Dilemma Tage vor dem Urnengang

Linke könnte ihre Spitzenkandidatin für die Hamburg-Wahl verlieren – „Damit konnte niemand rechnen“

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Cansu Özdemir steht vor einer unerwarteten Herausforderung bei der Hamburg-Wahl: Der Erfolg der Linken bei der Bundestagswahl bringt ihre Pläne durcheinander.
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Mit fast neun Prozent der Stimmen war die Linke bei der Bundestagswahl erfolgreich. Cansu Özdemir, die Spitzenkandidatin für die Hamburg-Wahl, war „aus Versehen“ zu erfolgreich.

Hamburg – Auferstanden aus Ruinen: An die Linke glaubte nur wenige Monate vor der Bundestagswahl niemand mehr – doch in einer rasanten Aufholjagd holte die Partei um Gregor Gysi, Bodo Ramelow oder Shootingstar Heidi Reichinnek am Sonntag fast 8,8 Prozent der Stimmen. Und so geht nun der Blick in die Hansestadt, dort will die Partei am kommenden Sonntag bei der Bürgerschaftswahl den Erfolg nochmal toppen – nicht unrealistisch: Bei den Umfragen vor der dortigen Hamburg-Wahl 2025 liegt die Linke bei zehn Prozent – und damit gleichauf mit der AfD. Sogar die CDU mit 17 Prozent scheint in Schlagweite – immerhin holte die Linke am Sonntag 14,4 Prozent.

Hamburg-Wahl: Linke-Spitzenkandidatin Cansu Özdemir nach Bundestagswahl vor Dilemma

Doch der Landesverband und insbesondere die Spitzenkandidatin hat nun ein Problem der besonderen Art: Cansu Özdemir, die eigentlich als sogenannte Zählkandidatin auf der Landesliste der Bundestagswahl angetreten war, um Jan van Aken zu unterstützen, hat überraschend ein Bundestagsmandat gewonnen. Dies war für alle Beteiligten unerwartet, da sie über Platz zwei auf der Landesliste in den Bundestag einzog.

„14,4 Prozent stadtweit: So stark war Die Linke bei einer Bundestagswahl noch nie in Hamburg“, schrieb die Linke am Montag in einer Pressemitteilung. „Was aber auch zu einem unerwarteten Effekt führt: Hamburgs Linke ist mit gleich zwei Abgeordneten im neuen Bundestag vertreten – neben dem Spitzenkandidaten Jan van Aken zieht mit Cansu Özdemir auch Platz zwei der Landesliste ein.“ Doch Özdemir scheint von dem Erfolg überrumpelt: „Da konnte niemand mit rechnen“, sagte die 36-Jährige am Tag nach der Wahl.

„Als ich für Platz 2 unserer Landesliste kandidiert habe, schien ein solches Ergebnis außerhalb des Möglichen – in dieser Annahme habe ich das guten Gewissens gemacht, um Jan van Aken als Spitzenkandidaten zu unterstützen“, sagte Özdemir. Fest steht für sie jedoch: Özdemir tritt weiterhin als Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl in Hamburg an. Wie sie dann aber mit der Situation umgehen wird, ist noch unklar. Özdemir erklärte, dass sie die neue Stärke der Linken im Bundestag erst einmal verarbeiten müsse und die Situation auch privat mit ihrer Familie klären wolle.

Bürgermeisterkandidat der SPD bei Bürgerschaftswahl 2025 in Hamburg Favorit – was macht Özdemir?

Linken-Co-Chefin Sabine Ritter freut die neue Stärke: „Wir sind sehr dankbar, dass so viele Hamburgerinnen und Hamburger unsere Politik unterstützen und uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Als wir Mitte Dezember unsere Landesliste für die Bundestagswahl aufgestellt hatten, lagen wir in Umfragen bundesweit teilweise noch unter ‚Sonstige‘, und wir hätten niemals mit dem gestrigen Ergebnis gerechnet. Jetzt ist Hamburg mit gleich zwei linken Abgeordneten im Bundestag vertreten, und wir freuen uns unglaublich.“ Dass Özdemir das Bundestagsmandat ablehnt, wird innerhalb der Linken nicht erwartet, berichtet das Hamburger Abendblatt.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

Die Hamburgische Bürgerschaft wird am kommenden Sonntag gewählt. Es gilt dort als wahrscheinlich, dass der aktuelle Erste Bürgermeister und erneute SPD-Bürgermeisterkandidat Peter Tschentscher das Rennen machen wird. Tschentscher war zwischen 2011 und 2018 Finanzsenator unter dem damaligen Bürgermeister Scholz. In der Bevölkerung hätte er die Gunst: Fast jeder Zweite (49 Prozent) würde bei einer direkten Wahl für ihn stimmen. Bei der letzten Umfrage zur Hamburg-Wahl liegt die SPD vorn, ein Kopf an Kopf-Rennen gibt es um Platz zwei.

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