Reportage

Vor New York stehen die Russen: Einblick in das Leben in Novhorodske

Ein ukrainisches Städtchen mit einem merkwürdigen Namen sehr nahe der Front: Hier paart sich das Elend der Sowjetzeit mit dem des Krieges. Und die Erinnerungen an eine kurze Zukunft, die nicht mehr ist, stirbt mit den letzten Menschen dort. Von Till Mayer.

Nju-Jork – Die russische Armee steht kurz vor New York. Keine vier Kilometer sind es vom Stadtrand zur Front. Doch die gegnerischen Schützengräben sind nicht überwunden. So bleibt New York, Kleinstadt in der Region Donezk, in ukrainischer Hand. Seit 2014 wird hier gekämpft. Der groß angelegte Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat die „Siedlung mit städtischem Charakter“, so die offizielle Bezeichnung, in eine Geisterstadt verwandelt.

Eine russische Besatzung, für Victoria wäre das die Katastrophe. „New York ist ukrainisch“, sagt sie. Im Hintergrund wummert die Artillerie. Setzt sie für längere Zeit aus, dann hört Victoria erst recht genau hin. Es muss nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein. Erst vor gut zwei Wochen schlug wieder eine russische Rakete ein, ein Flugzeug warf Bomben. Unter anderem ein dreistöckiges Wohnhaus bestand danach nur noch aus Trümmern. Eine Ruine mehr in der Kleinstadt.

Seit 2014 ist New York Frontstadt. Für kurze Zeit, von Mai bis Juli 2014, stand die Siedlung unter der Kontrolle russischer und pro-russischer Verbände. Der Krieg vor der Stadt wurde in den fast zehn Jahren für die Bewohnerinnen und Bewohner zum Alltag. Rund 10 000 Menschen mussten lernen, mit ihm zu leben. So wie mit dem neuen beziehungsweise alten Namen. New York erhielt 2021 seine ursprüngliche Benennung zurück. Die Sowjets hatten „New York“ 1951 in Novhorodske (Neue Stadt) umgetauft. „New York“, das klang allzu sehr nach Klassenfeind.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Ein ukrainisches Städtchen namens „New York“: Woher kommt der Name?

Woher der Name „New York“ stammt, weiß keiner so recht. Waren es Verbindungen eines Geschäftsmanns nach New York? Oder stammt der Name von den deutschstämmigen Mennoniten: „Neu Jork“? Ging beim Übertrag vom Lateinischen ins kyrillische Alphabet etwas schief? „Die deutschen Siedler hatten hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Fabrik gegründet, eine Ziegelbrennerei und eine Mühle“, sagt Victoria. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es elektrischen Strom, ein Hotel, ein Buchgeschäft, eine Bank, ein Telegraphenamt und je eine Schule für Jungen und Mädchen. „New York“ boomte mit der Industrialisierung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die deutschstämmige Bevölkerung von Stalins Häschern deportiert: die meisten weit in den Osten der Sowjetunion, an den Amur, Tausende Kilometer entfernt.

An die deutschen Siedler:innen erinnert das Haus, in dem Victoria wohnt. „Sehr solide gebaut. Für mich ein wichtiges Stück Geschichte unserer Stadt. Ich denke oft an die Menschen, die hier einmal gelebt haben“, sagt die 65-Jährige. Sie steht am Gartenzaun. Im Hintergrund das einfache einstöckige Haus aus roten Vollziegeln. Drum herum viel Wiese und kahle Obstbäume, deren schwarze Äste in den klaren Winterhimmel ragen. Daneben die Reste einer Mauer, die Trümmer eines ehemaligen Stalls und verkohlte Holzbalken. Das Nachbarhaus stammte ebenfalls von Deutschstämmigen. Als am 9. Mai 2022 auf dem Roten Platz in Moskau die obligatorischen Panzer über Pflaster und Asphalt zur Siegesparade ratterten, schlug eine russische Granate dort ein.

Außerhalb von New York wartet die ukrainische Artillerie auf Munition.

