Vor New York stehen die Russen: Einblick in das Leben in Novhorodske
Ein ukrainisches Städtchen mit einem merkwürdigen Namen sehr nahe der Front: Hier paart sich das Elend der Sowjetzeit mit dem des Krieges. Und die Erinnerungen an eine kurze Zukunft, die nicht mehr ist, stirbt mit den letzten Menschen dort. Von Till Mayer.
Nju-Jork – Die russische Armee steht kurz vor New York. Keine vier Kilometer sind es vom Stadtrand zur Front. Doch die gegnerischen Schützengräben sind nicht überwunden. So bleibt New York, Kleinstadt in der Region Donezk, in ukrainischer Hand. Seit 2014 wird hier gekämpft. Der groß angelegte Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat die „Siedlung mit städtischem Charakter“, so die offizielle Bezeichnung, in eine Geisterstadt verwandelt.
Eine russische Besatzung, für Victoria wäre das die Katastrophe. „New York ist ukrainisch“, sagt sie. Im Hintergrund wummert die Artillerie. Setzt sie für längere Zeit aus, dann hört Victoria erst recht genau hin. Es muss nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein. Erst vor gut zwei Wochen schlug wieder eine russische Rakete ein, ein Flugzeug warf Bomben. Unter anderem ein dreistöckiges Wohnhaus bestand danach nur noch aus Trümmern. Eine Ruine mehr in der Kleinstadt.
Seit 2014 ist New York Frontstadt. Für kurze Zeit, von Mai bis Juli 2014, stand die Siedlung unter der Kontrolle russischer und pro-russischer Verbände. Der Krieg vor der Stadt wurde in den fast zehn Jahren für die Bewohnerinnen und Bewohner zum Alltag. Rund 10 000 Menschen mussten lernen, mit ihm zu leben. So wie mit dem neuen beziehungsweise alten Namen. New York erhielt 2021 seine ursprüngliche Benennung zurück. Die Sowjets hatten „New York“ 1951 in Novhorodske (Neue Stadt) umgetauft. „New York“, das klang allzu sehr nach Klassenfeind.
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Ein ukrainisches Städtchen namens „New York“: Woher kommt der Name?
Woher der Name „New York“ stammt, weiß keiner so recht. Waren es Verbindungen eines Geschäftsmanns nach New York? Oder stammt der Name von den deutschstämmigen Mennoniten: „Neu Jork“? Ging beim Übertrag vom Lateinischen ins kyrillische Alphabet etwas schief? „Die deutschen Siedler hatten hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Fabrik gegründet, eine Ziegelbrennerei und eine Mühle“, sagt Victoria. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es elektrischen Strom, ein Hotel, ein Buchgeschäft, eine Bank, ein Telegraphenamt und je eine Schule für Jungen und Mädchen. „New York“ boomte mit der Industrialisierung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die deutschstämmige Bevölkerung von Stalins Häschern deportiert: die meisten weit in den Osten der Sowjetunion, an den Amur, Tausende Kilometer entfernt.
An die deutschen Siedler:innen erinnert das Haus, in dem Victoria wohnt. „Sehr solide gebaut. Für mich ein wichtiges Stück Geschichte unserer Stadt. Ich denke oft an die Menschen, die hier einmal gelebt haben“, sagt die 65-Jährige. Sie steht am Gartenzaun. Im Hintergrund das einfache einstöckige Haus aus roten Vollziegeln. Drum herum viel Wiese und kahle Obstbäume, deren schwarze Äste in den klaren Winterhimmel ragen. Daneben die Reste einer Mauer, die Trümmer eines ehemaligen Stalls und verkohlte Holzbalken. Das Nachbarhaus stammte ebenfalls von Deutschstämmigen. Als am 9. Mai 2022 auf dem Roten Platz in Moskau die obligatorischen Panzer über Pflaster und Asphalt zur Siegesparade ratterten, schlug eine russische Granate dort ein.
Victorias Kinder leben nicht in der Ukraine – doch sie will bleiben
„Die Nachbarn waren zum Glück nicht im Haus. Aber dem Hund hat die Explosion den Kopf abgerissen. Es war furchtbar. Der Beschuss war bei weitem nicht der einzige“, berichtet Victoria. Sie erzählt davon, wie Wände wackelten und Fenster vibrierten, als Granaten im Umkreis einschlugen. Wie sie einmal auf allen Vieren kroch, als man unter Beschuss lag.
Victoria liebt Hunde, sie hat zwei. Bijm ist ein mittelgroßer weißer Mischlingshund, der gerne die dunkle Gartenerde auf Hosen verteilt, wenn er Menschen freudig anspringt. Susha ist der ruhige Gegenpol mit Schäferhund-Genen. „Kommen Sie!“, bittet Victoria. Die Hunde freuen sich über den Auslauf. Es dauert ein paar Minuten. Vorbei an zwei weiteren Ruinen, an Hauswänden, die Schrapnelle gezeichnet haben, bis zu einem vergleichbar imposanten Gebäude, in dunklem Weinrot gestrichen. Das „deutsche Haus“ nennt es Victoria. Aaron Thiessen hat es 1910 als Konsumgebäude erbauen lassen, heißt es auf einer schwarzen Granitplatte neben den beiden Flügeln einer grauen Stahltür. Die hängen verriegelt, aber nicht mehr so ganz gerade im Rahmen. Daneben, links und rechts, und im Stockwerk darüber starren Fensterhöhlen mit zersplittertem Fensterglas auf die Straße. Gegenüber stehen ein altes Fabrikgebäude und die ehemalige Mühle. Sie haben Treffer abbekommen, die Druckwelle ließ die Fenster im „deutschen Haus“ bersten.
