VonKlaus Ehringfeldschließen
Mexiko legt ein Hilfsprogramm für von Abschiebung bedrohte Menschen in den USA auf – könnte aber überfordert sein
In Tijuana, Ciudad Juárez und all den großen und kleinen Orten entlang der dreitausend Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA spielen sich dieser Tage Szenen der Hoffnungslosigkeit ab. Verzweifelte Menschen, oft aus Venezuela und Kolumbien, sitzen in der Januarkälte und wissen nicht, was tun. Sie können nicht vor und wollen nicht zurück. Viele können auch schlicht nicht, weil sie kein Geld mehr haben oder daheim alles verkauft wurde, um den „sueño americano“ zu wagen, den Traum von einem Leben in den USA.
Es sind die Menschen, die hofften, einen Asyltermin vor der Trump-Amtsübernahme am Montag zu bekommen.
Viele sitzen fest
Aber „CBP One“, die App, mit der Migrant:innen eine Anhörung bei den US-Behörden beantragen konnten, war schon wenige Minuten nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten abgeschaltet: „Nicht mehr verfügbar“. Dazu der Hinweis auf Englisch, Spanisch und dem Créole des Inselstaats Haiti: „Alle noch anberaumten Interviewtermine sind gestrichen.“
Diese Menschen aus allen möglichen Ländern sitzen nun fest in den mexikanischen Grenzorten. Derweil bereiten sich die Städte auf eine viel größere Bewegung vor, die schon bald von jenseits der Grenze kommen könnte, wenn Trump das wahr macht, was er seit Monaten ankündigt: Die Festnahme und umgehende Abschiebung von Menschen, die ohne gültigen Aufenthaltstitel in den USA leben.
Geschätzt fünf Millionen unter ihnen sind Mexikanerinnen und Mexikaner, die vor allem in der Landwirtschaft, auf dem Bau, im Gesundheitssektor und als Servicekräfte in Gastronomie und Hotels arbeiten. Trumps Idee ist es, 20 Millionen Menschen ohne Papiere abzuschieben oder mindestens eine Million pro Jahr. Das wäre mehr als das Doppelte des höchsten Repatriierungsvolumens in der Geschichte der USA. Das war 2012 erreicht worden, als der Demokrat Barack Obama regierte.
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum versichert, ihr Land sei vorbereitet und „stark genug“, um die Landsleute aufzunehmen. Alle 53 Konsulate in den USA seien instruiert. Es gibt eine 24-Stunden-Hotline. Und mit einer App kann man bei drohender Abschiebung das nächstgelegene mexikanische Konsulat in den USA kontaktieren.
Neues Dekret
US-Präsident Donald Trump wird nach Angaben seiner Sprecherin weitere 1500 Soldaten an die Grenze zu Mexiko entsenden. Trump habe ein entsprechendes Dekret unterschrieben, sagte Sprecherin Karoline Leavitt am Mittwoch vor Journalisten.
In einer internen Mitteilung des US-Außenministeriums hieß es zudem, infolge eines von Trump nach seiner Amtsübernahme am Montag seien „alle zuvor gebuchten Reisen von Flüchtlingen in die USA“ annulliert worden.
Anfang der Woche legte die mexikanische Regierung zudem das Programm „México te abraza“ (Mexiko umarmt dich) auf, das den Abgeschobenen erste Hilfe zukommen lässt. „Mexiko wird alles Notwendige tun, um die Abgeschobenen zu betreuen und ihnen die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie nach Hause zurückkehren können“, sagte Innenministerin Rosa Icela Rodríguez. So würden Ausweisdokumente ausgestellt, die Menschen erhielten zudem 2000 Peso (95 Euro) Fahrtgeld und würden sofort in die Sozialversicherung aufgenommen, damit sie Zugang zur kostenlosen Gesundheitsversorgung bekommen. Auch soll Unterstützung bei der Jobsuche und dem Zugang zu Ausbildungsstipendien geleistet werden.
Städte wie die Millionenmetropole Tijuana am Pazifik, die gegenüber San Diegos liegt, riefen unterdessen den Notstand aus angesichts der erwarteten Abschiebungen. Damit werden finanzielle Mittel freigemacht, um unter anderem sieben zu den bereits 40 bestehenden Herbergen zu bauen. Darüber hinaus soll neues Personal eingestellt und Rechtsberatung angeboten werden. Ziel sei es, eine „würdige Behandlung“ für die Abgeschobenen sicherzustellen, sagte Tijuanas Bürgermeister Ismael Burgueño.
Fachleute bezweifeln, dass Mexiko in der Lage ist, den Rückkehrenden Lohn, Brot und Perspektive zu bieten. „Das Land ist schlicht nicht auf die Aufnahme von zigtausend rückkehrenden Landsleuten vorbereitet, die zum Teil viele Jahre im Ausland gelebt haben“, sagt Migrationsexpertin Guadalupe González.
Devisenfluss ebbt ab
„Es wird zwar mehr getan als je zuvor, aber im Allgemeinen ist Mexiko besser darin, Migranten in den USA beizustehen, als sie daheim wieder aufzufangen und einzugliedern“, ergänzt die Forscherin an der Hochschule Colegio de México. Andere Analyst:innen stimmen dem zu und sagen: Mexiko habe in der Vergangenheit vor allem die Migration kontrolliert und durch das eigene Land gesteuert, sich aber nie wirklich um die Aufnahme oder Beschäftigung von Menschen oder Rückkehrern Gedanken gemacht.
Zudem habe die massive Rückkehr auch einen großen finanziellen Nachteil, unterstreicht González. Die insgesamt zwölf Millionen Mexikaner:innen in den USA haben allein 2024 rund sechs Milliarden Dollar an Familien daheim überwiesen. Ein wichtiger Devisenzufluss fürs Land und eine soziale Abfederung für arme Bevölkerungsteile. Die „Remesas“ genannten Auslandsüberweisungen würden mutmaßlich 2025 deutlich sinken, sagt González.
