VonMarcus Giebelschließen
Wegen des Ukraine-Kriegs ist Sergej Lawrow nicht überall willkommen. In Lateinamerika kann Russlands Außenminister aber alte Freundschaften aufleben lassen.
Caracas – Sergej Lawrow weiß sehr gut, wo auf der Welt er trotz des Ukraine-Kriegs derzeit punkten kann. Und wo sich ihm zugleich die Gelegenheit bietet, den vom Kreml zum Rivalen erklärten Westen in Misskredit zu bringen. So umgarnte der russische Außenminister auf seiner Lateinamerika-Reise nach seinem Auftritt in Brasilien auch Venezuela, wo ihn Präsident Nicolas Maduro im Regierungspalast in der Hauptstadt Caracas empfing.
Auch mit seinem venezolanischen Amtskollegen Yvan Gil tauschte sich Lawrow aus – mit dem Ergebnis, dass beide Länder ihre Zusammenarbeit intensivieren wollen. „Venezuela ist einer der zuverlässigsten Partner in der Welt“, streckte der enge Verbündete von Kreml-Chef Wladimir Putin die Hand über das Meer hinweg aus und schoss zugleich einen Giftpfeil in Richtung des großen Feindbildes: „Wir werden alles tun, um die Wirtschaft Venezuelas immer unabhängiger von den Launen und geopolitischen Spielchen der USA und anderer westlicher Akteure zu machen.“
Lawrow schimpft auf die USA: „Können jederzeit schummeln und tun das öfter“
Laut der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti ging Moskaus Chef-Diplomat Washington sogar noch deutlicher an. So habe Lawrow den journalistischen Hinweis für sich zu nutzen gewusst, die USA hätten gegenüber Venezuela die Aufhebung von Sanktionen angedeutet, jedoch zugleich den Druck erhöht, Gespräche mit der Opposition aufzunehmen. „Ich möchte betonen, dass sich jeder bewusst ist, dass die Vereinigten Staaten jederzeit schummeln können und dass sie viel öfter schummeln, als dass ihre eigenen Versprechen, ihre eigenen Vorschläge erfüllen“, soll der 73-Jährige gesagt haben.
Die USA haben Venezuela seit einigen Jahren mit besonders scharfen Wirtschaftssanktionen überzogen. So ist es US-Behörden verboten, Geschäfte mit Personen oder Unternehmen zu machen, die geschäftliche Beziehungen zur Regierung in Caracas unterhalten. Laut US-Präsident Joe Biden stellt das Land ganz im Norden von Südamerika „eine ungewöhnliche und außerordentliche Bedrohung für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik der Vereinigten Staaten dar“, wie das Portal amerika21 unter Verweis auf ein Schriftstück aus dem Weißen Haus berichtet.
Lawrow umgarnt Venezuela auf Reise: „Beziehungen entwickeln sich erfolgreich“
Für Lawrow scheint diese rigorose Haltung ein gefundenes Fressen zu sein. Er betonte im Zuge seiner Charmeoffensive in Caracas: „Es ist ihr Land, es sind ihre Kohlenwasserstoffe, es ist ihre Wirtschaft, die den stärksten illegalen Sanktionen unterworfen ist. Sie müssen sich selbst entscheiden, wie sie weiterarbeiten, wie sie ihren Staat weiterentwickeln wollen.“ Sicher hätte der hohe Gast da auch ein paar Vorschläge.
Auf jeden Fall wolle Russland „jeden Weg bevorzugen, damit die venezolanische Wirtschaft vom Druck der USA und anderer westlicher Akteure unabhängig wird“, zitiert ihn der venezolanische Sender VTV. Laut Lawrow sind gemeinsame Projekte in diversen Bereichen wie Ölförderung, Gas, Landwirtschaft, Medizin, Raumfahrt und neue Technologien geplant. Er ergänzte: „Unsere Beziehungen wurden durch verschiedene Krisen und Versuche, Druck von außen auszuüben, auf die Probe gestellt, aber sie entwickeln sich erfolgreich und werden sich unabhängig von der politischen Situation weiterentwickeln.“
Lawrow über Zusammenarbeit mit Venezuela: „Nicht gegen jemanden gerichtet“
Seinen öffentlichen Auftritt nutzte Lawrow zudem gemeinsam mit Gil, um die Sanktionen gegen Russland wegen des Überfalls auf die Ukraine zu verurteilen. Seine Reise führt den gebürtigen Moskauer auch noch nach Nicaragua und nach Kuba – diese Länder zählen ebenfalls zu den engsten Verbündeten Russlands. VTV zufolge wies Lawrow auch darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit den Partnern „auf einem unideologischen und pragmatischen Ansatz beruht und sich nicht gegen jemanden richtet“.
Auch Gil malte die Zukunft nur in schönsten Farben aus. So verfüge Venezuela über „eine Gruppe von Freunden zur Verteidigung der UN-Charta“ – hier sprach er von 20 Ländern. Allein mit Russland bestünden mehr als 300 Abkommen. Der Diplomat kündigte zudem an, dass sich die Zahl der Im- und Exporte von Lebensmitteln erhöhen würde. Auch hinsichtlich des Finanzinformationsaustauschsystems, das eine Alternative zum internationalen Zahlungssystem Swift möglich machen soll, seien Fortschritte getan worden.
Lawrow und Venezuela: Gastgeber wegen schwerer Krise für Versprechungen besonders empfänglich
Für Venezuela scheint ein Aufschwung bitter nötig. Seit Jahren ächzt das Land unter einer schweren politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krise. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als sieben Millionen Menschen binnen weniger Jahre wegen Armut und Gewalt das Weite gesucht – das ist fast ein Viertel der aktuell geschätzten Bevölkerungszahl. Diese katastrophale Ausgangssituation kommt Lawrow nur gelegen. Schließlich sind Partner, die quasi mit dem Rücken zur Wand stehen, für Versprechungen besonders empfänglich.
Noch aber ist Putins Gesandter nicht am Ende seiner Lateinamerika-Mission. Auch in Nicaragua und auf Kuba wird er auf offene Ohren stoßen. Und das für sich zu nutzen wissen. (mg)
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