„Ideal-Ergebnis wären 39,9 Prozent“

„Unberechenbar“: In der CDU wächst die Sorge vor dem Kanzler-Söder – Vorentscheid bei Bayern-Wahl?

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Schon zwei Jahre vor der Bundestagswahl dräut der CDU die Gretchenfrage herauf: Söder oder Merz? Warnungen vor Söder wirken bereits stumpf.

Berlin/München – Eigentlich liegt die Bundestagswahl noch keine zwei Jahre zurück. Doch fast scheint es im Sommer 2023, als würden die Landtagswahlen in Bayern und Hessen potenziell nicht nur zu „Midterms“, zum oft strafenden Zwischenzeugnis zur Regierungshalbzeit – sondern auch zu einer Weichenstellung für den nächsten Urnengang auf Bundesebene. Der Grund für diese Annahme hat einen Namen: Markus Söder.

Mit einer Mischung aus „Was wäre gewesen, wenn“-Schmerz und einem Schauder vor einem schwesterparteieigenen Abgrund scheinen CDU und CSU auf die selbstzerstörerische Kanzlerkandidatenkür 2021 zurückzublicken. In der CDU trauen sie Söder zudem fast alles zu – das haben mehrere Parteivertreter dieser Tage anonym, aber wohl nicht ganz zufällig den größeren Medien im Lande gesteckt. Ein möglicher Treppenwitz dabei: In ein paar wichtigen Fragen schien zuletzt CDU-Chef Friedrich Merz unberechenbarer als Söder.

Söders Bayern-Wahl als Vorentscheidung in der K-Frage der CDU? „Ideal-Ergebnis wären 39,9 Prozent“

Söder freilich hatte zuletzt immer wieder alle Kanzlerambitionen von sich gewiesen. Gerade erst wieder im ARD-„Sommerinterview“. Doch gerade darin sähen „CDU-Politiker und -Strategen eher einen Beweis für“ den Kandidatur-Willen des Bayern, schrieb am Freitag der Berliner Tagesspiegel. Immerhin war Söder 2020/21 ja genauso vorgegangen. Kaum einer in der CDU-Führung glaube an die felsenfeste Absage, will auch der Spiegel erfahren haben.

Zu lesen war im Tagesspiegel auch die durchaus plausible These, die CDU blicke nun gebannt auf die Landtagswahl in Bayern. „Das Ideal-Ergebnis für die Union wären 39,9 Prozent für die CSU“, zitierte das Blatt einen der besagten, in Galgenhumor geübten „CDU-Strategen“. Alles darüber könnte Söder die sprichwörtlichen Flügel verleihen. Ein Ergebnis unter dem Landtagswahl-Wert von 2018, 37,2 Prozent, könne ebenfalls schädlich sein: Das könne Söder „noch unberechenbarer“ machen, als er es ohnehin schon sei. Die aktuellen Umfragewerte aus Bayern könnten den Christdemokraten also gefallen. Jedenfalls, wenn sie es nicht mit Söder halten.

Bayern-Wahl: „Dann wird sich Söder wieder ins Gespräch bringen“

Genau das taten aber 2021 so einige in der Schwesterpartei – auch eine turbulente Aussprache im Bundestags-Plenum dürfte sich ins kollektive Gedächtnis von CDU und CSU eingebrannt haben. Ohnehin ist da aber die Frage, ob nicht ein bisschen Erfolg für Söder schon reichen würde: „Sollte die bayerische Landtagswahl ordentlich für die CSU laufen, so lautet der Tenor in der großen Schwesterpartei, wird sich Söder wieder ins Gespräch bringen“, heißt es beim Spiegel.

Wer zuletzt lacht... Markus Söder Ende Juni bei einer Pressekonferenz mit Friedrich Merz in München.

Was heißen kann, aber nicht muss, dass der bayerische Ministerpräsident auch als Kanzlerkandidat aus den folgenden monatelangen „Gesprächen“ hervorgehen würden. An mahnenden Stimmen mangelt es wohl nicht. Es kursiere in der CDU sogar die Warnung, man dürfe „Söder nicht das politische Schicksal Deutschlands überlassen“, schreibt der Tagesspiegel. Als Beleg dienten das Vorgehen im Ringen mit Armin Laschet ebenso wie „charakterliche Defizite“ – das von Horst Seehofer geprägte und seitdem viel zitierte Wort der Söder‘schen „Schmutzeleien“ macht weiter die Runde.

