VonStefan Brändleschließen
Herzliche Zwietracht bei Europas Rechten: Jeder hält sich für etwas Besseres. Marine Le Pen denkt da strategisch – und handelt feudal.
Paris – Eigentlich müsste sich Marine Le Pen mit Alice Weidel bestens verstehen: Beide politisieren am rechten Rand und können bei der Europawahl am 9. Juni mit einem Erfolg rechnen. Im Europaparlament sitzen sie auch in derselben Fraktion, „Identität und Demokratie“ (ID).
Doch die zwei rechten Frauen können nicht miteinander. Die Gründerin des französischen „Rassemblement National“ (RN) sieht die Fraktionschefin der Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag eher als Hindernis für ihre Absicht, sich ein moderates Image zu geben. Als AfD-Mitglieder an der berüchtigten Debatte über die „Remigration“ von – sogar eingebürgerten – Eingewanderten teilnahmen, verlangte Le Pen von Weidel eine schriftliche Distanzierung.
Le Pen würde sich im Europaparlament gerne von der AfD lossagen
Die Deutsche gestand in einem Brief dann nur einen „Übersetzungsfehler“ zu. In ihrer Partei wurde Kritik laut, Le Pen benehme sich schulmeisterlich – und überdies reichlich heuchlerisch. „Rückschaffung“ sei nämlich auch für Frankreichs Rechte ein Thema. Der Pariser RN-Abgeordnete Serge Federbusch hatte sich zum Beispiel klar für Remigration von nicht französischen Menschen ausgesprochen. Er forderte die Grünen-Chefin im Pariser Stadtrat, Fatoumata Koné, über die sozialen Medien voller Sarkasmus auf, nach Westafrika zurückzukehren: „Die einzige Lösung ist die Remigration, die deinige eingeschlossen.“
Solche Sprüche zeigen, dass Le Pen ihre Partei kaum auf gemäßigtem Kurs halten kann. Im Europaparlament würde sie sich gerne von der AfD lossagen. Aber: Der Übertritt in die weniger radikalen Konservativen und Reformer (EKR), wo die polnische PiS und die Fratelli d’Italia von Italiens Giorgia Meloni den Ton vorgeben, ist Le Pen aber faktisch verschlossen. Denn dort ist kürzlich schon die französische Partei Reconquête von Eric Zemmour eingetreten. Und mit Zemmour liegt Le Pen auch über Kreuz.
Le Pen überwirft sich mit ihren Verbündeten wie Weidel oder Zemmour
Einfach gesagt: Die RN-Gründerin kann nicht in die EKR-Fraktion eintreten, will aber auch nicht neben der AfD in der ID-Fraktion bleiben. Das Dilemma rührt letztlich daher, dass sich Le Pen selbst mit ihren Verbündeten wie Weidel oder Zemmour systematisch überwirft. Mit Meloni kann sie ebenfalls nicht – vielleicht weil ihr die erfolgreiche Italienerin die Schau stiehlt.
Diese Unfähigkeit zu Allianzen rührt wohl vom fast schon aristokratischen Dünkel der Le-Pen-Dynastie, die in einer Villa im noblen Westen von Paris groß geworden ist und sich zu gut fühlt für gleichberechtigte Wahlbündnisse. Marine Le Pen gibt lieber Weidel Instruktionen, schaut auf Meloni herab und rivalisiert mit Zemmour. Deshalb will sie mit allen Mitteln Staatspräsidentin werden: Im Élysée-Palast müsste sie die Macht mit keinen lästigen Partnern mehr teilen. (Stefan Brändle)
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