Kühe töten für Klimaschutz

Landwirtschaft erreicht Klimaziele – doch es gibt einen Haken

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Irland erwägt, das Leben von 200.000 Kühe zu verkürzen. In Deutschland tue man schon genug fürs Klima, finden Milchbauern. Das Umweltbundesamt widerspricht.

Um Klimaziele zu erreichen, liebäugelt Irland laut einem internen Papier mit der Idee, in den kommenden drei Jahren fast 200.000 Kühe zu töten. Erst vor kurzem hatte die Umweltbehörde EPA mitgeteilt, das Land werde seine Klimaziele voraussichtlich deutlich verfehlen. Eines dieser Ziele besagt, dass allein die Emissionen des Agrarsektors bis 2030 um vier bis 20 Prozent sinken sollten.

„Der Gedanke, Tiere für die Klimaziele zu keulen, wäre in Deutschland unvorstellbar“, sagt Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben – unter anderem aus Klimagründen – unseren Bestand bereits um 600.000 Tiere reduziert und liegen jetzt bei 3,7 Millionen.“ Man habe die Emissionen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesenkt, sagt das Bundesagrarministerium.

Das stimmt nur so halb, weiß Anne Biewald vom Umweltbundesamt, Fachgebiet Landwirtschaft, im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland.

Landwirtschaft in Deutschland für 55,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr verantwortlich

„Der landwirtschaftliche Sektor erreicht die Klimaziele des deutschen Klimaschutzgesetzes, aber nicht als Folge konkreter Maßnahmen“, sagt die Wissenschaftlerin. In der Methodik sei die Emissionsberechnung angepasst worden. Dies mache die Daten nun zwar korrekter, führe aber dazu, dass es aussehe, als seien die Emissionen in der Statistik gesunken. Man könne also nicht sagen, dass die Landwirtschaft sich besonders bemüht habe.

Ähnlich sei es beim Bestand der Milchkühe. „Die Nutztierzahlen in Deutschland sind zurückgegangen, aber nicht etwa aufgrund eines konkreten Programmes, sondern weil es für landwirtschaftliche Betriebe einfach wirtschaftlich schwierig war“, sagt Biewald.

Insgesamt sei die deutsche Landwirtschaft 2022 für die Freisetzung von insgesamt 55,5 Millionen Tonnen (Mio. t) Kohlendioxid (CO₂)-Äquivalenten verantwortlich gewesen. „Etwa 60 Prozent davon gingen auf die Haltung von Rindern zurück“, so Biewald.

Warum die Deutschen weniger Fleisch essen und ein Problem bei veganen Ersatzprodukten haben

„Die Menschen sollten sich bewusst werden, dass Kühe sowieso sterben“

Die Landwirtschafts-Expertin kann gut verstehen, dass diese Nachricht aus Irland „sehr brutal“ wirke. Nicht jede:r verstehe schließlich die Komplexität, die hinter der Tierproduktion stecke. „Die Menschen sollten besser aufgeklärt werden, und sich bewusst werden, dass Milchproduktion nur funktioniert, wenn Kühe Kälber bekommen, die dann auch zur Fleischproduktion verwendet werden“, so Biewald.

Eine Kuh lebe in der Milchproduktion sowieso nur durchschnittlich fünfeinhalb Jahre und werde dann getötet, ein Grund, warum unsere Autorin Menschen kritisiert, die bei einem Brand gestorbene Kühe bemitleiden. „Im Grunde genommen geht es bei der Idee in Irland nur darum, die Lebensspanne zu verkürzen.“

Aber können nicht einfach weniger Kälbchen geboren werden, fragt BuzzFeed News Deutschland Biewald. Das sei „nicht möglich“, denn um Milch zu geben, müssten Kühe zwangsläufig besamt und geschwängert werden, erklärt die Expertin vom Umweltbundesamt.

Irland erwägt, für den Klimaschutz 200.000 Kühe zu töten. Wenn das Land „sehr schnell bestimmte Emissionsziele“ erreichen will, sei „dies eine Option“, sagt das Umweltbundesamt.

Weil die Milchindustrie mit der Fleischproduktion direkt verknüpft ist, sterben auch für Butter Tiere.

Weniger Kühe helfen nichts ohne eine Konsumänderung – findet auch Peta

„Es kann jedoch heikel sein, so einen großen Teil der Milchkühe aus dem System zu nehmen. Man muss aufpassen, dass das Angebot an Milch und Fleisch nicht zu plötzlich einbricht“, sagt Biewald. Irland exportiere sehr viel und wenn das Angebot stärker sinke, als die Nachfrage, könne es zu Leakage-Effekten kommen: Andere Länder müssten dann diese Nachfrage mit einer gesteigerten Produktion decken.

„Dann hat am Ende niemand gewonnen“, so Biewald. „Reduktion von Produktion muss auch immer mit Konsumänderungen einhergehen.“ Ähnlich sieht das auch Peta: „Staatliche Tötungskommandos als Lösung für die Klimakatastrophe einzustellen ist absurd, wenn eine landwirtschaftliche Umstellung auf veganen Ökolandbau mithilfe des Staates die Landwirt:innen davon abhalten würde, diese Tiere überhaupt zu züchten und zu halten“, sagt eine Sprecherin BuzzFeed News Deutschland.

Die Macht liege in den Händen der Verbraucher:innen. Eine geringere Nachfrage bedeute weniger Tiere, die gezüchtet und getötet werden. „Wir von Peta ermutigen jede:n dazu, persönliche Verantwortung für die Rettung des Planeten zu übernehmen und sich für eine vegane Lebensweise zu entscheiden. Bei der Ernährung haben wir das größte Einsparpotenzial, da wir uns hier mehrmals täglich für das Klima und die Tiere entscheiden können.“

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Rubriklistenbild: © Panthermedia/IMAGO

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