Psychische Krankheiten

Betroffene erzählt: Warum Beamte keine Therapie machen dürfen – zumindest offiziell

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Seit der Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach Therapie um 40 Prozent zugenommen.
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Beamte? Die haben doch nur Privilegien. An einer Stelle hinkt dieses Vorurteil gewaltig. Denn Lehrer und Polizisten gefährden mit einer Psychotherapie ihren Job.

Im Sommer 2016 war Luisa am Tiefpunkt. Es ging nichts mehr: aufstehen, rausgehen, geschweige denn arbeiten. Dabei lief alles rund. Luisa wollte Polizeikommissarin werden und war auf dem besten Weg. An dieser Stelle hätte die Geschichte so weitergehen können: Luisa beginnt eine Therapie und wird wieder gesund. Aber es gibt einen Haken. Sie wird nicht verbeamtet, weil sich bei ihrem Gesundheitscheck herausstellt, dass sie mal psychisch krank war. Doch so geht die Geschichte auch nicht weiter. Denn Luisa wählt einen anderen, offiziell nicht vorgesehenen Weg und heißt deswegen in diesem Text auch anders.

Luisa sucht sich auf eigene Faust eine Therapeutin und rechnet das nicht über ihre Krankenkasse ab. Sie bezahlt die Therapie, pro Sitzung sind das rund 100 Euro, aus eigener Tasche. Warum tut Luisa das? „Ich wollte unter allen Umständen verhindern, dass meine psychischen Probleme in irgendeiner Akte auftauchen.“ Sie spricht über ihre Probleme; die Essstörung und die depressiven Episoden, die sie schon lange begleiten. „Mit Beginn der Therapie habe ich gespürt, dass es mir besser geht. Ich habe eine Therapeutin gefunden, die mir helfen kann und bei der ich mich wohl damit fühle, über meine Ängste, Probleme und Sorgen zu sprechen.“

Beamte und Psychotherapie – eine schwierige Konstellation

Krank sein und Verbeamtung, das passt in Deutschland nicht zusammen. Konkret steht das im Paragraf 9 des Beamtenstatusgesetzes, das durch rechtliche Verordnungen in den Ländern geregelt wird. Wer in den Staatsdienst möchte, muss bei einem Amtsarzt vorher einen Gesundheitstest bestehen. Dabei kommt die gesamte Krankheitsgeschichte auf den Tisch. Krumme Wirbelsäule? Erhöhter BMI? Psychische Erkrankung? Das kann alles die Verbeamtung gefährden.

Michael Eufigner vom Beamtenbund sagt, dass das aus gutem Grund so ist. „Bei der amtsärztlichen Untersuchung vor einer Verbeamtung auf Lebenszeit steht eine Frage im Mittelpunkt: Ist es überwiegend wahrscheinlich, dass die Beamtin/der Beamte ihren/seinen Dienst bis zum Erreichen der Regelaltersgrenzen leisten kann?“ Immerhin gehe der Staat mit seinen Beamtinnen und Beamten ein besonderes Dienst- und Treueverhältnis ein, das auf Lebenszeit angelegt ist. Daraus ergeben sich finanzielle Verpflichtungen. „Schon im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs mit Steuermitteln muss diese Frage vorab positiv beantwortet werden können“, sagt Eufinger.

Immer mehr Menschen suchen Therapieplätze

Offizielle Zahlen, wie viele Beamte dieses Problem haben, werden nicht erhoben. Doch klar ist, dass immer mehr Menschen mit ihren psychischen Problemen zum Arzt gehen. Laut Bundespsychotherapeutenkammer hat die Nachfrage bei Erwachsenen seit Beginn der Pandemie um 40 Prozent zugenommen, bei Kindern und Jugendlichen sogar um 60 Prozent. Mehrere Monate auf einen Platz zu warten ist eher Regel als Ausnahme.

Doch ist es wirklich so, dass eine Therapie die Verbeamtung gefährdet? „Eine abgeschlossene oder laufende Psychotherapie steht einer Verbeamtung auf Lebenszeit nicht grundsätzlich im Wege“, betont Eufinger. „Im Gegenteil: Unter Umständen kann etwa eine erfolgreich abgeschlossene Therapie dazu führen, dass die Frage nach der Dienstfähigkeit bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze eher mit ‚ja‘ zu beantworten ist.“ Da Krankheitsverläufe unterschiedlich seien, müsste immer der Einzelfall geprüft werden. „Eine allgemeingültige Aussage darüber, ob eine psychische Erkrankung mit laufender oder abgeschlossener Psychotherapie zu einer Ablehnung der Verbeamtung führt oder nicht, ist nicht möglich“, sagt Eufinger.

Lügen beim Gesundheitscheck vor Verbeamtung? „Rate dringend ab“

Es sind genau diese Fragezeichen, Hintertüren und Unwägbarkeiten, die auch Luisa beschäftigt haben. „Ich weiß, dass da offiziell beschwichtigt wird. Aber es geht hier um mein großes Lebensziel, die Verbeamtung. Da wollte ich absolut sichergehen und habe meine Therapie deswegen selbst gezahlt.“ Eine Maßnahme, die für Eufinger keine Lösung ist. „Der Beamtenbund rät Betroffenen dringend davon ab, bei der amtsärztlichen Untersuchung falsche Angaben zu machen oder wesentliche Informationen zu verschweigen. Sollte diese Tatsachen später bekannt werden, können sie zu einer (dann sehr wahrscheinlich endgültigen) Entfernung aus dem Beamtenverhältnis führen.“

In der Realität werden allerdings kaum noch Anwärter abgelehnt, weil sie den Gesundheitstest nicht bestehen, berichtete die Zeit im Februar 2023. Dennoch sagt Luisa: „Uns wurde während des Studiums der Anschein vermittelt, dass jeder Arztbesuch vermieden werden sollte.“

Dass es dieses mulmige Gefühl unter jungen Menschen gibt, die eine Beamtenkarriere anstreben, wissen auch die Therapeuten. Teilweise wird sogar mit einer besonderen Vertraulichkeit geworben. „Ich habe direkt bei der ersten Sitzung gesagt, dass ich Angst um meine Verbeamtung habe. Die Therapeutin hat sehr verständnisvoll reagiert, mir immer am Monatsende eine Rechnung geschrieben und ich habe den Betrag überwiesen“, sagt Luisa. „Sie hat mir sogar empfohlen, das als ‚Job-Coaching‘ zu deklarieren und von der Steuer abzusetzen, aber das habe ich nicht gemacht.“

Sie hat mit ihrer unorthodoxen Methode das Ziel erreicht. Luisa ist nun Beamtin.

*Dieses Bild wurde mithilfe maschineller Unterstützung erstellt. Dafür wurde ein Text-to-Image-Modell genutzt. Auswahl des Modells, Entwicklung der Modell-Anweisungen sowie finale Bearbeitung des Bildes: Art Director Nicolas Bruckmann.

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