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„Die Angriffe sind allumfassend. Es reicht schon, dass eine queere Person postet, dass sie jetzt eine queere Jugendgruppe besucht.“ Und Hate Speech führt auch zu Gewalt vor Ort.
Hate-Speech – marginalisierte Gruppen wie die queere Community sind online davon besonders betroffen. Doch wie dramatisch ist die Lage? Erstmals veröffentlichte das Bundesamt für Statistik Zahlen, die zeigen: Wir haben definitiv ein Problem.
Fast 16 Millionen Internetnutzer:innen in Deutschland im Alter von 16 bis 74 Jahren waren 2023 (1. Quartal) mit Hate-Speech-Beiträgen konfrontiert, mehr als jeder Vierte (27 Prozent) in der Bundesrepublik. Noch dramatischer ist das Ergebnis bei den 16- bis 44-Jährigen. Hier erlebten 36 Prozent der Befragten Hass und Hetze online – keine andere Altersgruppe in Deutschland ist so stark davon betroffen.
Allerdings sind das „nur“ die offiziellen Zahlen. Sven Norenkemper und sein Team vom Coming Out Day-Verein beraten täglich queere Jugendliche, die Opfer von Hass, Hetze und Mobbing im Internet geworden sind – er schätzt, dass die tatsächlichen Fallzahlen noch viel höher liegen und sagt: „Im queeren Bereich gibt es massive Anfeindungen online und das hat extrem zugenommen. Wenn es um Fragen der sexuellen Identität geht, ist das nach wie vor sehr schwierig und die Anfeindungen nehmen wieder zu – geht es um die geschlechtliche Identität, rastet das Internet inzwischen oftmals komplett aus.“
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Dabei können bereits Kleinigkeiten extreme Reaktionen erzeugen, so Norenkemper weiter: „Allein schon das Benutzen von geschlechtergerechter Sprache fernab jedes politischen Statements reicht aus, um sofort eine Gegenreaktion zu erzeugen, meistens geht es hier sofort von null auf einhundert. Da kommt die ganze Palette: Bist du bescheuert? Was ist in deinem Kopf los? Alles Gender-Gaga!“
Dabei erleben queere Jugendliche dann sehr schnell die ganze Bandbreite von Hass, die sie in dieser Massivität überfordern kann. „Wir nehmen diese Entwicklungen wirklich mit großer Besorgnis zur Kenntnis. Online bemerken wir inzwischen ganz klar einen neu-rechten Sprachgebrauch, da kommen dann all die Schlagworte wie Frühsexualisierung oder Gender-Gaga zusammen.“
„Was haltet ihr denn davon?“ – Fiese Masche von rechtspopulistischen Influencer:innen
Die Fallzahlen haben sich dabei laut Norenkemper allein im letzten Jahr schätzungsweise verdreifacht – auch die Vehemenz der Angriffe hat massiv zugenommen. „Es gibt wirklich auch wieder Kommentare wie ‚Ab ins Gas‘ und ähnliches. Diese Art der Angriffe ist total durch die Decke gegangen.“ Dabei gehen vor allem viele rechte oder rechtspopulistische Influencer:innen immer geschickter vor, um ihre Anhängerschaft auf potenzielle Opfer zu konzentrieren, ohne sich selbst dabei strafbar zu machen. Eine beliebte Vorgehensweise ist das Posten eines Screenshots eines queeren Jugendlichen, der etwas zum Thema LGBTQIA+ geschrieben hat. Darunter wird die scheinbar harmlose Frage gestellt: „Was haltet ihr denn davon?“
Rein rechtlich kann so den Influencer:innen nichts geschehen, denn wer kann schon für eine Frage belangt werden? Inhaltlich ist dabei natürlich klar, dass sich die digitale Meute mit Freude auf den Screenshot stürzen wird und auch nicht Halt davor macht, dann den betroffenen Jugendlichen direkt online anzugreifen – hunderte oder sogar tausende Hass-Kommentare sind die Folge. Eine perfide Masche, die gut funktioniert.
