Neue Linken-Spitzenfrau Reichinnek erkennt „Riesenproblem“ in ihrer Partei
VonChristine Dankbar
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Die neue Co-Vorsitzende der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, im FR-Interview über Streit, Erfolge im Digitalen und das Image als Kümmerer-Partei.
Frankfurter Rundschau: Frau Reichinnek, wie ist Ihre erste Woche als Gruppenvorsitzende gelaufen?
Heidi Reichinnek: Sehr intensiv. Wir haben ja keine fertige Fraktion übernommen, sondern müssen für die Gruppe erst alle Strukturen wieder neu aufbauen.
Was ist da jetzt zu tun?
Wir müssen alles Material neu beschaffen, die komplette IT. Wir mussten ja alles abgeben, was nicht in die Abgeordnetenbüros gehörte. Die Fraktion wurde und wird ja komplett liquidiert. Jetzt müssen wir mit der Organisation quasi wieder bei Null anfangen. Wir müssen sehen, wie viele Mitarbeiter:innen wir wieder einstellen können und dann sitzen wir auch noch gemischt mit den Abgeordneten des BSW, da wird es auch noch Veränderungen bei den Büros geben müssen. Also es ist jetzt erst mal ganz viel unsexy organisatorische Arbeit, aber die ist wichtig, um die Sitzungswoche zu organisieren und wieder eigene Anträge und Anfragen einbringen zu können.
Reichinnek und Pellmann führen Linken-Gruppe im Bundestag an: „Wollen alle mitnehmen“
Sie sind gemeinsam mit Sören Pellmann in einer Kampfabstimmung gewählt worden, mit 14 gegen 13 Stimmen. Das sieht nicht gerade nach großer Einigkeit aus. Belastet das den Neuanfang?
Wir schlagen als Gruppe jetzt ein ganz neues Kapitel der Zusammenarbeit auf. Das betrifft auch die Zusammenarbeit mit der Partei. Wir haben eine Mail an unserem Parteivorstand geschrieben und auch an unsere Landesvorsitzenden, dass wir gerne zu den nächsten möglichen Terminen vorbeikommen möchten, um über unsere Ideen zu sprechen. Es soll dann auch um die Möglichkeiten gehen, die wir jetzt im Bundestag noch haben. Und natürlich wollen wir auch gemeinsame Schwerpunkte festlegen und darüber diskutieren: Welche Anträge machen Sinn, gerade auch mit Blick auf Europa, auf die Landtagswahlen? Es ist mir ein wichtiges Anliegen, eine engere Verzahnung mit der Partei hinzubekommen. Ich teile da durchaus die Kritik, dass das in letzter Zeit nicht so gut funktioniert hat.
„Man sucht sich kleine Widerstandsoptionen“: Denn dass die Bundestags-Linke Redezeit verloren hat und weniger Anfragen stellen kann, findet Reichinnek katastrophal.
Bleiben wir bei der Bundestagsgruppe. Am zweiten Tag der Klausur, nach der Wahl der neuen Gruppenvorsitzenden gab es ja schon ein paar, die sich krankgemeldet haben. Das sieht nicht gerade nach Aufbruch auf, oder?
Natürlich kann ich verstehen, dass einige auch frustriert sind, weil sie nicht zum Zug kamen. Aber es war ein ehrliches Ergebnis. Wir versuchen jetzt, die Hand auszustrecken und durch unsere Arbeit zu zeigen, dass wir alle mitnehmen wollen. Das ist eine Sache, die sich hoffentlich über die Zeit entwickeln wird. Wir haben heute beispielsweise zum Thema Cannabis ein Video mit Ates Gürpinar gedreht...
…einem ihrer Gegenkandidaten.
Ja, und wir sind natürlich mit den Vorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan im engen Austausch. Mit Wissler drehe ich jetzt ein gemeinsames Video zum Equal Pay Day. Wir versuchen als Vierergruppe, wie sich das gehört, gemeinsame Initiativen zu entwickeln. Dafür wollen wir auch ein gemeinsames Papier schreiben, in dem wir zeigen, dass wir an einem Strang ziehen. Das wollen wir den Mitgliedern zur Verfügung stellen.
Reichinnek erkennt „Riesenproblem“ der Linken
Die beiden Parteivorsitzenden stehen ja Ihren unterlegenen Gegenkandidat:innen Clara Bünger und Ates Gürpinar näher.
Ja, okay, aber dann gibt es ein anderes Ergebnis und das respektiert man, und dann arbeitet man vernünftig zusammen. Natürlich werden einige ein bisschen länger gefrustet sein als andere. Ich war auch schon über viele Entscheidungen gefrustet, aber das ist normal.
Es hält sich ja immer noch das Gerücht, dass sich Abgeordnete von der Gruppe abspalten können. Was meinen Sie?
Mir ist wirklich von niemandem bekannt, dass er oder sie mit dem Gedanken spielt. Ich sage mal, wer jetzt noch in der Gruppe ist, der hat sich ja auch ganz bewusst für Die Linke entschieden und damit auch dafür, dass die Partei und die Gruppe wieder stärker wird.
Zur Person
Heidi Reichinnek, 35, zog 2021 über die niedersächsische Landesliste in den Bundestag ein. In Osnabrück war sie bis dahin kommunalpolitisch aktiv, seit 2019 ist Reichinnek Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen.
