VonJana Stäbenerschließen
In der Migrationsdiskussion „profitieren Männer von der abstrakten Bedrohung durch andere Männer“. Dieser „Superheldenkomplex“ ist auch in Deutschland erkennbar.
Das Thema Migration nannten vor der Bundestagswahl viele als eines der wichtigsten Probleme in Deutschland. Im Wahlkampf wurde hitzig darüber diskutiert, wie man die irreguläre Migration in Deutschland begrenzen kann. Alle Parteien haben sich dies zum Ziel gesetzt.
Besonders hart wollen neben der AfD auch die CDU und CSU durchgreifen. Ihr Hauptargument: Kriminalität. Nach dem Messerangriff in Aschaffenburg brachte der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz Ende Januar mehrere Migrations-Anträge in den Bundestag ein.
Dabei hängt Kriminalität gar nicht direkt mit Einwanderung zusammen, sind sich mehrere Experten einig. Warum hält sich dieses Narrativ in der Migrationsdebatte trotzdem? Schuld ist der „Superheldenkomplex“, sagt die britische Autorin und Feministin Rose Hackman BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
Migration: Welche Auswirkungen das „Beschützernarrativ“ hat
„Männer profitieren von der abstrakten Bedrohung durch andere Männer“, sagt Hackman BuzzFeed News Deutschland. Für ein neues Buch hat sie mehrere Männer interviewt und festgestellt, dass sie vor allem Beschützer sein wollen. „Dieser Superheldenkomplex erscheint nur auf den ersten Blick harmlos oder sogar vielversprechend.“ Denn die von ihr befragten Männer schienen zu fordern, „dass Frauen die guten Männer, mit denen sie zusammen sind, anerkennen und die schlechten Männer, mit denen sie nicht zusammen sind, verteufeln“.
Diese Sichtweise sei falsch. „Der gefährlichste Mann im Leben einer Frau ist der Mann, mit dem sie in einer Beziehung ist oder war. Statistiken über Femizide und häusliche Gewalt bestätigen dies eindeutig“, sagt Hackman BuzzFeed News Deutschland. Das Bundeskriminalamt (BKA) geht davon aus, dass 2023 fast jeden Tag eine Frau oder ein Mädchen aufgrund ihres Geschlechts in Deutschland getötet wurde. 70 Prozent dieser „Femizide“ passierten im persönlichen Umfeld.
Wer sich Politik-Talkshows, Wahlkampf-Auftritte und Interviews anschaut, bekommt den Eindruck: Politiker sprechen eher über die Gefahr durch Migration als über Femizide. Schuld daran ist laut Hackman das „Beschützernarrativ“. Es helfe Männern nicht nur, sich in Bezug auf Frauen als „wohlwollend überlegen“ zu definieren, sondern auch, sich von „sogenannten bösen Männern“ abzugrenzen. „Auf diese Weise wird das Narrativ des patriarchalen Beschützers sehr schnell rassistisch und ausländerfeindlich.“
„Werden leichter manipuliert“: Haben in der Migrationsdebatte ein Problem
Laut Hackman erklärt der „Superheldenkomplex“ auch, warum Männer eher rechtsextreme Parteien wählen. Die Buchautorin glaubt, dass einige Männer durch neue Geschlechternormen in ihrer Männlichkeit „verunsichert“ sind. Wenn Frauen beispielsweise wirtschaftlich unabhängig sind, sind sie weniger auf einen Beschützer angewiesen. Schwierig für Männer mit „Superheldenkomplex“.
Durch diese Verunsicherung könnten sie „leichter von Parteien oder Politikern manipuliert werden, die eine fremdenfeindliche, einwanderungsfeindliche Rhetorik propagieren“, sagt Hackman BuzzFeed News Deutschland. Personen wie Donald Trump etwa würden vielen Männern das Gefühl geben, wieder „edle, tapfere, mutige Beschützer der Frauen – oder eben der Nation zu sein“. Ein Problem, das in der Migrationsdebatte in vielen Ländern zu kurz kommt. Das kann zu einer weiteren Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft führen.
Die Folgen könnten spätestens in vier Jahren spürbar werden, bei der nächsten Bundestagswahl. Sollte die künftige Koalition scheitern und es Neuwahlen geben, sogar noch früher. Fachleute warnen, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, wenn der Rechtspopulismus weiter um sich greift.
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