„Stößt an Grenzen“

Zuwandererkinder leiden in bestimmten Klassen – Chef der Lehrkräfte widerspricht

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Schülerinnen aus Syrien und Afghanistan in einer Schule in München.
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Eine Studie zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund unter bestimmten Bedingungen Nachteile haben. Doch es gibt auch eine andere Deutung.

Spätestens seit der Pisa-Studie spricht ganz Deutschland darüber, dass deutsche Kinder schlecht in der Schule sind. Der Hauptgrund für schlechte Leistungen sei der hohe Anteil an Kinder mit Migrationshintergrund in einer Klasse. Eine Untersuchung des Ifo-Instituts in München und der italienischen Universität Mailand-Bicocca zeigt jetzt: Zuwandererkinder leiden besonders, wenn viele leistungsschwache Mitschüler:innen in einer Klasse sind.

Sind die Eltern im Ausland geboren, hat das Leistungsniveau auf die Schüler:in Einfluss

Der Ifo-Studie zufolge verschlechterte sich die Leistung der benachteiligten Kinder um etwa 0,75 Prozentpunkte, wenn die Zahl der leistungsschwachen Mitschüler:innen in der Klasse um zehn Prozentpunkte stieg. Grundlage der Untersuchung waren Daten des italienischen Instituts für die Evaluation des Bildungssystems. Dort waren die Leistungsstände von Schüler:innen über mehrere Jahre hinweg erfasst worden.

Betroffen seien vor allem Schüler:innen aus benachteiligtem Umfeld, die zu Hause nicht die Sprache des Einwanderungslands sprechen oder deren Eltern beide im Ausland geboren sind, hieß es weiter. Bei besser gestellten Schüler:innen mit Migrationshintergrund sei der Effekt hingegen nicht zu beobachten gewesen. Hinsichtlich einheimischer Schüler:innen kamen die Forscherinnen Vera Freundl und Caterina Pavese zu dem Ergebnis, dass der Anteil leistungsschwacher Mitschüler ihre Leistungen nicht beeinträchtige.

Bildungssystem in Deutschland und Italien ist nicht dasselbe

Wir fragen bei Stefan Düll nach, was das für das deutsche Bildungssystem bedeutet. Der Lehrerverbandspräsident warnte kürzlich bei BuzzFeed News Deutschland vor einer „Entprofessionalisierung des Lehramts“. Von der Ifo-Studie scheint er nicht überzeugt. Da sie aus Italien stammt, seien die Ergebnisse nicht auf das deutsche Bildungssystem zu übertragen.

In Deutschland gibt es Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Das bedeutet, dass Schüler:innen ab der weiterführenden Schule bereits nach Leistungen getrennt sind. In Italien sei das noch nicht so. Der Lehrerverbandspräsident sieht durchaus „positive Effekte, wenn nach Leistung differenziert wird“. In Deutschland zeige sich das vor allem bei leistungsschwächeren Schüler:innen: Sie müssen in nichtgymnasialen Schulen nicht mit besonders leistungsstarken Schüler:innen konkurrieren.

„Die einen werden gefördert, die anderen nicht“

Erinnerst du dich noch, wie dein Klassenzimmer aufgebaut war? Wie viele Schüler:innen saßen dort? In der Studie ist von 20 pro Klasse die Rede. In Deutschland sind es nach Angaben des Lehrerverbands oft 25 oder mehr Schüler:innen. Bei dieser Größe sei die Wahrscheinlichkeit, dass Schüler:innen unterschiedlich leistungsbegabt sind, hoch (selbst, wenn sie vorher auf Realschule, Hauptschule und Gymnasium verteilt wurden).

Lehrkräfte müssten deshalb zusätzlich innerhalb der Klasse zwischen weniger starken und starken Schüler:innen unterscheiden. „Dies stößt bei nur einer Lehrkraft pro Klasse irgendwann an zeitliche und organisatorische Grenzen, wenn die Klassen größer sind“, sagt der Lehrerverbandspräsident BuzzFeed News Deutschland. „Die einen werden [...] gefördert, die anderen nicht oder niemand wird ausreichend gefördert, da die Lehrkraft, um fair zu bleiben, im Gießkannenprinzip die Förderung zu streuen versucht.“

Lehrerverbandspräsident will Deutschkenntnisse von Zuwandererkindern verbessern

Düll nennt weiterhin „die Beherrschung des Deutschen als Unterrichts- und Bildungssprache“ als wesentlich für schulischen Erfolg. Kinder mit Migrationshintergrund (aus der 1. und 2. Generation) machen laut Pisa-Studie ein Viertel aller 15-jährigen Schüler:innen aus – doppelt so viele wie 2018. Oft mangele es an guten Deutschkenntnissen, weil in den Familien kein oder kaum Deutsch gesprochen werde.

Eine Bildungsexpertin wendete bei BuzzFeed News Deutschland ein, dass Kinder schlecht in Deutsch sind, „egal ob sie zugewandert sind oder nicht“. Düll möchte Kindergartenkinder mit Sprachstandardtests testen. Sollten sie Probleme haben, brauchen sie laut dem Lehrerverband „verpflichtende Sprachförderung“ – zum Beispiel durch ein Kita- oder Vorschuljahr.

„Auf diese Weise starten Kinder mit ähnlicheren Voraussetzungen im sprachlichen Bereich auf ihrem Bildungsweg in der Schule.“ Für ältere Klassenstufen fordert der Deutsche Lehrerverband sogenannte Sprachlernklassen. Diese sollen auch die Lesefähigkeit von Kindern fördern.

(Mit Material der AFP)

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