NRW-Landtagswahl

Ziele, Themen und Karriere: Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty im Vergleich

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Thomas Kutschaty (SPD, l.) will NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bei der kommenden Landtagswahl ablösen (Montage).
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Wer wird NRW-Ministerpräsident: Hendrik Wüst oder Thomas Kutschaty? Die Politiker von SPD und CDU unterscheiden sich, haben aber eine große Gemeinsamkeit.

Düsseldorf – In Nordrhein-Westfalen wird am 15. Mai ein neuer Landtag gewählt. Wenn im bevölkerungsreichsten Bundesland in Deutschland gewählt wird, ist das mehr als nur eine Momentaufnahme. Das Ergebnis der Landtagswahl in NRW wird auch die Bundespolitik beeinflussen und Hinweise liefern, ob die Ergebnisse der Bundestagswahl – die Auferstehung der SPD, der Nackenschlag für die CDU, die großen Gewinne bei jungen Menschen für Grüne und FDP, die Verluste von AfD und Linke – nachhaltig sind.

Die Frage ist: Bleibt Hendrik Wüst Ministerpräsident von NRW? Die aktuellen Umfragen zur NRW-Landtagswahl legen nahe, dass Wüst zwar beliebter ist, aber eine SPD-Regierung bevorzugt wird. Sein Herausforderer, SPD-Spitzenkandidat Thomas Kutschaty, könnte davon profitieren.

Landtagswahl in NRW 2022: Spitzenkandidaten Hendrik Wüst (CDU) und Thomas Kutschaty (SPD)

EckdatenHendrik WüstThomas Kutschaty
Geboren am19. Juli 197512. Juni 1968
GeburtsortRhedeEssen
KonfessionKatholischKatholisch
StudiumRechtswissenschaftenRechtswissenschaften
ParteiCDUSPD
Aktuelles AmtNRW-MinisterpräsidentSPD-Fraktionsvorsitzender

Es fällt auf: Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty sind Juristen. Das ist bei einer politischen Karriere jedoch eher die Regel als die Ausnahme. Beide sind in Nordrhein-Westfalen geboren, haben hierzulande studiert und sind katholisch.

NRW Landtagswahl 2022: Wie werden Thomas Kutschaty und Hendrik Wüst wahrgenommen?

Wer sich länger mit den beiden Politikern auseinandersetzt, wird feststellen, dass im Wahlkampf auch zwei Männer mit verschiedenen Narrativen auftreten. Thomas Kutschaty verkörpert dabei den klassischen Sozialdemokraten. Aufgewachsen in einer Sozialwohnung, hart arbeitende Eltern, der erste aus seiner Familie mit Abitur – die Geschichte eines Bildungsaufstiegs.

Auch Hendrik Wüst hat einen steilen Aufstieg hingelegt, wobei er im Vergleich zu Kutschaty eher aus dem Establishment kommt. Von außen betrachtet sieht sein Leben aus wie am Reißbrett geplant, wenngleich Wüst gegenüber der FAZ betont, dass er einige Rückschläge hinnehmen musste. Im Alter von 15 Jahren die Junge Union in seiner Heimat reaktiviert, mit 20 Jahren in den Stadtrat gewählt, mit 25 Jahren zum JU-Chef in NRW gekürt, Volljurist mit 28 Jahren und mit 30 Jahren ist Wüst der jüngste Abgeordnete im NRW-Landtag.

News zur NRW-Landtagswahl 2022

Alle aktuellen Infos zu Umfragen, Wahlkampf, Entscheidungen, Fristen und mehr gibt es im News-Ticker zur NRW-Landtagswahl 2022.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was sind die politischen Ziele für die NRW-Landtagswahl 2022?

