Putin „hat viele Leben gestohlen“

„Werde dann Russen erschießen“: Ukrainer in Russland zittern vor möglicher Mobilisierung

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Teilmobilisierung in Russland: Russische Soldaten bereiten sich auf ihren Eintritt in die Volksmiliz der selbsternannten pro-russischen Volksrepublik Luhansk vor.
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Im Ukraine-Krieg könnte eine mögliche neue Mobilisierung durch das russische Militär auch Ukrainer in Russland treffen und sie dazu zwingen, gegen ihr eigenes Land zu kämpfen.

München - Das russische Militär erleidet im Ukraine-Krieg hohe Verluste. Um weiterhin Offensivoperationen durchführen zu können, benötigt Russland dringen Soldaten. Die im September begonnene Teilmobilisierung endete vor kurzem. Doch Ukrainer in Russland fürchten sich schon vor der nächsten. Denn die könnte auch sie betreffen – und sie zum Kampf gegen ihr eigenes Land zwingen. Der Grundstein dafür wurde schon lange vor Kriegsbeginn gelegt.

Ukraine-Krieg: Ukrainer Ivan fürchtet russische Mobilisierung – „Werde Russen erschießen“

Einer der Ukrainer, die vor einer möglichen neuen Mobilisierung zittern, ist Ivan. Der ukrainischen Online-Zeitung Kyiv Independent schilderte er seine Lage nach der von Kreml-Chef Wladimir Putin im September angekündigten Teilmobilisierung. Gemeinsam mit seinen Freunden habe er ständig russische Telegram-Kanäle durchforstet und versucht herauszufinden, ob auch er für den Militärdienst in der russischen Armee bestimmt ist.

Der Gedanke besorgt ihn: Immerhin würde dies für ihn eine Beteiligung am Krieg gegen sein eigenes Land bedeuten. Die Gefahr besteht auch heute noch, obwohl die Teilmobilisierung beendet ist. Eine neue Mobilisierung könnte jederzeit beschlossen werden. Ivan hat allerdings keine Absicht, Krieg gegen seine Heimat zu führen. „Ich werde nicht auf Ukrainer schießen“, sagte Ivan der Kyiv Independent und ergänzte: „Ich werde Russen erschießen und mich dann an ukrainische Truppen ergeben.“

Ukraine-Krieg: Russland zwingt Ukrainer zu russischer Staatsbürgerschaft

Ivan hält einen russischen Pass und kommt daher für den Militärdienst infrage. Nachdem Russland 2014 die Halbinsel Krim sowie Gebiete im Osten der Ukraine besetzt hatte, starteten russische Behörden kurz darauf die Vergabe von russischen Pässen in diesen Regionen. Zwar wurden Ukrainer meistens dazu gezwungen, russische Staatsbürger zu werden. Doch Ivan gehört nicht zu dieser Gruppe. Er trat freiwillig zur russischen Staatsbürgerschaft über, um seine Heimatstadt Donezk – einen „hoffnungslosen Platz“ – zu verlassen und nach Russland zu fliehen.

Niemand habe ihn dazu gezwungen, erklärte er. Was er aber nicht ahnte: die Anhebung der Altersgrenze für den militärischen Dienst. Zuvor lag sie bei 27. Damals war Ivan 36 Jahre alt und musste sich deshalb nicht fürchten. Mit der jüngsten Mobilisierung wurde die Grenze auf 50 angehoben. Für Ivan heißt das nun womöglich eine Rekrutierung durch das russische Militär. „Russland ist sich bewusst, dass diese Menschen Ukrainer sind und sendet sie absichtlich in den Krieg“, unterstreicht er: „Ein kleiner Mann (Putin, Anm. d. Redaktion) hat viele, viele Leben gestohlen.“

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Ukraine-Krieg: Russische „Passportisierung“ unter Zwang jetzt auch in Cherson und Saporischschja

Die „Passportisierung“ der Ukrainer durch russische Behörden findet nun offenbar auch in den Regionen Cherson und Saporischschja statt. Neben Donezk und Luhansk wurden auch diese ukrainischen Regionen von Russland annektiert. Das russische Militär könnte also jetzt auch dort Ukrainer rekrutieren. Dabei geht Moskau nach einem bestimmten Prozess vor.

Laut dem obersten russischen Gericht ist jeder in den annektierten Regionen automatisch russischer Staatsbürger, egal ob man es will oder nicht. Der einzige Weg, kein russischer Staatsbürger zu werden: Ein Brief an die zuständige Behörde, in dem man fordert, keinen russischen Pass zu erhalten. Doch das birgt Risiken, wie die Kyiv Independent unter Berufung auf Oleksi, einem Ukrainer aus Donezk, berichtete. Allein wenn man auftaucht, um den Papierkram zu erledigen, begebe man sich in Gefahr. (bb)

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