Doch selbst wenn dann einige digitale Angriffe tatsächlich strafbar und anzeigewürdig sind, scheuen viele junge queere Menschen davor zurück, rechtliche Konsequenzen zu ziehen. Zu groß sind die Bedenken vor einer weiteren Eskalation, zu schwer wiegt die Überlegung, ob eine solche Anzeige tatsächlich auch konsequent verfolgt und am Ende auch wirklich Folgen für die Täter:innen hat.
Queere Jugendliche nehmen das derzeitige Klima als sehr hasserfüllt wahr. Früher haben Jugendliche erst nach langer Zeit oder nur auf Nachfrage über Diskriminierungserfahrungen gesprochen, inzwischen erleben wir das täglich. Viele dieser Angriffe sind oftmals direkte Gewaltandrohungen bis zum Absprechen des Lebensrechts von einzelnen Menschen. Das Internet ist für viele queere Jugendliche sehr toxisch geworden.
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„Das, was wir im Internet sehen, an offenen queeren Jugendlichen, ist eine kleine Minderheit“
Dabei zeigt sich in den letzten Monaten, dass queere Betroffene sehr unterschiedlich damit umgehen. „Aus Angst vor Stress oder Anfeindungen entscheiden sich immer mehr queere Jugendliche dafür, gar nichts mehr online zu liken oder zu posten. Ich würde aus unseren Erfahrungen heraus schätzen, dass das 80 bis 85 Prozent aller queeren Jugendlichen sind. Das, was wir im Internet sehen, an offenen queeren Jugendlichen, ist eine kleine Minderheit.“
Für diejenigen, die noch online offen zu ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität stehen, sind die Anfeindungen beinahe bereits zum Alltag geworden. Es ist ihnen allerdings deswegen keineswegs egal, so der Jugendberater.
Shitstorm kann sich immer wieder neu entzünden
Immer wieder ist das Team des Vereins geschockt, wie leicht es zu einem Shitstorm kommen kann: „Die Angriffe sind allumfassend. Es reicht schon, dass eine queere Person postet, dass sie jetzt eine queere Jugendgruppe besucht. Dann kommt sofort der Verdacht der Pädophilie. Bis vor kurzem war ich noch der Meinung, solche klischeehaften Angriffe wurden irgendwann in den 80er Jahren ausgeräumt. Es kommen aber dann doch wieder Themen hoch wie Frühsexualisierung. Das erleben wir immer wieder, dieses Narrativ, dass Kinder automatisch gefährdet seien“, so Norenkemper.
Und dann passiert es, dass der digitale Hass plötzlich ganz real in der echten Welt ankommt, wenn anonyme Angreifer:innen die Treffen von queeren jungen Menschen oder die Termine der LGBTQIA+ Jugendgruppen herausfinden und damit prahlen, das nächste Mal vor Ort zu sein, um das bisher digitale Opfer live zu erwischen. „Queere Jugendliche wissen, dass 99 Prozent dieser Gewaltandrohungen nicht tatsächlich umgesetzt werden, aber niemand will der hundertste Fall sein, wo es doch geschieht. Das schafft ein Klima der Angst im realen Leben und sorgt dafür, dass Jugendliche sich zurückziehen und dann eben gar nicht mehr eine Jugendgruppe besuchen.“
Angegriffen wird dann nicht nur der Jugendliche oder der queere Jugendclub, sondern alle, die sich damit solidarisieren. Dazu kommt, dass ein solcher Shitstorm nicht nach ein paar Stunden abebbt, sondern sich über Wochen, manchmal sogar über Monate hinweg, immer wieder von neuem entzünden kann. Die Folge ist, dass queere Jugendliche selbst bei scheinbaren Banalitäten vorsichtiger werden, beispielsweise, wenn es darum geht, Fotos von einem Jugendtreffen online zu stellen. Lieber nicht – oder die coole Baseballkappe wird rein zufällig besonders tief ins Gesicht gezogen.