Söder, Merz und die Kanzler-Frage: „Unberechenbar“ – aber der CDU-Chef treibt es noch bunter

Pikanterweise scheint der durchaus zu Meinungsänderungen neigende Söder an einem entscheidenden Punkt aber gefestigter als sein CDU-Amtskollege Friedrich Merz: in Sachen Umgang mit der AfD. 2018 tobte Söder mit Schlagworten wie „Asyltourismus“ durch den Bayern-Wahlkampf – und verbrannte sich die Finger. Hinter diese Lehre will der CSU-Chef aktuell offenbar nicht zurückfallen.

Bei Merz scheint das nicht (mehr) so sicher: Ausgerechnet auf Stippvisite bei der CSU wollte Merz ohrenscheinlich die Union als eine „Alternative für Deutschland mit Substanz“ in Stellung bringen. Etwas später entsetzte er mit dem angedeuteten Willen zur Kommunal-Kooperation mit der AfD nicht nur die politische Konkurrenz, sondern auch die Union. Allen voran die Wahlkämpfer Söder und Boris Rhein, die heftig widersprachen. Auch einen angeblich mit Merz abgesprochenen CDU-Vorstoß zum Asylrecht wischte Söder auffallend schnell beiseite: Das Geschäft der AfD soll aus CSU-Sicht jedenfalls für den Moment besser die AfD verrichten.

Kanzler Söder? Merz verliert wohl an Rückhalt

Auch damit könnte Merz entscheidenden Rückhalt verspielt haben. Ganz abgesehen davon, dass die Union trotz Dauermisere der Ampel-Koalition hauptsächlich als Verlierer-Truppe und Gejagte der AfD durch das Sommerloch geistert. Sogar Merz-Anhänger zweifelten langsam – und manch einer in der CDU fühle sich gar schon an Armin Laschet erinnert, hörte der Spiegel aus der Partei. Der Vergleich mit dem gescheiterten Kanzlerkandidaten dürfte dabei kaum zufällig gewählt sein. Und nun?

Nicht zufällig jedenfalls sorgt die Frage nach der Kanzlerkandidatenkür schon jetzt für Gereiztheiten in der Union – Merz reagierte zuletzt ausgerechnet auf Besuch in Oberbayern patzig. Auch zwei Jahre nach der Bundestagswahl haben sich CDU und CSU nicht auf ein festes Kanzlerkandidatenfindungs-Prozedere geeinigt. Und damit wohl eine wichtige Chance verstreichen lassen, eine Lösung ohne taktische Spielchen einzutüten.

Söder scheint nun auf eine Entscheidung durch die Mitglieder zu drängen. Wunschtermin: Nach den mutmaßlich für die CDU wenig erbaulichen Landtagswahlen 2024 im Osten. Merz sieht das alles ganz anders. Schon daran könnte einiges über die Kanzlerambitionen in der Union abzulesen sein.

Söder gegen Merz? In der CDU gibt es weitere Kandidaten

Allerdings geht es diesmal wohl nicht nur um Söder und einen schwächelnden CDU-Kandidaten. Mit im Bunde ist auch Hendrik Wüst, NRW-Ministerpräsident von merkelschem Grundcharakter. Mit Merz hat sich Wüst zuletzt schon in den Clinch begeben. Ob es auch eine Konfrontation mit Söder geben wird, bleibt wohl abzuwarten. Ebenso, wie der Ausgang derselben wäre.

Im Wettrennen der Schmutzeleien und Unzuverlässigkeiten liegt der Musterschwiegersohn Wüst ganz weit hinten. Selbiges würde übrigens für das Nordlicht Daniel Günther gelten – auch, wenn der seinen Platz ganz fest in Schleswig-Holstein verortet. Zunächst aber muss Söder eh erst einmal liefern – bei der Bayern-Wahl am 8. Oktober. (Florian Neumann)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON

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