Konvois kommen zum Stillstand

Verliert Putin Ukraine-Krieg wegen der LKW? US-Experte nach Foto-Analyse überrascht

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Ein russisches Militärfahrzeug, das bei Kämpfen gegen die ukrainische Armee zerstört wurde, steht in einem Maisfeld in Sytnyaky am Stadtrand von Kiew. (Archiv)
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Militärexperten sind sich einig: Der russische Überfall auf die Ukraine geht aus Putins Sicht langsamer voran, als geplant. Ein US-Experte analysiert Bilder und verrät, was Lkw damit zu tun haben.

Kiew - Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die Ukraine. Militärexperten gewannen schnell den Eindruck, dass die eigentlich übermächtigen russischen Truppen im Ukraine-Konflikt langsamer vorankamen, als von Wladimir Putin geplant. Der erbitterte Widerstand ukrainischer Truppen und Zivilisten gilt als einer der Gründe. Ein US-Militärexperte will nun anhand von Bildern ein weiteres Problem der russischen Kriegsführung erkannt haben und erklärt die Rolle der russischen Lkw.

Ukraine-Konflikt: Ein Faktor blieb bislang unberücksichtigt

Wer an Krieg denkt, dem kommen Bilder von Raketen, Panzern, Kampfjets und Soldaten in den Sinn - genau wie das Leid der zivilen Bevölkerung. Das ist nicht falsch: Die Gräueltaten im ukrainischen Butscha schockierten die Welt. Aktuell meldete die Ukraine außerdem, dass Russland weiterhin Luftangriffe auf die Hafenstadt Mariupol fliege. Indes rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj angesichts der „unmenschlichen Situation“ in Mariupol den Westen erneut zur Lieferung der notwendigen, „schweren Waffen“ auf.

Doch ein US-Militärexperte will jetzt einen Faktor erkannt haben, der bislang größtenteils unberücksichtigt blieb: Die Lkw der russischen Truppen, die maßgeblichen Einfluss auf die Logistik der Kriegsführung haben. „Amateure sprechen über Strategie, Profis über Logistik“, sagte schon der US-General Omar Bradley im Zweiten Weltkrieg.

Ukraine-Konflikt: Diese Rolle spielen die russischen LKWs bei der Logistik

Der bescheidene Lkw ist in der Kriegsführung wichtiger, als viele vermuten, gibt nun Trent Telenko, ein ehemaliger Qualitätsprüfer bei der US-amerikanischen Agentur für Verteidigungsverträge zu Bedenken. Denn Armeen brauchen Lastwagen, um ihre Soldaten an die Front zu transportieren, ihre Panzer mit Granaten zu versorgen und Raketen dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Kurz gesagt, jede Armee, die ihre Lastwagen vernachlässigt, tue dies auf eigene Gefahr, meint Telenko gegenüber dem US-Nachrichtenportal CNN. Der Experte analysierte zahlreiche Fotos des Ukraine-Krieges - unter anderem auch von russischen LKWs.

Fotos von beschädigten russischen Lastwagen zeigen seiner Meinung nach Anzeichen der logistischen Probleme Moskaus. „Alles, was eine Armee braucht [...] kommt von einem Lastwagen“, so Telenko gegenüber CNN. „Die Waffe ist nicht der Panzer selbst, es ist die Granate, die der Panzer abfeuert. Diese Granate wird mit einem Lastwagen transportiert“, betont der Experte. Lebensmittel, Treibstoff, medizinische Versorgung und sogar die Soldaten – all dies hänge von Lastwägen ab. Er habe Grund zu der Annahme, dass es in der russischen Armee ein Problem mit dieser Versorgung gebe, so Telenko weiter.

Ukraine-Konflikt: Multimillionen-Dollar-Lastwagen ist „Kanarienvogel in der Kohlemine“

Panzir S-1 ist eines der modernsten russischen Kurzstrecken-Flugabwehrraketen-Systeme. Es wird auf einem Lkw transportiert. Bild eines Panzir S-1 vom 1. April, aufgenommen vermutlich auf einem Flugplatz der russischen Luftstreitkräfte - ohne Reifenschäden (Symbolbild).