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Digitaler Hass endet auch in realer Gewalt
Doch lässt sich ein solcher Shitstorm nicht einfach aussitzen? Oder reagieren queere Jugendliche vielleicht zu sensibel, wie ihnen mancherorts immer mal wieder gerne vorgeworfen wird? „Was digitalen Hass so gefährlich gerade für queere Jugendliche macht, ist, dass es ein enormer Stressfaktor ist, besonders für junge Menschen, die in der Findungsphase zwischen sexueller und geschlechtlicher Identität sind – in dieser Zeit sind sie besonders verletzlich.“
Eine weitere Konsequenz der stetig steigenden digitalen Angriffe zeigt sich erst auf den zweiten Blick, denn nicht immer muss der Jugendliche auch das direkte Opfer sein, die Hass-Triaden befeuern sich gerne auch gegenseitig, so Norenkemper: „Wir erleben, dass verbale Gewalt nur der erste Schritt ist. Daraus folgt tatsächliche Gewalt, blicken wir nur auf die Hassverbrechen während der CSD-Saison im letzten Jahr.“
„Die Profile von queeren Influencer:innen online sind superwichtig“
Queere Jugendliche sind also nach wie vor in einer Notlage, auch nach dem vermeintlichen Ende der Corona-Pandemie. „Queere Jugendliche sind seit einigen Jahren in einem Dauerkrisenmodus. Dazu kommt eine große Form von Pessimismus hinzu und das Gefühl, dass sich die Gesellschaft immer weiter polarisiert und auseinanderdriftet.“ Bevor die emotionale Abwärtsspirale mitsamt Begleiterscheinungen wie Angststörungen oder Depressionen immer mehr an Fahrt aufnimmt, gilt es, gegenzusteuern – ein wesentlicher Aspekt ist dabei die queere Community selbst. „Es hilft sehr, wenn queere Jugendliche merken, sie können selber etwas in einem kleinen Bereich verbessern oder verändern, beispielsweise, indem sie sich in einer queeren Jugendgruppe engagieren.“
Ein anderer wichtiger Punkt ist das Internet: „Die Profile von queeren Influencer:innen online sind superwichtig für queere Jugendliche – da geht es um Rollenvorbilder, wer ist mir ähnlich, wer nicht, wie machen die das, wie mache ich das? Wenn queere Jugendliche da Menschen treffen, die ein wenig so sind wie sie und sie erleben können, dass die das schaffen, dann ist das eine wichtige positive Bestätigung“, bekräftigt Norenkemper. Dabei sei es allerdings besonders wichtig, dass die Influencer:innen realistisch über ihr Leben berichten und vielleicht auch einmal Dinge ansprechen, die nicht klappen, oder die ihnen zu schaffen machen. Bei reinen Fun- und Heile-Welt-Profilen bleibt der Mehrwert für queere Jugendliche aus.
Zudem rät das Team von Coming Out Day queeren Jugendliche, besonnen soziale Medien zu nutzen – gerade auch beim Coming-Out. „Bestenfalls immer zweimal überlegen, ist das jetzt das, was ich wirklich hinaus in die Welt schicken möchte oder vielleicht doch nicht?“ Einige Jugendliche stecken online so tief in ihrer queeren Bubble, dass sie manchmal verkennen, wie viel Hass es außerhalb tatsächlich gibt. Kommt es trotzdem zu digitalen Angriffen, wünscht sich Norenkemper, dass junge Queers sich trauen, solche Dinge immer anzuzeigen – dank digitalen Anzeigeportalen von Polizei und Staatsanwaltschaft geht das heute sehr einfach.
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Ursachen für Zunahme von Hate Speech
Trotzdem bleibt eine Frage noch unbeantwortet – warum nimmt der Hass online zu? Warum fällt er offenbar immer mehr auf fruchtbaren Boden? Warum haben gerade rechte Agitator:innen anscheinend leichtes Spiel damit, Themen von der Homo-Lobby bis zur Frühsexualisierung so hoch zu hypen?
„Die AfD und rechte Gesinnungen sind meiner Meinung deswegen so populär geworden, weil sich unsere Welt gerade in einem Wandlungsprozess befindet. Viele alte Wahrheiten von damals scheinen heute nicht mehr zu gelten, dabei ist es noch immer nicht klar, wohin sich alles entwickeln wird – von Energie über Arbeit und Gesundheit oder auch Migration. Nichts scheint mehr sicher und in Zeiten der Unsicherheit sehnen sich viele Leute offenbar nach einfachen Antworten. Und bei einfachen Antworten geschieht es immer, dass Minderheiten zur Angriffsfläche werden. Es werden Sündenböcke gesucht – und das sind derzeit besonders gerne queere junge Menschen.“
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