Analyse

Fachkräftemangel: Das passiert, wenn Deutschland planlos auf Migration aus Afrika setzt

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Svenja Schulze (SPD, l), Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und Hubertus Heil (SPD, M), Bundesminister für Arbeit und Soziales, besuchen die KAD Textilfabrik in Ghana.

Bei der Bekämpfung seines Fachkräftemangels sollte Deutschland nicht planlos auf Afrika setzen. Obwohl viele junge Menschen vom Leben und Arbeiten im Westen träumen, sind die Hürden, nach Deutschland zu kommen, noch immer hoch.

Sprache, Kultur und ein bürokratischer Flaschenhals sind die wesentlichen Hindernisse.

Diese Analyse liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Europe.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Europe.Table am 02. Mai 2023.

Vor wenigen Wochen in Ghana: Entwicklungsministerin Schulze und Arbeitsminister Heil eröffnen in der Hauptstadt Accra das „Ghanaisch-Europäische Zentrum für Arbeitsplätze, Migration und Entwicklung“. Es könnte als Blaupause dienen für weitere geplante Zentren in Marokko, Tunesien, Ägypten und Nigeria. 150 Millionen Euro steckt das BMZ in diese Maßnahme.

Doch das Interesse ist bislang überschaubar. Deutschlands akuter Fachkräftemangel hat die Sprachregelung in der Debatte um qualifizierte Migration verändert: „Bleibt, wo ihr seid“ – das war der Sound vergangener Jahre. Heute dagegen: „Bitte kommt, wenn Ihr was könnt!“. Neue Töne gegenüber Afrika. Und – machen sie Deutschland attraktiver?

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Es fehlt am Immigrant Spirit

Viele junge Menschen mit Fachwissen sind zurückhaltend, und dafür gibt es Gründe. Einer der häufigsten: Die deutsche Sprache ist schwer, aber Voraussetzung. Selbst wer sie vor Visumsantrag erlernt, hat keine Garantie, dass das für einen positiven Bescheid ausreicht. Englisch oder Französisch sind hierzulande keine Amtssprachen. Nur vier Prozent aller Stellen in Deutschland würden auf englisch ausgeschrieben, obwohl die Weltsprache in vielen Jobs heute völlig normal sei. Chris Pyak, Karrierecoach für internationale Fachkräfte, empfiehlt deshalb beim Thema Spracherwerb mehr Praxisnähe.

Deutschland brauche eine neue Kultur gegenüber Einwanderern, einen immigrant spirit: „Wenn wir wollen, dass die Besten zu uns kommen, dann müssen wir uns auch um sie bemühen. Sonst kommen nur die, die keine Wahl haben.“ Aus Pyaks Sicht wäre es klüger, Bewerber in Zukunft auch ohne anerkannten Abschluss in Deutschland arbeiten zu lassen und die Anerkennung nachzuholen.  

Verfahren könnten einfacher werden

Letzteres findet sich tatsächlich im Gesetzentwurf zum neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz, der kürzlich beschlossen wurde. Danach kann ein Anerkennungsverfahren für im Ausland erworbene Berufsabschlüsse – anders als bisher – auch im Inland begonnen werden. Mit einer sogenannten Anerkennungspartnerschaft verpflichten sich Beschäftigte und Arbeitgeber dazu, eine Nachqualifikation bis zur vollen Anerkennung des Berufsabschlusses durchzuführen.

Bestandteil des neuen Gesetzes ist auch die „Chancenkarte“. Danach müssen Arbeitsmigranten aus Drittstaaten wie in Afrika eine zweijährige Ausbildung im Herkunftsland durchlaufen haben und hinreichend deutsch sprechen. Zudem müssen sie in der Lage sein, hier selbst für ihren Unterhalt zu sorgen und nach Kriterien wie Sprache oder Berufserfahrung mindestens sechs Punkte auf der Chancenkarte erreichen.

