumrennt, hätte man niemals gesagt: ‚Mir tut der Kopf weh‘, sondern: Mir geht es gut, und dir?“

„Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“

So beginnt der Komiker und Autor Kurt Krömer das erste Kapitel seines Buches „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“, das den ersten Platz in den Charts der Sachbuchbestseller belegt. Auf 192 Seiten erzählt er von einem Doppelleben, von 30 Jahren heimlicher Krankheit und Alkoholsucht, aber vom Streben nach beruflichem Erfolg und privatem Glück.

KünstlernameKurt Krömer
Bürgerlicher NameAlexander Bojcan
Geburtsdatum20. November 1974
BerufKomiker, Schauspieler und Autor
Aktuelle ShowsPodcast Feelings, Last One Laughing (LOL)
WohnortBerlin Kreuzberg
Größe1,94 Meter
GeburtsortBerlin Neukölln

Ein Komiker mit Depressionen

Es ist nicht das einzige Mal, dass Krömer seine schwierige Vergangenheit thematisiert. In seinem Podcast „Feelings“, der wöchentlich erscheint und für den der Künstler den Deutschen Podcastpreis gewann, spricht Krömer regelmäßig über Gefühle und wann er weint, über toxische Männerbilder, seine Karriere und die mittlerweile überwundene Alkoholsucht.

„Kurt Krömer - Feelings“ gewinnt in der Kategorie „Bester Newcomer“ 2023 beim Deutschen Podcast Preis.

In einer Folge, in der Schauspielkollege Charly Hübner zu Gast ist, teilt Krömer Geschichten aus seiner Zeit als Schauspieler und erzählt, dass Alkoholexzesse bereits in jungen Jahren in der Schauspielschule begannen. Dort habe es morgens nach dem Akrobatikunterricht schon Bier gegeben und mittags einen Gin Tonic. „Das ist so ein Künstlerding“ und habe ihm große Probleme bereitet.

Im Buch führt der Komiker sein Publikum allerdings erstmals an den Anfang seiner therapeutischen Behandlung und erklärt anschaulich, wie die Sucht nach Alkohol und die Depression einander beeinflussten: „Ich habe versucht, meine Depression in Alkohol zu ertränken“, schreibt Kurt Krömer. Das habe auch geklappt, nur habe er dann eben an zwei Fronten gekämpft: gegen das negative Gedankenkarussell und die Sucht.

Im Podcast verrät Kurt Krömer (rechts), dass er bei seiner Lieblingsserie „so oft hintereinander“ weine, dass es schon nicht mehr normal sei. Doch er stehe dazu. (links Symbolbild)

„Der schlimmste Moment meines Lebens“

Mit den Worten „Emotionslosigkeit“ und einer „dunklen Wolke“ als steten Begleiter versucht Krömer zu vermitteln, wie sich seine Depression angefühlt hat. Um diesen Zustand zu ändern, suchte Krömer eine Psychotherapeutin auf: „Irgendetwas Psychisches werde ich schon haben“ habe er sich gedacht, als er zum ersten Mal die Ärztin trifft. Die kommt allerdings schon beim zweiten Termin auf den springenden Punkt zu sprechen: „Haben Sie heute schon etwas getrunken?“, lautete ihre Frage zu Beginn des Termins um 10 Uhr morgens. Krömer habe empört reagiert, schreibt er: „Das ist ja eine Frechheit, ich bin doch kein Alkoholiker!“

Später erfahren die Leser:innen, dass die Therapeutin mit ihrer Frage genau ins Schwarze getroffen hatte. Am Tag vor dieser Therapiesitzung war Krömer zu Gast bei einem großen Event. „Da wirst du dafür bezahlt, um deine Faxen zu machen. Und das habe ich dann auch gemacht“, erzählt er. Doch er habe sich schlecht dabei gefühlt und habe sich gefragt, ob er für Geld eigentlich alles machen würde. Während er sich mit diesen Gedanken plagt, trinkt er.

Morgens Bier und mittags Gin Tonic? In Folge 35 spricht Kurt Krömer mit Charly Hübner über die Zeit an Berlins Theaterbühnen.