Wie unterscheiden sich Wüst und Kutschaty inhaltlich? Die große Schwierigkeit bei derlei Vergleichen von Zielen im Wahlkampf besteht darin, dass Politiker nahezu jedes Thema abdecken möchten. Dabei sind naturgemäß Gemeinsamkeiten zu erkennen: Wüst und Kutschaty wollen zum Beispiel beide Klimaneutralität bis 2045, Radwege ausbauen und für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sorgen. Wie sie diese Ziele erreichen möchten, ist dann aber doch häufig unterschiedlich. Beim genauen Blick fallen auch Projekte auf, die beiden besonders am Herzen liegen. Thomas Kutschaty will sich beispielsweise für den (sozialen) Wohnungsbau einsetzen, während Hendrik Wüst die Kultur in NRW stärken möchte.

Im großen Wahlprogramm-Vergleich zur NRW-Landtagswahl gibt es weitere Unterschiede in den Bereichen Innere Sicherheit, Bildung, Klimaschutz, Energie, Verkehr und Gesundheit.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Innere Sicherheit erreichen?

  • Hendrik Wüst: Wüst will pro Jahr 3000 neue Polizisten einstellen (bisher 2500) und die Polizei soll mit Bodycams und Elektroschockern (Taser) ausgestattet werden. Clanmitgliedern sollen Führerscheine und Autos entzogen werden können.
  • Thomas Kutschaty: Kutschaty setzt auf Präventionsmaßnahmen, wie Programme zur Bekämpfung von Jugendkriminalität oder Extremismus. Zudem will er einen „Masterplan Licht“, mit dem dunkle Orte (wie Bahnhöfe, Parkanlagen, Brücken und Unterführungen) in Städten und Kommunen beleuchtet werden sollen. Auch Kutschaty fordert die Aufstockung der Polizei.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Bildung erreichen?

  • Hendrik Wüst: Wüst möchte ein drittes beitragsfreies Kita-Jahr einführen. Jedes Schulkind soll ein digitales Endgerät für den Unterricht bekommen.
  • Thomas Kutschaty: Kutschaty will ein kostenfreies Schülerticket und die gleiche Besoldung für Lehrkräfte einführen.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Klima- und Umweltschutz erreichen?

  • Hendrik Wüst: Wüst hält an einem früheren Kohleausstieg bis 2030 fest. Dazu sei aber mehr Tempo beim Ausbau der Wasserstoff- und Flüssiggas-Infrastruktur notwendig. Bis 2045 soll NRW klimaneutral sein. Mit einem „Baum-Scheck-Programm“ sollen mehr als eine Millionen Bäume in Städten und Gemeinden neu gepflanzt werden.
  • Thomas Kutschaty: Kutschaty ist offen für einen früheren Kohleausstieg – aber nur, wenn die Ausbau-Ziele der erneuerbaren Energien erreicht werden. Klimaneutralität strebt er bis spätestens 2045 an. Der tägliche Flächenverbrauch soll auf 5 Hektar begrenzt werden. Für den Artenschutz möchte Kutschaty die Forderungen der „Volksinitiative Artenvielfalt“ umsetzen (zum Beispiel: Wilde Wälder zulassen oder Naturpark Senne ausweisen).

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Energie erreichen?

  • Hendrik Wüst: Wüst will die Akzeptanz für Windenergie und Photovoltaik erhöhen. Anwohner sollen beim Bau von Windanlagen finanziell beteiligt werden. Bis zum Jahr 2030 soll die installierte Leistung der Windenergie verdoppelt und die der Photovoltaik vervierfacht werden.
  • Thomas Kutschaty: Die Energiewende will Kutschaty mit einem Transformationsfonds in Höhe von 30 Milliarden Euro vorantreiben. Mit dem Geld sollen Unternehmen auf umweltfreundlichere Produktionsprozesse umstellen. Solaranlagen sollen Pflicht für den Neu- und Umbau von Gewerbeimmobilien werden und auch an Autobahnen und Gleisen entstehen.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Verkehr erreichen?