Zuwanderung als Chance begreifen

Migration als Chance, nicht als Schreckgespenst – so steht es in der Afrikastrategie des BMZ, die Table.Media bereits im Februar vorstellte. Für Christof Baum, Leiter eines Solar-Trainingszentrums in der Nähe der ghanaischen Hauptstadt Accra, kommt diese Erkenntnis reichlich spät. „Afrika hat überhaupt nicht stattgefunden, die Politik hat das voll verpennt. Die hat Afrikanerinnen und Afrikaner nur als Flüchtlinge wahrgenommen, nicht als Fachkräfte.“

Im Auftrag der katholischen Ordensgemeinschaft Don Bosco bildet Baum seit Jahren auf dem Kontinent Solartechniker aus und versucht, sie nach Deutschland zu vermitteln. Seine Idealvorstellung: Die jungen Leute gehen für ein paar Jahre nach Deutschland, verdienen dort Geld, sammeln Erfahrungen und kehren zurück in ihre Heimat, um sich dort etwas aufzubauen.

Für seine Solartechniker gibt es bereits eine Jobzusage, aber seit Monaten hängt das Verfahren um die Anerkennung der Abschlüsse. „In Deutschland werden sie dringend gebraucht, hier finden sie keine Arbeit, und trotzdem klappt es nicht. Das ist doch Unsinn“, ärgert sich Baum.

Zu oft gibt es kein Visum

Und dann ist noch die Sache mit dem Visum – ohne geht gar nichts. Das Thema ist noch immer einer der größten Stolpersteine bei der Arbeitsmigration. Dass deutsche Behörden vielen Antragstellern wenig verklausuliert unterstellen, sich mit dem Schengen-Visum einen Fluchtweg nach Europa zu organisieren, empfinden viele Afrikaner als Demütigung. Mitunter gibt es selbst für private Familienfeiern von Angehörigen in Deutschland kein Visum, auch die Einladung von Gastwissenschaftlern gestaltet sich häufig kompliziert. In 24 der 55 afrikanischen Staaten gibt es zudem keine diplomatische Vertretung Deutschlands, die überhaupt Visa ausstellen würde.

So überrascht es kaum, dass qualifizierte Zuwanderung aus Afrika überschaubar ausfällt. Es gibt bislang keine nennenswerte Arbeitsmigration vom südlichen Nachbarn Europas nach Deutschland. Deutsche Unternehmen werben noch immer sehr zurückhaltend in Afrika an, obwohl oft von den Arbeitskräftepotenzialen Afrikas geschwärmt wird. Hier vergibt Deutschland möglicherweise eine strategische Chance, um neue und dringend benötigte qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen.

Strategische Zukunftsfrage ungelöst

Die demografische Entwicklung Afrikas ist gewaltig: Nach Projektionen der Vereinten Nationen wird sich die afrikanische Gesellschaft bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen mindestens verdoppeln.

Auf Zuzüge aus EU-Staaten sollte Deutschland besser nicht warten. Denn vielen EU-Staaten geht es mit Schrumpfung und Alterung der Gesellschaft ähnlich wie uns.

So wird es langsam ernst mit der strategischen Zukunftsfrage, wer für die Prosperität von morgen sorgen soll. Anuscheh Farahat, Professorin für Migrationsrecht und Menschenrechte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, plädiert für mehr Experimentierfreude. Natürlich könne Migration aus Afrika eine Chance für Deutschland sein, aber nicht in der Annahme, wir bekämen die perfekt ausgebildeten Menschen. Es brauche migrationspolitische Programme, angepasst auf den Arbeitsmarkt. Außerdem beruhe Zuwanderung auf Gegenseitigkeit. Wenn Deutschland dies wolle, müsse es sich auch für die soziale Integration engagieren: keine Ghettoisierung der Zuziehenden, bezahlbare Wohnungen, kulturelle Angebote, eine neue Bildungspolitik. „Allein das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung wird nicht reichen.“ (Harald Prokosch)

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