VonSophia Sichtermannschließen
Viele Frauen kennen das: Sind sie mit ihrem Partner unterwegs, läuft er sein Tempo. Ein Psychologe erklärt, ob dieses Verhalten eine „Red Flag“ ist.
„Anscheinend machen das ja echt viele Männer. Und ihr findet das nicht respektlos? Wenn man eine gemeinsame Wanderung plant, dann geht man doch auch zusammen“, kommentiert eine Nutzerin ein Instagram-Reel, das eigentlich witzig gemeint war. Im Video ist ein junges Paar bei einem Waldspaziergang zu sehen. Mit der Zeit entfernt sich der Mann jedoch immer weiter von seiner Freundin, sodass er letztlich gut 50 Meter vor ihr läuft. Einige Nutzer finden das witzig und können sich mit der Situation identifizieren. Andere sehen im Verhalten des Freundes ein ernstes Problem: „Nach vielen Jahren Ehe finde ich es einfach nicht mehr lustig. Deshalb gehe ich nun alleine“, kommentiert eine Frau.
Eine weitere Frau erzählt in den Kommentaren sogar von einer Situation, die bedrohlich wurde: „Das ist respektlos und gefährlich. Ich war mal mit Freunden Gebirgswandern. Wir fanden eine verletzte Frau mit zwei Kleinkindern, sie waren ein Stück abgestürzt. Den Mann fanden wir erst zwei Kilometer später, er gehe immer voraus, er hat nichts mitgekriegt, meinte er.“
Ist der Partner nur gedankenverloren unterwegs – oder steckt mehr dahinter, dass er „davonläuft“? „Unterschiedliche Bedürfnisse können in einer Partnerschaft problematisch werden. Dann kann ein solch rücksichtsloses Verhalten zu einer ‚Red Flag‘ werden“, sagt Psychologe Philip Barclay-Steuart BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Der Experte betont gleichzeitig, dass ein Video allein nicht ausreiche, um ein Verhalten als problematisch einzustufen. Es sei wichtig, auf Dynamiken in Beziehungen bewusst und aufmerksam zu achten.
Rücksichtsloses Verhalten: Männer neigen in Beziehungen eher dazu
Was viele Frauen in den Kommentaren vermuten, kann der Psychologe bestätigen: „Tendenziell sind Männer weniger empathisch. Sie neigen zu einer geringeren Anpassungsfähigkeit und zu mehr Egozentrismus.“ Das sei unter anderem durch ihre Sozialisation bedingt. Männer würden oft weniger die Perspektive ihrer Partnerin einnehmen und sich in ihre Bedürfnisse hineinversetzen. Die gute Nachricht: Empathie lasse sich trainieren. „Jüngere Generationen von Männern sind viel aufmerksamer und bewusster“, sagt der Psychologe.
Falls hinter dem schnellen Vorausgehen ein bewusstes Verhalten stecke, sollte der Freund dies kommunizieren, rät Barclay-Steuart. Zum Beispiel so: „‘Ich möchte mich weniger unterhalten und stattdessen die Natur genießen – die Vögel hören, den Wind spüren.‘“
Experte: Gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen kann eine Lösung sein
Wie kann man das Problem des Vorauslaufens ansprechen und lösen? Der Experte empfiehlt die gewaltfreie Kommunikation. „Statt sofort zu bewerten, sollte man zuerst neutral eine Beobachtung schildern – etwa: ‚Du bist wieder 20 Meter vor mir‘ statt ‚Warum rennst du mir weg?‘“, sagt Barclay-Steuart BuzzFeed News Deutschland. Anschließend solle man sein Gefühl („Das frustriert mich etwas“) und dann das dahinterliegende Bedürfnis („Ich wünsche mir, dass du mehr an meiner Seite läufst“) äußern. „Abschließend formuliert man eine Bitte – wertfrei und ohne Schuldzuweisung“, sagt der Experte. So entstehe ein konstruktives Gespräch, in dem jeder seine Perspektive erklären könne.
Grundsätzlich empfiehlt der Psychologe, Bedürfnisse als Partner „so früh wie möglich“ zu klären: „Wenn jemand Nähe, Händchen halten, schmusen und gemeinsame Zeit besonders schätzt, während der andere primär für sich sein möchte, kann das langfristig zu Konflikten führen.“ Dabei könne nicht nur distanzierendes Verhalten problematisch werden, auch zu viel Nähe könne „einnehmend und grenzüberschreitend“ sein, sagt der Psychologe.
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