VonGiorgia Grimaldischließen
Digitaler Hass nimmt zu und gefährdet nicht nur Frauen und diskriminierte Gruppen, sondern die gesamte Demokratie. Experten fordern eine sofortige Offensive.
„Woah bist du fett!“, oder „du Hure!“: Hasskommentare, die die Influencerin und Moderatorin Louisa Dellert kennt. Seit zehn Jahren ist sie auf Social Media aktiv. Am Anfang habe es mal einen gemeinen Kommentar gegeben. „Als ich anfing, politischer zu werden, über Umwelt zu sprechen, hat das zugenommen. Ganz besonders in der Coronazeit. Es ging nicht mehr nur um mein Aussehen, es wurde persönlich. Mir wurde der Tod gewünscht“, erzählt Dellert BuzzFeed News Deutschland, einem Portal von Ippen.Media.
Mit diesen Erfahrungen ist Dellert nicht alleine. Eine neue bundesweite Studie zeigt: 49 Prozent der 3000 Befragten wurden schon Opfer digitaler Gewalt. Jede zweite Person zieht sich wegen Hass im Netz zurück und mehr als die Hälfte der Nutzer äußert aus Angst vor Hass seltener ihre politische Meinung. Durchgeführt wurde die Erhebung von NETTZ, der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, der Organisation Hate Aid und dem Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher.
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Neue Studie zeigt: Vor allem Frauen und Minderheiten sind von Hass im Netz betroffen
Besonders betroffen sind demnach junge Frauen, Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, muslimische Menschen, jüdische Menschen, Mitglieder der LGBTQI+-Community und nicht weiße Menschen. Einem Nutzer sei es gelungen, Dellerts Adresse ausfindig zu machen und ihren Briefkasten zu demolieren. „Und das ist nicht nur bei mir so. Man kann beobachten, worüber man sich noch empört und worüber nicht. Gefühlt werden immer mehr Dinge, wo wir vor ein paar Jahren noch gedacht hätten, das darf man einfach nicht sagen, inzwischen einfach Alltag. Es hat total zugenommen.“
„Die Menschen mit vielfältigen Perspektiven ziehen sich zurück, der Diskurs verengt sich, es gibt somit viel mehr Raum für extreme Positionen. Das ist ein Angriff auf die Meinungsvielfalt“, fasst es Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher, auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie am 13. Februar in Berlin zusammen.
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Bundesministerin Lisa Paus warnt: „Aus digitalem Hass entsteht analoge Gewalt“
Demokratie gerate laut der Studie unter Druck, da das Internet als der wichtigste Debattenraum vor allem von Rechtsextremen genutzt werde. Ihr Ziel: Systematisch Desinformation, Gewaltandrohungen, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus verbreiten. Besonders im diesjährigen „Superwahljahr“ mit den bevorstehenden Landtags- und Europawahlen.
Lisa Paus, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sagt: „Die Zahlen zeigen: Hass im Netz ist allgegenwärtig und nimmt zu. Er ist eine Bedrohung für die Demokratie insgesamt. Zivilgesellschaft und Bundesregierung müssen mehr tun. Denn: Die Online-Welt und Offline-Welt bedingen einander, sie sind inzwischen eins. Aus digitalem Hass entsteht analoge Gewalt.“
„Algorithmen haben keine Moral“ – Experten wollen Plattformen stärker regulieren
Verantwortlich sind dafür unter anderem die Mechanismen von Social-Media-Plattformen, erklärt Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin von Hate Aid. „Algorithmen haben keine Moral, es ist ihnen egal, mit welchen Inhalten sie die Leute aktiv halten, empörende Inhalte funktionieren aber besonders gut. Sie gehen viral und werden noch mehr Menschen angezeigt. Und vor allem Rechtsextreme nutzen das für ihre Zwecke“.
Sie fordert: „Es kann nicht sein, dass in öffentlichen Räumen, wo wir unsere wichtigsten politischen Debatten führen, nur solche polarisierenden Inhalte angezeigt werden. Wir brauchen eine stärkere Zivilgesellschaft und die Regulierung der Plattformen. Das Problem muss systemisch angegangen werden.“
Das soll durch den „Digital Services Act“ passieren, ein EU-Gesetz über digitale Dienste. Demnach müssen Aufsichtsbehörden die Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen, kontrollieren und entsprechende Maßnahmen vorschlagen. Während es in einigen EU-Ländern bereits in Kraft getreten ist, ist es in Deutschland am 17. Februar so weit. Damit sei aber noch nicht alles getan, erklärt Paus: „Das Thema hat eine hohe Priorität innerhalb der Bundesregierung“. Es bedarf jedoch eines Dreiklangs aus „Regulierung, Bekämpfung und Prävention. Dazu gehören auch Angebote für Medienkompetenz für die Zivilgesellschaft und Beratungsstellen.“
Influencerin will Opfer digitaler Gewalt ermutigen: „Irgendwann wird ein strukturelles Problem sichtbar“
Auch Dellert setzt sich dafür ein. Sie ist Erstunterzeichnerin eines offenen Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz, aufgesetzt von Hate Aid, das Beratung und rechtliche Unterstützung für Opfer digitaler Gewalt anbietet. Die Forderung lautet: eine sofortige Offensive für die Einhaltung der Menschenrechte im Internet. Jeden Hasskommentar, der sie erreicht, leitet sie an die Hilfsorganisation weiter, zu manchen publiziert sie auch einen eigenen Beitrag auf Instagram.
„Ich will andere ermutigen, sich zur Wehr setzen und das zur Anzeige bringen. Viele gehen nicht zur Polizei oder gehen damit nicht zu Hate Aid, weil sie denken, das bringt nichts.“ Und oft genug passiere auch nichts, räumt Dellert ein. Aber: „Jede Anzeige landet am Ende in einer Statistik und dadurch wird irgendwann ein strukturelles Problem sichtbar.“
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