Die gebürtige Sachsen-Anhalterin war als pädagogische Mitarbeiterin in der Jugendhilfe tätig und hat Nahoststudien und Politikwissenschaft studiert. Ihre Schwerpunkte sind die Frauen-, Kinder-, Jugend- und Senior:innenpolitik. fab
Es heißt, Sie und Pellmann seien „Realpolitiker:innen“, während Bünger und Gürpinar zu den Bewegungslinken gezählt werden, die der Parteiführung näher stehen. Können Sie uns diese Flügel mal näher erläutern?
Nein, nicht wirklich. Ich war nie in einer Strömung, ich war nie in irgendeinem Flügel, aber ich kenne leider die Einstufungen. Das ist ein Problem meiner Partei, dass man, sobald man eintritt, je nachdem, mit wem man zuerst redet, hat man so einen Stempel auf der Stirn. Das ist ein Riesenproblem. Es liegt vielleicht daran, dass die Linke immer sehr darauf orientiert gewesen ist, verschiedene Meinungen zu verbinden. Dafür waren die Strömungen, die wir mal hatten, ja auch zentral, um unser Programm zu entwickeln, um verschiedene Perspektiven reinzubringen. Das ist im Grunde sehr gut, aber wenn es ein Ergebnis gibt, einen Beschluss, dann müssen wir uns halt auch dahinter versammeln. Das können wir leider manchmal nicht so gut.
Sie sind also keine Realpolitikerin im Sinne eines Flügels bei der Linken?
Ich bin immer wieder fasziniert von diesen Zuschreibungen. Ich bin es auch gewohnt. Erst hieß es, ich sei von Sahra Wagenknecht gesteuert, dann von Amira Mohammed Ali. Es ist für mich ein feministischer Rückschritt, wenn es jetzt heißt, ich sei eine Kandidatin von Dietmar Bartsch gewesen. Jetzt ist es nämlich plötzlich ein Kerl. (Lacht)
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Wenn Sie nicht gesteuert sind, wer oder was inspiriert Sie?
Rosa Luxemburg!
Na, das ist dann schon mal definitiv nicht Bewegungslinke, oder?
Ja, angeblich sind wir aus dem Osten halt immer Realos. Aber was mich eigentlich sehr viel mehr inspiriert, sind unsere Leute vor Ort. Was die da auf die Beine stellen, egal, ob in Ost oder West, das finde ich krass. Nur ein Beispiel: Es gibt einen Genossen in Weißenfels (bei Halle, d. Red.), der organisiert eine Küche für alle, die monatlich mehr als 200 Essen ausgibt. Da steht nicht Die Linke drauf, aber er ist im Stadtrat und das verbindet man mit uns. Auf so etwas müssen wir uns wieder mehr besinnen.
Die Linke als Kümmerer-Partei?
Warum nicht? Der Kern unserer Partei ist, für die Leute da zu sein. Ich könnte ganz viele verschiedene Beispiele nennen, unter dem Motto „Die Linke hilft“. Das Kümmern hat immer so einen negativen Touch, weil einige glauben, das würde bedeuten, man will den Leuten ihre Selbstwirksamkeit nehmen. Aber das stimmt ja überhaupt nicht. Wir stärken die Leute ja in dem, was sie tun. Da sehe ich uns Linke schon in der Pflicht. Auch mich selbst. Ich bekomme – neben E-Mails – viele Anfragen über Tiktok und Instagram und auch, wenn ich nicht konkret helfen kann, versuche ich eine Adresse weiterzugeben oder auch wenigstens ehrlich Anteil zu nehmen.
Linke um Reichinnek suchen im Bundestag „kleine Widerstandsoptionen“
Apropos Tiktok. Sie sind eine sehr reichweitenstarke Abgeordnete dort. Aber ich hab von Ihrem Mitarbeiter gehört, dass er Sie dazu überreden musste. Stimmt das?
(Lacht) Ja, ich dachte erst, ich bin zu alt dafür.
Sie sind 35.
Ja, aber für mich war Tiktok immer etwas für Jüngere. Man hat ja immer diese Tanzvideos im Kopf. Aber dann habe ich gesagt, probieren wir es mal, ich mache aber nur Dinge, die sich für mich gut anfühlen, ich werde nicht tanzen und keine pseudo-coolen Gesten machen. Die Reichweite, die wir da aufgebaut haben, wollen wir mit anderen Kolleginnen und Kollegen teilen. Wir haben Videos mit Ferat Koçak aus dem Berliner Abgeordnetenhaus zum Thema Polizei und Winterabschiebestopp, mit Sebastian Walter aus Brandenburg, mit Eva von Angern aus Sachsen-Anhalt, um nur ein paar zu nennen. Das wollen wir weiter intensivieren, auch auf Instagram etwa mit kleinen Kreisverbänden zusammenarbeiten, die freuen sich sehr, wenn sie mal ein paar hundert Likes haben.
Erste Reihe in den sozialen Medien, aber im Bundestag ist die Linke in der Sitzordnung weit nach hinten gerutscht.
Wir sitzen jetzt ab der siebten Reihe bis nach hinten und dürfen keine Tische mehr nutzen. Wir machen uns jetzt aber den Spaß, dass die den Gang zum Rednerpult als Catwalk nutzen. Von ganz hinten nach vorne, die anderen Kollegen klatschen dann schon mal ein und das Präsidium ist genervt, weil es so lange dauert. Man sucht sich ja kleine Widerstandsoptionen. Schlimmer ist, dass wir viel Redezeit verloren haben und eine Katastrophe ist, dass wir nur noch zehn kleine Anfragen pro Monat stellen dürfen. Das Hauptziel für die Linke ist ganz klar, dass wir nach der nächsten Wahl wieder in Fraktionsstärke in den Bundestag kommen.