Schon bevor Krömer gegen Mittag bei der Veranstaltung eintrifft, hat er fünf Bier intus. Während des Events habe er sich nicht vom Bierstand wegbewegt. Später am Abend sei er gestürzt und am Morgen der Therapiestunde betrunken in seinem blutbefleckten Bett aufgewacht. Noch am selben Tag habe er eine Synchronaufnahme für „Die Sendung mit der Maus“ gehabt. „Ich habe mich so erbärmlich gefühlt, dass ich etwas für Kinder aufnehmen soll und nach Alkohol stinke und schwitze wie ein Schwein. Das war der schlimmste Moment meines Lebens.“

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„Wir müssen uns erst um die Alkoholgeschichte kümmern“, sagt die Therapeutin zu Krömer

Die Psychotherapeutin machte Krömer eine klare Ansage: „Wir müssen uns erst um die Alkoholgeschichte kümmern.“ Also habe sich Krömer einen Plan überlegt, schreibt er. In der dritten Sitzung mit der Therapeutin fragte er: „Sagen Sie mal, wie lange braucht der Körper eigentlich, um zu entziehen?“ Die Therapeutin antwortete: „Ungefähr zehn Tage.“

Krömer reagiert: „Passen Sie auf, ich habe jetzt frei. Zu Hause ist niemand für die nächsten zwei Wochen. Ich gehe jetzt nach Hause, schließe mich zehn Tage in meine Wohnung ein und werde entziehen. Und wenn ich nach zehn Tagen wiederkomme und es nicht geschafft haben oder rückfällig geworden bin, dann ist der letzte Ausweg die Entzugsklinik. Und: Ich habe es durchgezogen.“

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„Die Psyche war komplett am Arsch“, erzählt Krömer über seinen Entzug

„Ich habe mir das die ganze Zeit so vorgestellt, wie in schlechten Filmen. Wo die Menschen sich auf den Boden werfen und schreien ‚Gib mir Alk, gib mir Alk‘“, beschreibt Krömer, wie er auf „das Zittern“, die Rebellion des Körpers und Entzugserscheinungen gewartet habe.

Nichts von alledem sei passiert. Stattdessen habe seine Psyche nach ein paar Tagen rebelliert und Alkohol gefordert, schreibt Krömer. Nach dem vierten oder fünften Tag habe er eine Nacht durchgemacht und erst am nächsten Mittag Müdigkeit verspürt. Selbst als Krömer dann schlafen wollte, habe er sich hellwach gefühlt. „Die Psyche war komplett am Arsch“. Trotzdem habe er es geschafft, die zehn Tage durchzuhalten und erst dann sei die Therapie so richtig losgegangen. Einmal die Woche über ein Jahr lang. Heute ist Krömer seit elf Jahren trocken.

Viel Privates weiß man nicht über Kurt Krömer. Doch im Podcast verrät der Komiker: Er liebt es, einfach nur „gechillt“ zu zocken. Für den 48-Jährigen ist das keine Frage des Alters.

Kurt Krömer über seine Depression: „Du musst das als Krankheit verstehen und dann schämst du dich auch nicht“

Seit er öffentlich über Depressionen und Alkoholsucht spricht, erreichen Krömer laut eigener Aussage über verschiedene Kanäle nicht nur Menschen, die sich für seine Offenheit bedanken, sondern auch solche, die von ähnlichen Gefühlen und Erlebnissen berichten. Das setze Krömer unter Druck, schreibt er in seinem Buch. Er wolle zwar helfen, aber sei kein Arzt und könne keine Diagnose stellen.

Trotzdem versuche er, den Menschen, die sich an ihn wenden, Gehör zu schenken und zumindest allgemeine Tipps zu geben, die auch er von seiner Ärztin bekommen habe: „Weißt du, Diggi, das ist eine Krankheit. Du musst das als Krankheit verstehen und dann schämst du dich auch nicht.“

Hilfsangebote

Wenn du dich in einer Krise befindest, kannst du online Hilfe bei der Telefonseelsorge erhalten. In Deutschland gibt es viele verschiedene Telefonseelsorgestellen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit anonym Beratung am Telefon anbieten. Die bundeseinheitlichen Telefonnummern 0800-1110111 oder 0800-1110222 sind kostenlos. Falls du selbst suchtgefährdet bist oder einer betroffenen Freund:in helfen willst, kannst du dich bei der Sucht und Drogen Hotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) melden: 01806 313031. Oder bei deiner örtlichen Drogenberatungsstelle.

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Rubriklistenbild: © Buchcover: Kiepenheuer & Witsch. Hintergrund: H. Tschanz-Hofmann/IMAGO. Bearbeitung: BuzzFeed Germany

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