„Bleibt fraglich“

Lehrerverbandspräsident warnt vor „Entprofessionalisierung des Lehramts“

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Um den Lehrkräftemangel zu bekämpfen, dürfen Erzieher:innen in Sachsen-Anhalt unter gewissen Bedingungen als Lehrer:in arbeiten. Eine gute Idee?

Um gegen den Lehrkräftemangel vorzugehen, lassen sich die verschiedenen Bundesländer ganz eigene Ideen einfallen. Während Baden-Württemberg auf ein großes gelbes Plakat am Stuttgarter Flughafen setzt (hier neun Ideen, wie das „echte“ Lehrkräfte-Werbeplakat aussehen sollte), versuchte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder schon im Februar 2023 Lehrer:innen aus anderen Bundesländern abzuwerben, weshalb der Lehrerverband Söder als unkollegial und „nicht zielführend“ bezeichnete.

Am Donnerstag, 14. September 2023, verkündet die Landesregierung Sachsen-Anhalt, sie habe noch 520 offene Stellen für Lehrkräfte. Das Besondere: Es könnten sich auch Personen an Grundschulen bewerben, die mindestens über einen Realschulabschluss und über eine abgeschlossene Berufsausbildung als staatlich anerkannte Erzieher:in verfügen. BuzzFeed News Deutschland fragt den Lehrerverbandspräsidenten Stefan Düll, ob solch ein Quereinstieg sinnvoll ist.

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Lehrermangel: „Entprofessionalisierung des Lehramts droht“

„Der bundesweite aktuelle Lehrkräftemangel ist auch ein Ergebnis der kurzsichtigen Ausbildungs- und Einstellungspolitik der letzten Jahre“, sagt Düll BuzzFeed News Deutschland. „Das in Sachsen-Anhalt vorgestellte Modell und ähnliche Ansätze können nur als reine Notmaßnahmen und nicht als dauerhafte Modelle gelten, da sonst eine Entprofessionalisierung des Lehramts droht.“ Er begrüße die Klarstellung von Sachsen-Anhalt, dass es sich wohl nur um wenige Stellen handele, die für Erzieher:innen infrage kommen würden.

So prekär der Lehrkräftemangel (den Lehrer:innen auch auf TikTok thematisieren) auch sei: Der Lehrerverband fordert, dass bei allen Notmaßnahmen, die aktuell in den Bundesländern entwickelt würden, noch vor Beginn des Unterrichtens eine „gründliche Qualifizierung – sowohl im fachlichen als auch im pädagogischen und didaktischen Bereich“ stattfinde. „Im Idealfall folgt auf eine erste Qualifizierung eine begleitete Berufseingangsphase, die dem Referendariat vergleichbar ist“, sagt der Lehrerverbandspräsident.

Sachsen-Anhalt spricht davon, dass Quereinsteiger:innen entfristet werden können, sofern sie eine „Qualifizierung im Umfang von 200 Stunden sowie weiteren 100 Stunden bis zum Ablauf der Befristung“ nachweisen können. Außerdem müssen sie sich zu einer berufsbegleitenden, fünfjährigen Qualifizierung von mindestens 500 Stunden verpflichten. „Ob dies den fachlichen, pädagogischen und didaktischen Kenntnissen eines Grundschullehramts-Studiums gleichgesetzt werden kann, bleibt fraglich“, so Düll zu BuzzFeed News Deutschland. Gerade im Grundschulbereich seien schließlich „spezielle didaktische und pädagogische Kenntnisse notwendig, um den Kindern die Grundlagen für ihre Bildungslaufbahn zu vermitteln“.

Was hält der Lehrerverband davon, dass in Sachsen-Anhalt Erzieher:innen auch als Lehrkräfte arbeiten können? (Symbolbild)

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Erzieher:innen machen in NRW keinen „eigenverantwortlichen Unterricht“

BuzzFeed News Deutschland fragt bei anderen Bundesländern nach, was sie von der Idee halten, Erzieher:innen als Grundschullehrer:innen zuzulassen. In Nordrhein-Westfalen (NRW), dem Bundesland, in dem laut Redaktionnetzwerk Deutschland (RND) die meisten Lehrkräfte fehlen, heißt es, man „prüfe weitere Maßnahmen“. Hier gibt es laut RND 6715 unbesetzten Vollzeitstellen.

„Erzieherinnen und Erzieher können in Nordrhein-Westfalen auf Stellen für multiprofessionelle Teams im gemeinsamen Lernen an Grundschulen und weiterführenden Schulen eingesetzt werden, die Unterrichts-unterstützend arbeiten und damit zur Sicherung des Unterrichtserfolges beitragen“, teilt uns ein Ministeriumssprecher mit. „Die übergreifende Verantwortung der Lehrkraft bleibt unberührt. Dies stellt eine sinnvolle Unterstützung dar, ohne selbst eigenverantwortlichen Unterricht zu erteilen.“

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Niedersachsen: „Beabsichtigen nicht, Erzieher:innen als Grundschullehrkräfte einzusetzen“

In Niedersachsen fehlen laut RND 1760 Lehrer:innen, gefolgt von Berlin mit 1400 prognostizierten frei bleibenden Stellen. Auf Anfrage teilt das niedersächsische Kultusministerium BuzzFeed News Deutschland mit: „Wir beabsichtigen nicht, Erzieher:innen aufgrund des Lehrkräftemangels auch als Grundschullehrkräfte einzusetzen.“

Das Land setze Erzieher:innen bereits als pädagogische Mitarbeiter:innen in Grundschulen ein, worin Kultusministerin Julia Willie Hamburg eine „wertvolle Bereicherung“ sehe. „Wichtig hierbei ist aber: Pädagogische Mitarbeitende sind keine Lehrkräfte, sie haben einen anderen Blick auf Kinder, der auch gut und wichtig für Schulen ist, aber eben eine andere Funktion hat“, so eine Ministeriumssprecherin.

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