FDP-Mann Christian Dürr bemüht sich, die Wogen gegenüber den Grünen zu glätten. Das Veto für das europäische Verbrenner-Aus verteidigt er auf kreative Weise.
Hamburg - Während der Corona-Pandemie war er der Dauer-Stargast bei „Markus Lanz“: 2021 war Karl Lauterbach (SPD) elfmal im ZDF-Talk, im Jahr davor sogar 17 Mal. Getoppt wurde der Mediziner 2021 bloß vom stellvertretenden Chefredakteur der Welt, Robin Alexander.
Nun polarisiert ein anderer Politiker auf Lauterbachs Spuren. Und das, obwohl er in Teilen wie ein Gegenentwurf daherkommt. Christian Dürr ist politisch gelb statt rot und kommt eher als Pragmatiker daher, denn als Theoretiker. Der FDP-Fraktionschef versteht es, markige Aussagen zu setzen. Allerdings gerät im Talk zwischenzeitlich auch deutlich unter Druck.
Markus Lanz – diese Gäste diskutieren am 25. April mit:
- Christian Dürr (FDP) – Fraktionsvorsitzender im Bundestag
- Felix Lee – Journalist und China-Experte
- Kerstin Münstermann – Journalistin bei der „Rheinischen Post“
- Isabella Weber - Ökonomin
Am Anfang stand aber eine Offensive. „Die Letzte Generation sind Selbstdarsteller, ihnen geht es nicht um das Klima, sondern um Auffallen und Stören“, rügt Dürr am Dienstagabend (25. April) bei „Lanz“. Die Klimafrage sei für die Aktivisten also zweitrangig. Deswegen sagt Lanz ungläubig: „Die gehen dafür ins Gefängnis…“ Aber Dürr bleibt bei seiner These. Er lobt das Engagement von Fridays For Future und fragt sich mit Blick auf die Letzte Generation plakativ „wo das Ziel ist“.
„Markus Lanz“: Letzte Generation polarisiert im ZDF-Talk - Schlägt die Stimmung um?
Der China-Experte Felix Lee widerspricht Dürr. Natürlich könne man über die Form des Protests streiten, sagt er. „Wenn mal wieder eine Flutkatastrophe passiert, sind wir uns alle einig, dass wir mehr für das Klima tun müssen, aber im Alltag merkt man davon nichts. Die sind verzweifelt.“ Journalistin Kerstin Münstermann von der Rheinischen Post gibt zu bedenken, dass die Stimmung immer weiter umschlägt: „Die Aktivisten in Berlin waren froh, dass die Polizei da war, um sie vor den Autofahrern zu schützen.“
Lanz lehnt sich rüber zu Dürr. „Geht es Ihnen um das Klima oder um Umfragen?“ Dürr beteuert die Bedeutung des Klimas. „Haben Sie dem Verbrenner-Aus in der EU deswegen in die Speichen gegriffen, weil Ihnen das Klima so wichtig ist?“, fragt der Moderator. Verbrennermotoren müssten klimaneutral werden, fordert Dürr daraufhin.
Dürr in Auto-Streit bei „Lanz“: Menschen im ländlichen Raum nicht aus Städten verbannen
Lee schüttelt den Kopf. „Es gibt so viele Vorbilder für die Verkehrswende“, sagt er und nennt Tokio als Beispiel. Wer dort ein Auto besitzen möchte, müsse einen Parkplatz nachweisen. Dieser koste allerdings 800 Euro im Monat, „deswegen gibt es kaum Autos und der Verkehr fließt“. Sein Appell an Dürr: „Das sind Maßnahmen, die sind gar nicht mal so schwer.“ Erwartungsgemäß hält Dürr von dieser Idee nicht viel. Er gibt zu bedenken, dass 60 Prozent der Deutschen im ländlichen Raum wohnten. „Diese Leute sind auf das Auto angewiesen und ich finde falsch, diese Menschen aus den Städten zu verbannen.“
Zuletzt hatte Bijan Djir-Sarai, der Generalsekretär der FDP geurteilt: „Das Sinnieren über Null-Wachstum und Wohlstandsverzicht mag links-grüne Stuhlkreise faszinieren.“ Lanz möchte von Dürr wissen, ob es seine Idee ist, dass „die Grünen der Hauptgegner sind“ und Habeck der „Satan mit der Wärmepumpe“. Dürr holt aus: „Die Frage könnte den Eindruck erwecken, als ginge es um irgendeine Show. Bei der Heizfrage sind fast 80 Millionen Menschen betroffen. Das ist eine reale Betroffenheit und wenn man sagt ‚So kann es nicht laufen‘, dann ist es eine Frage, ob man Menschen ernst nimmt mit ihren Sorgen.“
„Markus Lanz“: ZDF-Talk zum Heizungs-Streit - „Eindruck, Habeck reißt persönlich die Heizung raus“
Lanz lässt nicht locker und spricht Dürr auf Robert Habecks Gebäudeenergiegesetz an. „Sie sprachen von einem Heizungsverbotsgesetz, warum tun Sie das?“ Dürr hält sich bedeckt, er sagt ausweichend: „Dieser Vorschlag hat Menschen ja reihenweise in Sorge versetzt.“ Der Eindruck sei entstanden, dass man funktionierende Heizungen nicht mehr weiterbetreiben kann, sondern sie rausreißen muss. „Haben Sie gesagt, ‚es ist der Eindruck erweckt worden“, fragt Lanz süffisant. „Das heißt übersetzt, es stand da nie drin?“ „Stand‘s drin?!“, insistiert er immer wieder auf Dürrs Klärungsversuch.
„Ja, es stand drin - das war die Lesart vieler Versorger“, erwidert der FDP-Politiker unter Lachen Lanz‘. Allerdings unterstreicht auch Münstermann: „Tatsächlich wurde in dem ersten Vorschlag der Eindruck erweckt, dass Herr Habeck persönlich bei Ihnen steht und Ihre Heizung rausreißt. Das hat dann jeder für sich politisch genutzt.“
Zum Thema Wärmepumpen brachte Felix Lee eine interessante Information mit. Das Unternehmen Viessmann, deutscher Marktführer im Heizungsbau mit Sitz im hessischen Allendorf (Eder), wolle seine Wärmepumpen-Sparte an ein amerikanisches Unternehmen verkaufen.
Hintergrund: Viessmann sagt, dass der Wärmepumpen-Markt aus China überschwemmt werden wird und ein deutsches Unternehmen dort nicht mithalten könne. Bei der Produktion von Fotovoltaik-Anlagen sei es ähnlich gelaufen, erinnert Lee. Inzwischen kämen über 80 Prozent dieser Anlagen aus China.
Markus Lanz im Zweiten – Das Fazit der Sendung:
Christian Dürr hat sein Pulver bereits zu Beginn gegenüber der Letzten Generation herausgeblasen. Danach bemühte er sich um Harmonie und wollte nicht viel wissen von einem Streit mit den Grünen. Auch das Veto gegen das Verbrenner-Aus argumentierte er in einen mundgerechten Happen ab: Es gehe der FDP eigentlich bloß darum, die Technologie zu fördern. Der Journalist Felix Lee bereicherte die Runde mit interessanten Fakten und gewagten Thesen. (Christoph Heuser)