Victorias Kinder leben nicht in der Ukraine – doch sie will bleiben

„Die Nachbarn waren zum Glück nicht im Haus. Aber dem Hund hat die Explosion den Kopf abgerissen. Es war furchtbar. Der Beschuss war bei weitem nicht der einzige“, berichtet Victoria. Sie erzählt davon, wie Wände wackelten und Fenster vibrierten, als Granaten im Umkreis einschlugen. Wie sie einmal auf allen Vieren kroch, als man unter Beschuss lag.

Victoria liebt Hunde, sie hat zwei. Bijm ist ein mittelgroßer weißer Mischlingshund, der gerne die dunkle Gartenerde auf Hosen verteilt, wenn er Menschen freudig anspringt. Susha ist der ruhige Gegenpol mit Schäferhund-Genen. „Kommen Sie!“, bittet Victoria. Die Hunde freuen sich über den Auslauf. Es dauert ein paar Minuten. Vorbei an zwei weiteren Ruinen, an Hauswänden, die Schrapnelle gezeichnet haben, bis zu einem vergleichbar imposanten Gebäude, in dunklem Weinrot gestrichen. Das „deutsche Haus“ nennt es Victoria. Aaron Thiessen hat es 1910 als Konsumgebäude erbauen lassen, heißt es auf einer schwarzen Granitplatte neben den beiden Flügeln einer grauen Stahltür. Die hängen verriegelt, aber nicht mehr so ganz gerade im Rahmen. Daneben, links und rechts, und im Stockwerk darüber starren Fensterhöhlen mit zersplittertem Fensterglas auf die Straße. Gegenüber stehen ein altes Fabrikgebäude und die ehemalige Mühle. Sie haben Treffer abbekommen, die Druckwelle ließ die Fenster im „deutschen Haus“ bersten.

„Es war 2019 so schön zum Kulturzentrum umgebaut worden, dann begann die Invasion“, berichtet Victoria. Das Gebäude hätte für Leben stehen sollen. Leuchtend frisch gestrichen in einer grauen Zone zwischen Frieden und Krieg. Zwischen 2014 und 2021 starben 16 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt durch Beschuss, über 100 Häuser wurden schon vor der großen Invasion 2022 beschädigt. „Trotzdem sind die meisten Menschen geblieben“, sagt Victoria. 2021 machte das ukrainische New York von sich reden. „Es gab ein großes Literaturfestival“, erzählt Victoria. Schriftstellerin Victoria Amelia hatte es ins Leben gerufen. Sie starb am 27. Juli 2023 in Kramatorsk durch den Einschlag einer russischen „Iskander“-Rakete. Das Zentrum des Festivals in New York ist durch Beschuss heute schwer beschädigt.

„So schnell wird es wohl kein Festival mehr geben“, seufzt Victoria. Heute ist New York eine gespenstisch leere Stadt. Fast 90 Prozent der Menschen dürften seit Ende Februar 2022 Richtung westlicher ukrainischer Gebiete oder ins Ausland geflohen sein. Die Versorgung mit Strom und Wasser, das ist nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Ein Sohn von Victoria lebt seit Jahren in Schweden. „Zum Glück, das hier ist nichts mehr für die Jugend“, seufzt die Rentnerin. Sie ist froh, dass er die mageren Renten von ihr und ihrem Mann mit Überweisungen ein wenig aufbessert. „Mit dem, was wir im Garten anpflanzen, kommen wir dann klar. Ich will bleiben. Hier ist mein Haus und meine Heimat“, sagt die New Yorkerin.

Victoria mit ihren Hunden vor dem zertrümmerten Kulturzentrum.

