Macrons Fehler: Droht Frankreich ein Extremisten-Machtantritt?
VonStefan Brändle
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Der erste Regierungssturz seit 1962 trifft Frankreich hart. Der französische Staatspräsident kann die Krise nicht meistern – und fördert so extreme Parteien.
Als wäre nichts: Mit blütenweißem Hemd und strahlendem Lachen besuchte Emmanuel Macron am Mittwoch eine Oase in Saudi-Arabien, wo er sich gerade zum Staatsbesuch aufhielt. Im 4000 Kilometer entfernten Paris trat derweil die Nationalversammlung zusammen, um der Regierung des Präsidenten das Vertrauen zu entziehen und Premier Michel Barnier seinerseits in die Wüste zu schicken.
Der erste Regierungssturz seit 1962 trifft Frankreich hart und unvorbereitet. Das Problem an der Staatsspitze, der sonst so soliden französischen Republik, nimmt besorgniserregende Ausmaße an. Doch wie König Ludwig XVI. vor der Revolution von 1789 sieht der amtierende Präsident nicht, was auf Frankreich zukommt: eine Regierungskrise, flankiert von einer Wirtschaftskrise.
Macron weiter unter Druck: Frankreichs Regierung stürzt erstmals seit 1962
Langfristig droht nach den verpatzten Neuwahlen von Juni und dem Regierungssturz dieser Nacht ein baldiger Machtantritt politischer Extremisten in Paris: Marine Le Pen auf der Rechten oder Jean-Luc Mélenchon auf der Linken.
Der französische Präsident erkennt nicht, wie unpopulär und politisch isoliert er ist – und wie sehr es Le Pen und Mélenchon eilt. Der nächste Regierungssturz ist programmiert. Er müsste einen verantwortungsvollen Nachfolger oder eine Nachfolgerin aufbauen, er müsste die moderateren Parteien in eine Allianz führen. Er müsste all jene Parteien, die guten Willens sind, zu Round-Table-Gesprächen im Elysée einladen – Sozialisten und Grüne, Zentrumsdemokraten und konservative Republikaner und natürlich die Abgeordneten seiner Partei.
Macron zunehmend isoliert: Kann ein „Nichtaggressionspakt“ Frankreich retten?
Sein früherer Premier Gabriel Attal und Sozialistenchef Olivier Faure haben unabhängig voneinander eine Art „Nichtaggressionspakt“ vorgeschlagen: Die Zentrumsparteien würden sich demnach – und wie es die deutschen Parteien vormachen – auf eine Art Koalitionsvertrag einigen; zugleich würden sie sich verpflichten, die neue Regierung nicht gleich mit einem neuen Misstrauensantrag zu Fall zu bringen.
Nichts von dem geschieht. Vielleicht verweigert sich Macron den Prozessen einer modernen Demokratie auch deshalb, weil er um sein politisches Erbe fürchtet – die Rentenreform, die das Pensionsalter von 62 auf 64 Jahre hochschraubt.
Nach Regierungssturz: Frankreich kämpft mit politischem und wirtschaftlichem Chaos
Die Sozialisten verlangen den Rückzug, die Macronisten halten daran fest. Aber eine Lösung wäre mit etwas gutem Willen möglich. Und nötig. Allein deshalb, weil der Schock des Regierungssturzes allen Beteiligten in den Knochen sitzt: Vielen geht erst langsam auf, dass die gravierenden Wirtschafts- und Finanznöte Frankreichs durch den Rauswurf des Veteranen Michel Barnier nur noch verstärkt werden.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Doch Macron, der sich auch schon als „Jupiter“ bezeichnete und sich weiter als solcher wähnt, will die Geschicke seines Landes weiterhin selber leiten und allein bestimmen. Das Parlament stört ihn dabei nur. Doch je länger Macron allein an sich denkt, das heißt an die Frage, wie er sich bis 2027 im Elysée halten kann, desto stärker wird die radikale Opposition zur Rechten oder Linken, also durch Le Pen und – in minderem Maße – Mélenchon.
Le Pen und Mélenchon im Aufwind: Opposition profitiert von Macrons Schwäche
Beide denken nationalistisch, protektionistisch und zudem putinfreundlich. Beide wären verheerend für die ohnehin geschwächte Europäische Union. Und beide sind derzeit im Aufwind, weil sie von der Schwäche des Präsidenten profitieren, von seiner Unfähigkeit, die Parteien oder Sozialpartner ernst zu nehmen und mit ihnen einen demokratischen Austausch zu pflegen.
Le Pen und Mélenchon stehen in den Startlöchern für das Rennen ins Elysée. Doch Macron sieht die Gefahr nicht oder will sie nicht sehen. Er merkt nicht, dass er, der große Problemlöser von 2017, heute selbst das Problem ist und einer Lösung im Wege steht.