  • Hendrik Wüst: Im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) soll jede Kommune ab 20.000 Einwohnern eine Schienen- oder Schnellbusanbindung bekommen. Außerdem will Wüst ein 100-Kilometer-Seniorenticket für 30 Euro pro Monat einführen. Dazu sollen in den kommenden fünf Jahren mindestens 1000 Kilometer neue Radwege entstehen.
  • Thomas Kutschaty: Der Fuß- und Radverkehr soll gestärkt werden. Das Ziel ist die „Vision Zero“: Null Schwerverletzte und Tote im Straßenverkehr. Bahnen sollen weiter elektrifiziert und Strecken reaktiviert werden. Das Azubiticket soll auf das Niveau von Studierendentickets angeglichen und somit günstiger werden. Die SPD strebt langfristig einen ticketlosen ÖPNV an.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Was wollen sie im Bereich Gesundheit erreichen?

  • Hendrik Wüst: Pflegekräfte sollen durch ein einmaliges Begrüßungsgeld in Höhe von maximal 3000 Euro nach NRW gelockt werden. Das Ziel ist, bis zu 10.000 neue Pflegekräfte pro Jahr zu gewinnen.
  • Thomas Kutschaty: Kutschaty will die Lücken bei der medizinischen Versorgung schließen. Zudem sollen die Arbeitsbelastungen in pflegenden Berufen reduziert werden und der Lohn steigen.

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty: Welche Ziele sie außerdem verfolgen

  • Hendrik Wüst: Der Kulturhaushalt des Landes soll erneut schrittweise um 50 Prozent angehoben werden.
  • Thomas Kutschaty: Kutschaty will 100.000 neue Wohnungen pro Jahr bauen, davon 25.000 Sozialwohnungen. Außerdem will er NRW zum führenden Stahl-Standort in Deutschland ausbauen. Dazu soll in ganz NRW in den nächsten fünf Jahren schnelles Internet verfügbar sein.

NRW-Landtagswahl 2022: Welche Kritik gibt es an Hendrik Wüst?

Den schärfsten Gegenwind in seiner Karriere bekam Hendrik Wüst 2010 zu spüren. Damals war er Generalsekretär. Im Landtagswahlkampf für Jürgen Rüttgers wurde bekannt, dass ein Funktionär aus der Parteizentrale einigen Sponsoren „Partnerpakete“ für 20.000 Euro inklusive „Einzelgespräch“ mit Rüttgers angeboten hatte – ohne, dass Wüst das wusste. Seine Karriere erfuhr einen Knacks.

Auch die Diffamierung von SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als „Kraftilanti“, in Anspielung auf die hessische Politikerin Andrea Ypsilanti und ihr Vorhaben, mit der Linken zu koalieren, brachte ihm Minuspunkte ein. „Heute würde ich jedem raten, das so nicht mehr zu machen. Vielleicht habe ich damals unsere Demokratie für selbstverständlicher gehalten. Dem ist nicht so, deshalb müssen wir alle noch achtsamer damit umgehen, wie wir streiten“, sagte Wüst der FAZ.

NRW-Landtagswahl 2022: Welche Kritik gibt es an Thomas Kutschaty?

Eine Kontroverse entwickelte sich um den Fall des Essener Sozialrichters Jan-Robert von Renesse. Er hatte erfolgreich dafür gekämpft, dass Holocaust-Überlebende, die während des Zweiten Weltkrieges in Ghettos arbeiten mussten, Rentenansprüche erhalten. Dabei verhandelte Renesse Ghettorentenanträge aus Israel anders als damals in Deutschland üblich. Er sollte von den Ghettorentenfällen abgezogen werden, woraufhin Renesse rebellierte.

Kutschaty, damals NRW-Justizminister, verklagte den Juristen 2014 wegen Rufschädigung der Justiz. Das Verfahren schlug Wellen bis nach Israel, denn dort hat sich von Renesse im Kampf um Renten für Holocaust-Überlebende den Ruf eines Helden erworben. Letztlich einigten sich das nordrhein-westfälische Justizministerium und der Essener Richter nach monatelangen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. „Kutschatys Image ist längst angekratzt. Bei diesem sensiblen Thema kann er nur verlieren“, schrieb die TAZ im Jahr 2016.

