VonSebastian Borgerschließen
Die mächtige Chefberaterin des britischen Premierministers Keir Starmer muss gehen.
Schwere handwerkliche Fehler, dauernde Leaks an die Medien, Zweifel an der Integrität des Regierungschefs – nach nicht einmal 100 Tagen im Amt muss Keir Starmer bereits sein Küchenkabinett umbesetzen. Am Sonntag reichte die umstrittene Büroleiterin des Labour-Premierministers ihren Rücktritt ein. Zudem soll ein neuer Abteilungsleiter für „strategische Kommunikation“ die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung verbessern.
Etwas lahm bedankte sich Starmer bei Sue Gray „für alle Unterstützung, die sie mir in Opposition und Regierung hat zuteilwerden lassen“. Die Berufung der ungemein erfahrenen Spitzenbeamtin auf den hochpolitischen Stuhl als Büroleiterin – man könnte sie auch als „Stabschefin“ bezeichnen – des damaligen Oppositionsführers galt im vergangenen Jahr als wichtiger Coup des Labour-Vorsitzenden auf dem Weg zur Macht.
Bei den Konservativen ist Gray seither verhasst, zumal die damalige beamtete Staatssekretärin im Kabinettsbüro eine Untersuchung in die Lockdown-Partys der Downing Street unter Premierminister Boris Johnsons Oberhoheit geleitet hatte. In seinen just veröffentlichten Memoiren lässt Johnson denn auch kein gutes Haar an Gray.
Deutlich überraschender ist aber, warum ausgerechnet die Veteranin Gray nicht in der Lage war, Labour professionell unaufgeregt auf den Regierungsantritt vorzubereiten und nach dem triumphalen Wahlsieg Anfang Juli den Apparat der Downing Street auf neuen Vordermann zu bringen. Die Beschwerden häuften sich vom ersten Tag der neuen Regierung an. Starmer überließ die persönliche Beauftragung von Regierungsmitgliedern unterhalb von Kabinettsministeriellen seiner Büroleiterin, die dafür bis zu einer Woche brauchte.
Zudem sind wichtige Amtsposten bis heute unbesetzt: Der Premierminister hat keinen beamteten Privatsekretär, der das Funktionieren der Regierungszentrale beaufsichtigen soll; ihm fehlt ein Nationaler Sicherheitsberater, nachdem er den Kandidaten seines Vorgängers Rishi Sunak ablehnte; zudem ist das Kabinettssekretariat, der höchste Beamtenjob des Landes, praktisch verwaist, weil der Amtsinhaber seit Monaten krank ist. Statt rasche und klare Personalentscheidungen zu treffen, werde wochenlang über Strukturen debattiert, beklagen Insider.
Viele der politischen Berater:innen, die das Scharnier zwischen den Gewählten und dem parteipolitisch neutralen Regierungsapparat bilden sollen, stehen auch heute noch ohne Arbeitsvertrag da.
Das liegt nicht zuletzt am lieben Geld: Unter den teilweise seit Jahren für Labour tätigen Leuten gibt es erheblichen Unmut darüber, dass sie, nunmehr in Diensten der britischen Regierung stehend, eine deutliche Gehaltseinbuße hinnehmen sollen.
Rückblickend dürfte Starmer spätestens vor gut zwei Wochen klar geworden sein, dass Gray auf Dauer nicht zu halten sein würde. Da meldete die BBC, die Büroleiterin habe für sich ein um einige Tausend Pfund höheres Jahresgehalt ausgehandelt als es dem Premier zusteht. Solche Peinlichkeiten zu vermeiden, gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer Büroleiterin; dass ihre Gehaltseinstufung öffentlich wurde, machte das Ausmaß an Neid und Missgunst im Regierungsapparat gegenüber der mächtigen Frau deutlich.
Grays Nachfolger Morgan McSweeney gehört seit Starmers Antritt als Parteichef im April 2020 zu dessen engsten Mitarbeitern. Als oberster Wahlkampfstratege trug er auch erheblich zu Labours Erdrutschsieg bei. Politisch steht er auf dem rechten Parteiflügel; Parteilinke kreiden ihm an, er habe mehrere ihm missliebige Kandidatinnen abblitzen lassen oder sie zu wenig unterstützt.
Stark geschadet hat dem Premierminister auch die seit Wochen schwelende Kontroverse um seinen laxen Umgang mit geldwerten Leistungen wie teurer Designer-Garderobe und -Brillen oder Einladungen zu Konzerten der Pop-Diva Taylor Swift und Fußballspielen seines Lieblingsclubs FC Arsenal. Vergangene Woche sagte der 62-Jährige „Schnorrerkönig“ (so verspottet ihn der Boulevard) die Rückzahlung eines vergleichsweise geringen Betrages zu, ohne zu begründen, warum er sich darauf beschränken will. Das landete prompt wieder in den Schlagzeilen.
Derlei PR-Desaster soll zukünftig der glänzend vernetzte Schwiegersohn einer alten Labour-Abgeordneten verhindern. Zuletzt war James Lyons für die Öffentlichkeitsarbeit des Gesundheitsdienstes NHS und von TikTok zuständig – er hat also den Umgang mit Negativ-Schlagzeilen umfassend gelernt.
