„Rüsten und selbst“ - Polens Ukraine-Unterstützung wackelt
Äußerungen von Polens Regierungschef Morawiecki werden unterschiedlich interpretiert – denn sie bergen Konfliktpotenzial.
Warschau – Wie hat Polens Regierungschef das nun gemeint? Im Konflikt um das polnische Importverbot für ukrainisches Getreide hat Mateusz Morawiecki für Spekulationen gesorgt. Auf die Frage, ob Polen trotz des Getreide-Streits die Ukraine weiter unterstützen werde, antwortete er: „Wir liefern schon keine Rüstungsgüter mehr an die Ukraine, sondern rüsten uns selbst mit den modernsten Waffen aus.“
Das Interview wurde am Mittwochabend (20. September) im Fernsehsenders Polsat News geführt. Morawiecki führte weiter aus, Polen haben seine Bestellungen für Rüstungsgüter enorm erweitert. „Wenn du dich nicht verteidigen willst, musst du etwas haben, womit du dich verteidigen kannst – zu dieser Regel bekennen wir uns.“
Die polnische Armee solle in kurzer Zeit eine der stärksten Landarmeen Europas werden, erklärte der polnische Ministerpräsident.
Streit um Getreide spitzt sich zu – die Hintergründe
Durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist die klassische Exportroute für ukrainisches Getreide über das Schwarze Meer blockiert. Für den Transport über den Landweg verhängte die EU Handelsbeschränkungen gegen die Ukraine, um Landwirte in den Transitländern – darunter Polen, Ungarn, Bulgarien und Rumänien – zu schützen. Getreide aus der Ukraine durfte durch die Länder transportiert, jedoch nicht dort verkauft werden.
Am 15. September hatte die EU-Kommission die Handelsbeschränkungen für beendet erklärt. Polen, Ungarn und die Slowakei kündigten aber umgehend an, sich nicht daran zu halten. Polen drohte zudem mit Importbeschränkungen auf weitere Produkte.
Eine Kontext-Frage? Polens Regierung über Waffenlieferungen an die Ukraine
Während seine erste Aussage zu den Rüstungsgütern klar formuliert schien, deutete der Kontext darauf hin, dass Morawiecki eher keinen vollständigen Stopp der Waffenlieferungen an Kiew gemeint haben dürfte. Vielmehr schien er darauf abzuheben, dass Polen parallel dazu auch die eigene Armee aufrüste.
Mehrere polnische Nachrichtenportale, darunter die staatliche Nachrichtenagentur PAP, interpretierten Morawieckis Äußerung allerdings so, dass Polen seine Waffenlieferungen an die Ukraine einstellen werde. Eine Bitte der Nachrichtenagentur dpa um Klarstellung ließ die polnische Regierung zunächst unbeantwortet.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses
Polen verspricht, weiterhin Drehkreuz für Militärhilfen an Ukraine zu sein
An einer anderen Stelle des Interviews betonte Morawiecki, dass die Regierung in Warschau keinesfalls die Sicherheit der Ukraine gefährden werde. „Unser Drehkreuz in Rzeszow wird im Einvernehmen mit den Amerikanern und der Nato weiterhin die gleiche Rolle spielen wie bisher und auch in Zukunft“, versicherte er. Über die Stadt Rzeszow im Südosten Polens läuft ein Großteil der westlichen Militärhilfe für die Ukraine in deren Abwehrkampf gegen den Aggressor Russland.
Das EU- und Nato-Land Polen ist nicht nur einer der wichtigsten politischen und militärischen Unterstützer der Ukraine. Es hat seit Beginn des Ukraine-Kriegs auch eine große Zahl von Kriegsflüchtlingen aus dem Nachbarland aufgenommen. (AFP/dpa/frs)