VonKathrin Reikowskischließen
Die Mehrheit der Norddeutschen will laut einer NDR-Umfrage die Bundeswehr-Wehrpflicht zurück. Interessant ist, wer sich dagegen ausspricht.
Hamburg - Es ist eine Umfrage mit knapp 20.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die der NDR durchgeführt hat: Darin befürworten 66 Prozent der Befragten die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland. Nur etwa 33 Prozent sprachen sich damit dagegen aus. Auffällig auch: 73 Prozent der Befragten in der NDR-Umfrage waren dafür, dass auch Frauen Wehrdienst leisten sollten.
Während Männer hier zwar häufiger zugestimmt hätten, seien immerhin auch zwei Drittel der Frauen dafür gewesen. Als Argument wird die Gleichberechtigung herangezogen - einige verweisen allerdings in den Kommentaren auf die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt, den diese durch eine höhere Belastung bei der Kindererziehung hätten. Laut NDR liegt der Frauenanteil in der Truppe derzeit bei 13 Prozent. Die Antworten zur Umfrage stammen aus der Community #NDRfragt, zu der sich laut NDR etwa 40.000 Menschen aus dem Norden Deutschlands angemeldet haben.
Wehrpflicht: Mehrheit der unter 30-Jährigen lehnt Wiedereinführung ab
„Ich bin für die Wiedereinführung der Wehrpflicht, weil die Bedrohung durch Staaten wie Russland, China und den Iran deutlich zugenommen hat.“, schreibt ein 67-jähriger Teilnehmer aus Schleswig-Holstein. Sieht man sich die Aufteilung der Pro- und Kontra-Stimmen an, ergibt sich ein etwas differenzierteres Bild: Die unter 30-Jährigen lehnen die Wiedereinführung der Wehrpflicht mehrheitlich (56 Prozent) ab. Unter ihnen wäre demnach auch nur ein Drittel bereit, selbst einen Wehrdienst zu leisten.
Umfrage: Das sind die Argumente für oder gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht
Gefragt nach den Gründen für eine Zustimmung zur Wiedereinführung der Wehrpflicht, antworten die Teilnehmenden mit:
- wichtige persönliche Erfahrung für junge Rekruten (61 Prozent)
- Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft (53 Prozent)
- zunehmende Bedeutung für den Katastrophenschutz (50 Prozent)
- starke Verbindung von Bundeswehr und Gesellschaft (36 Prozent)
Einen Angriff Russlands auf die NATO innerhalb der nächsten Monate halten die Befragten laut NDR für nicht wahrscheinlich. Dennoch sehen es zwei Drittel so, dass sich Deutschland in Sachen Verteidigung nicht auf die NATO verlassen solle. Über 80 Prozent halten es nicht für notwendig, dass die BRD über eigene Atomwaffen verfügt.
Gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht spricht laut den Befragten vor allem eines: Die Bundeswehr könne dafür nicht genügend Kapazitäten haben. Oder auch: „Ich bin gegen die Wehrpflicht, da ich meine Kinder nicht bekommen habe, damit sie für den Staat in den Krieg ziehen. Ich bin gegen jeglichen Zwang. Wer freiwillig zur Bundeswehr als Zeitsoldat gehen möchte, kann das gerne tun“, schreibt ein 48-Jähriger aus Schleswig-Holstein.
Wehrpflicht - Wiedereinführung wird in der Politik diskutiert
Auch in der Politik wird die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht bereits geführt. „Rückblickend als Fehler“ bezeichnet Bundesverteidigungsminster Boris Pistorius (SPD) hat die Abschaffung der Wehrpflicht. Im Januar ließ Pistorius eine Einführung nach schwedischem Modell prüfen, wonach alle jungen Männer und Frauen gemustert werden Parteikollege Lars Klingbeil kann grundsätzlich zustimmen, würde aber zugleich die sozialen Freiwilligendienste aufwerten. Die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl (SPD), hat sich für die Einberufung eines Bürgerrats ausgesprochen, um dort über neue Formen eines Dienstjahres für die Gesellschaft zu beraten - ob bei der Bundeswehr oder auch in anderen Bereichen.
„Das Thema gehört in den Bundestag und in die Mitte unserer Gesellschaft“, meinte Högl Mitte Februar. Dazu kam eine Gegenreaktion der Union, die sich aber grundsätzlich für eine Wiedereinführung der Wehrplicht in der Bundeswehr ausspricht. „Natürlich ist eine Debatte um ein Gesellschaftsjahr oder die Reaktivierung der Wehrpflicht sinnvoll, ja sogar erforderlich und überfällig“, erklärte der verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, Florian Hahn (CSU), zu Högls Vorstoß. „Bürgerräte sind dafür aber das völlig falsche Instrument.“ Die Wehrpflicht hatte es bis zum Jahr 2011 gegeben, 50 Jahre lang hatte sie Bestand. Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine muss Pistorius die Debatte aber wieder führen. (dpa/kat)