„Es war 2019 so schön zum Kulturzentrum umgebaut worden, dann begann die Invasion“, berichtet Victoria. Das Gebäude hätte für Leben stehen sollen. Leuchtend frisch gestrichen in einer grauen Zone zwischen Frieden und Krieg. Zwischen 2014 und 2021 starben 16 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt durch Beschuss, über 100 Häuser wurden schon vor der großen Invasion 2022 beschädigt. „Trotzdem sind die meisten Menschen geblieben“, sagt Victoria. 2021 machte das ukrainische New York von sich reden. „Es gab ein großes Literaturfestival“, erzählt Victoria. Schriftstellerin Victoria Amelia hatte es ins Leben gerufen. Sie starb am 27. Juli 2023 in Kramatorsk durch den Einschlag einer russischen „Iskander“-Rakete. Das Zentrum des Festivals in New York ist durch Beschuss heute schwer beschädigt.
„So schnell wird es wohl kein Festival mehr geben“, seufzt Victoria. Heute ist New York eine gespenstisch leere Stadt. Fast 90 Prozent der Menschen dürften seit Ende Februar 2022 Richtung westlicher ukrainischer Gebiete oder ins Ausland geflohen sein. Die Versorgung mit Strom und Wasser, das ist nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Ein Sohn von Victoria lebt seit Jahren in Schweden. „Zum Glück, das hier ist nichts mehr für die Jugend“, seufzt die Rentnerin. Sie ist froh, dass er die mageren Renten von ihr und ihrem Mann mit Überweisungen ein wenig aufbessert. „Mit dem, was wir im Garten anpflanzen, kommen wir dann klar. Ich will bleiben. Hier ist mein Haus und meine Heimat“, sagt die New Yorkerin.
Trotz Bombardements: „Einige sind immer noch für die Russen“
Das Städtchen könnte auch nach dem Krieg als Filmkulisse für die Sowjet-Zeit dienen. Kaum Reklame, graue, gemauerte Wohnblocks, mindestens 60 oder 70 Jahre alt. Bis auf die Geräusche des Kriegs herrscht eine bedrückende Stille. Es gibt noch Lebensmittel-Läden in der Stadt. Auch Victoria hat früher in einem Geschäft gearbeitet. „Es gab alles, vom Fahrrad bis zum Fernseher“, sagt sie und lacht. Das Geschäft ist schon lange Vergangenheit. Jetzt kann ein Einkauf Victorias im Tante-Emma-Laden im oberen Teil der Stadt mit einem handfesten Streit enden. „Einige sind immer noch für die Russen. Ich sage ihnen: Seid ihr denn verrückt? Sie beschießen uns jetzt schon seit zehn Jahren.“ Victoria schüttelt ärgerlich den Kopf. „Aber immerhin können wir uns gegenseitig sagen, was wir wollen. Das ist Freiheit, die es in Russland nicht gibt“, sagt Victoria mit Bestimmtheit und verabschiedet sich.
Galina hätte vermutlich wenig Lust auf Streitgespräche. Ihr fehlt die Kraft dazu. Der Weg zu ihr führt an einer verlassenen Tankstelle und der ebenfalls verlassenen Ethanol-Fabrik vorbei, dann über eine Brücke. Irgendwo steht ein kleines, windschiefes Häuschen. Hier lebt die 73-Jährige. Das Leben hat es nie allzu gut mit ihr gemeint. Sie arbeitete zu Sowjetzeiten in einem Chemie-Kombinat. Die Dämpfe fraßen sich in ihre Lunge, mit 45 war sie schon nicht mehr arbeitsfähig und Frührentnerin. Sie muss schnell nach Luft ringen, wenn sie ihrem Körper zu viel zumutet.
Ukraine-Krieg: „Es ist nicht Gottes Wille, dass so viele unschuldige Menschen sterben müssen“
Mit den wenigen Ersparnissen kaufte sie sich die kleine Ein-Zimmer-Kate in New York. „Ich stamme aus Russland. Aber von meiner Familie lebt niemand mehr. Kinder habe ich keine. Hier in New York ging es mir gut, auch wenn ich nicht viel hatte“, sagt die Rentnerin. „Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass es diesen furchtbaren Krieg gibt“, fügt sie hinzu. Vielleicht hat sie sich deswegen gerade dem Glauben in einer protestantischen Kirche zugewandt. „Es ist nicht Gottes Wille, dass so viele unschuldige Menschen sterben müssen. Ich bete jeden Tag, dass es damit vorbei ist. Dass endlich Frieden kommt“, sagt sie. Dann füttert sie ihre Katzen. 17 Tiere versorgt sie. „Das sind so gute und unschuldige Wesen“, meint sie und nimmt gleich zwei Vierbeiner in den Arm.
Ein Blick von ihrem Häuschen führt direkt zu einer Anhöhe mit dem alten Friedhof. Ein Grabdenkmal aus Granit erinnert dort zwischen halb überwachsenen Gräbern an Maria Janzen, die dort 1905 beerdigt wurde. In der Nachbarschaft hält ein schimmernder Rotarmist Wacht auf dem Kriegerdenkmal. Der Ausblick reicht über New York bis nach Horliwka, das unter russischer Kontrolle ist, und nach Torezk, dass die Ukrainer halten.
Dann die Geräusche eines Jets. Der Flieger wirft ab. Eine schwarze Rauchwolke steigt von der Front her auf. Der Pilot nimmt Kurs auf das nahe Torezk. Ein gewaltiger Schlag, als in der nahen Stadt ein Wohnblock getroffen wird. Vier Verletzte, wird später berichtet. Eine riesige braune Rauchwolke steigt auf. Vermutlich werden Victoria und Galina kurz gelauscht haben, als die Bomben detonierten. In New York, Oblast Donezk, keine vier Kilometer von der Front. Ein Tag, wie jeder andere. (Till Mayer)