Trotz Bombardements: „Einige sind immer noch für die Russen“

Das Städtchen könnte auch nach dem Krieg als Filmkulisse für die Sowjet-Zeit dienen. Kaum Reklame, graue, gemauerte Wohnblocks, mindestens 60 oder 70 Jahre alt. Bis auf die Geräusche des Kriegs herrscht eine bedrückende Stille. Es gibt noch Lebensmittel-Läden in der Stadt. Auch Victoria hat früher in einem Geschäft gearbeitet. „Es gab alles, vom Fahrrad bis zum Fernseher“, sagt sie und lacht. Das Geschäft ist schon lange Vergangenheit. Jetzt kann ein Einkauf Victorias im Tante-Emma-Laden im oberen Teil der Stadt mit einem handfesten Streit enden. „Einige sind immer noch für die Russen. Ich sage ihnen: Seid ihr denn verrückt? Sie beschießen uns jetzt schon seit zehn Jahren.“ Victoria schüttelt ärgerlich den Kopf. „Aber immerhin können wir uns gegenseitig sagen, was wir wollen. Das ist Freiheit, die es in Russland nicht gibt“, sagt Victoria mit Bestimmtheit und verabschiedet sich.

Galina hätte vermutlich wenig Lust auf Streitgespräche. Ihr fehlt die Kraft dazu. Der Weg zu ihr führt an einer verlassenen Tankstelle und der ebenfalls verlassenen Ethanol-Fabrik vorbei, dann über eine Brücke. Irgendwo steht ein kleines, windschiefes Häuschen. Hier lebt die 73-Jährige. Das Leben hat es nie allzu gut mit ihr gemeint. Sie arbeitete zu Sowjetzeiten in einem Chemie-Kombinat. Die Dämpfe fraßen sich in ihre Lunge, mit 45 war sie schon nicht mehr arbeitsfähig und Frührentnerin. Sie muss schnell nach Luft ringen, wenn sie ihrem Körper zu viel zumutet.

Galina versorgt ihre Katzen, die „so guten und unschuldigen Wesen“.

Ukraine-Krieg: „Es ist nicht Gottes Wille, dass so viele unschuldige Menschen sterben müssen“

Mit den wenigen Ersparnissen kaufte sie sich die kleine Ein-Zimmer-Kate in New York. „Ich stamme aus Russland. Aber von meiner Familie lebt niemand mehr. Kinder habe ich keine. Hier in New York ging es mir gut, auch wenn ich nicht viel hatte“, sagt die Rentnerin. „Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass es diesen furchtbaren Krieg gibt“, fügt sie hinzu. Vielleicht hat sie sich deswegen gerade dem Glauben in einer protestantischen Kirche zugewandt. „Es ist nicht Gottes Wille, dass so viele unschuldige Menschen sterben müssen. Ich bete jeden Tag, dass es damit vorbei ist. Dass endlich Frieden kommt“, sagt sie. Dann füttert sie ihre Katzen. 17 Tiere versorgt sie. „Das sind so gute und unschuldige Wesen“, meint sie und nimmt gleich zwei Vierbeiner in den Arm.

Ein Blick von ihrem Häuschen führt direkt zu einer Anhöhe mit dem alten Friedhof. Ein Grabdenkmal aus Granit erinnert dort zwischen halb überwachsenen Gräbern an Maria Janzen, die dort 1905 beerdigt wurde. In der Nachbarschaft hält ein schimmernder Rotarmist Wacht auf dem Kriegerdenkmal. Der Ausblick reicht über New York bis nach Horliwka, das unter russischer Kontrolle ist, und nach Torezk, dass die Ukrainer halten.

Dann die Geräusche eines Jets. Der Flieger wirft ab. Eine schwarze Rauchwolke steigt von der Front her auf. Der Pilot nimmt Kurs auf das nahe Torezk. Ein gewaltiger Schlag, als in der nahen Stadt ein Wohnblock getroffen wird. Vier Verletzte, wird später berichtet. Eine riesige braune Rauchwolke steigt auf. Vermutlich werden Victoria und Galina kurz gelauscht haben, als die Bomben detonierten. In New York, Oblast Donezk, keine vier Kilometer von der Front. Ein Tag, wie jeder andere. (Till Mayer)

Rubriklistenbild: © Till Mayer

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