NRW-Landtagswahl 2022: Das Leben von Hendrik Wüst im Überblick

Wenn man sich den Lebenslauf der beiden Politiker jedoch genauer ansieht, sind einige Unterschiede zu erkennen: Hendrik Wüst hat bereits Erfahrung außerhalb der Politik als Lobbyist gesammelt.

  • 1975: Geburt
  • 1995: Abitur
  • 1995–2000: Studium der Rechtswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
  • 2000–2003: Referendariat in Münster, Coesfeld und Brüssel
  • 2003: Zweites juristisches Staatsexamen, Zulassung als Rechtsanwalt
  • 2002–2005: Referendar für die Unternehmensberatung EUTOP
  • 2006–2010: Generalsekretär der CDU Nordrhein-Westfalen
  • 2010–2017: Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen, des Verbandes der Betriebsgesellschaften Nordrhein-Westfalen und der Pressefunk GmbH
  • 2014–2017: Geschäftsführer der dein.fm Holding
  • 2017–2021: Minister für Verkehr in NRW
  • Seit Oktober 2021: Vorsitzender der NRW-CDU
  • Seit 27.10.2021: NRW-Ministerpräsident

NRW-Landtagswahl 2022: Das Leben von Thomas Kutschaty im Überblick

Im Gegensatz zu Wüst ist Thomas Kutschaty der Politik immer treu geblieben. Er hat eine längere Erfahrung als Minister, wenngleich Wüst zur NRW-Landtagswahl bereits sieben Monate als Ministerpräsident gearbeitet hat.

  • 1968: Geburt in Essen
  • 1986: Eintritt in die SPD
  • 1987: Abitur
  • 1989: Studium der Rechtswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum
  • 1994–2016: Vorsitzender im SPD-Ortsverein Essen-Borbeck
  • 1995: Erstes juristisches Staatsexamen
  • 1997: Zweites juristisches Staatsexamen
  • 2008–2016: Stellvertretender Vorsitzender der SPD Essen
  • 2010–2017: NRW-Justizminister
  • 2017–2018: Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion
  • Seit April 2018: Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion
  • Seit März 2021: Vorsitzender der NRW-SPD
  • Seit Dezember 2021: Stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD

Thomas Kutschaty und Hendrik Wüst: Das sind ihre Familien

Bei der Frage nach dem künftigen NRW-Landesvater spielt trotz aller politischen Positionen, Lebensläufen und Zielen auch der familiäre Hintergrund eine Rolle. Beide sind verheiratet und haben mindestens ein Kind und haben ihre Wurzeln in NRW.

Hendrik WüstThomas Kutschaty
Beruf des VatersHandelsvertreter für Textilmaschinen Eisenbahner
Beruf der MutterFleischerin Hausfrau
FrauVerheiratet mit Ehefrau KatharinaVerheiratet mit Ehefrau Christina
KinderEine Tochter (Philippa, 2021 geboren)Drei Kinder
WohnortRhedeEssen-Schönebeck

Wie sind Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty privat?

In diesem Punkt unterscheiden sich die Politiker sehr: Während Kutschaty sein Privatleben aus der Öffentlichkeit raushält, ist über Wüst etwas mehr bekannt. In seiner Jugend hat der NRW-Ministerpräsident Handball gespielt, dazu zählen die Jagd und Krimis zu seinen Hobbys. Außerdem berichten Medien wie der Spiegel, dass Wüst jede SMS mit einem „Wüst grüßt“ abschließt.

NRW Landtagswahl 2022: Umfragen, Kandidaten, Wahlprogramme – alle Infos im Überblick

(mm) Mehr News auf der 24RHEIN-Homepage. Tipp: Täglich informiert, was in Köln und NRW passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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