Ein aktuelles Foto soll offenbar Reifenschäden an einem viele Millionen US-Dollar teuren Laster, einem Modell Panzir S1 zeigen. Dies beschreibt Telenko als „den Kanarienvogel in der Kohlemine“ in Bezug auf Russlands Kriegslogistik. Bei einem so teuren Gerät hätte er eine erstklassige Wartung erwartet. Doch die Reifen des Lkw würden nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn bereits zerfallen. Der Experte führt dies auf eine mangelhafte Wartung zurück: Wenn Lastwagen nicht häufig bewegt würden, werde das Gummi in ihren Reifen spröde und diese anfällig für Risse. Laut Trent Telenko trete das Problem auch häufig auf, wenn Reifen beispielsweise mit niedrigem Luftdruck gefahren werden, um mit den schlammigen Bedingungen fertig zu werden, mit denen die russischen Streitkräfte im ukrainischen Frühling konfrontiert sind.

Für den US-Experten ist das aktuelle Foto des Panzir S1 sinnbildlich für die gesamte russische Lkw-Flotte. Wenn die russischen Truppen die Wartung „nicht für etwas so Wichtiges tun, dann ist es sehr klar, dass die gesamte Lkw-Flotte ähnlich behandelt wurde“, sagte er CNN.

Ukraine-Konflikt: Was für Telenkos Theorie spricht

Zu Beginn des Krieges gab es einen Vorfall, der die Theorie von Telenko stützen könnte: Ein über 60 Kilometer langer Konvoi aus russischen Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Artillerie war etwa 30 Kilometer außerhalb von Kiew ins Stocken geraten. Das britische Verteidigungsministerium hatte als Grund damals einerseits den ukrainischen Widerstand genannt, andererseits habe es aber auch „mechanische Pannen“ gegeben.

Aus Sicht von Phillips O‘Brien, Professor für strategische Studien an der University of St. Andrews in Schottland, gibt es ein weiteres Anzeichen für logistische Probleme im russischen Militär: Den Einsatz ziviler LKWs als Ersatz für im Kampf verlorene militärische Lastwagen. „Zivile Lastwagen [...] sind nicht dafür gemacht, diese Lasten zu tragen“, so O‘Brien - und in vielen Fällen könnten sie nicht einmal abseits der Straßen operieren.

Wehrpflicht und Korruption Grund für desolaten Zustand der russischen LKWs?

Auch ein Mangel an Motivation und entsprechendem Training könnte ein Grund für die schlechte Wartung der Militärfahrzeuge und die logistischen Probleme des russischen Militärs sein, wie Experten vermuten. Rund 25 Prozent der russischen Soldaten sind Wehrpflichtige, wie aus Daten der US-amerikanischen Denkfabrik CSIS hervorgeht. Demnach also Menschen, die sich nicht unbedingt aus innerer Überzeugung für den Militärdienst melden. Wehrpflichtige bekleiden häufig niedrige Ränge und sind auch für die Wartung der Fahrzeuge zuständig. Von ukrainischer Seite wird immer wieder betont, dass die Moral der russischen Soldaten niedrig sei.

Auch Korruption im russischen Militär könnte für den schlechten Zustand der Lastwagen verantwortlich sein. Denn Bestechung und Schmiergelder könnten zum Kauf von minderwertiger Ausrüstung führen, indem beispielsweise der Vertrag für Ausrüstung oder Wartung an einen weniger qualifizierten Lieferanten vergeben werde, der bereit sei, Schmiergelder zu zahlen, erklärt Matthew Stephenson, Professor an der Harvard Law School. Statt hochwertiger Teile könnten auch minderwertige Ersatzteile gekauft werden - die Differenz würde dann in die eigenen Taschen der Zuständigen fließen. „All diese Probleme [...] scheinen sich in der aktuellen russischen Invasion zu manifestieren“, schrieb Stephenson in seinem „Global Anti-corruption“ Blog. Das würde Telenkos Theorie stützen. Dieser machte zunächst übrigens keine Angaben zum Zustand der ukrainischen Lkw.

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